Ist Da­bei­sein wirk­lich al­les?

Wahl­kampf 42 Par­tei­en ver­su­chen, in den Bun­des­tag ein­zu­zie­hen. Bei 35 von ih­nen wird es al­ler Vor­aus­sicht nach beim Ver­such blei­ben. Reizt die Klei­nen nur das Geld, das es pro Stim­me gibt?

Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt) - - Politik - VON JA­KOB STADLER Fo­to: Hol­ger Holl­mann, dpa

Augs­burg Wenn am Wahl­sonn­tag die Bal­ken stei­gen und ver­ra­ten, wie vie­le Wäh­ler nun für wel­che Par­tei ge­stimmt ha­ben… Wer schaut da schon auf die rech­te Sei­te der Ska­la? Der graue Bal­ken ist un­schein­bar. Viel­leicht er­wähnt ein Mo­de­ra­tor, wie vie­le „Sons­ti­ge“ge­wählt ha­ben – da­nach wird nicht mehr über die kleins­ten Par­tei­en ge­spro­chen.

Ei­gent­lich ste­hen Kan­di­da­ten von 42 Par­tei­en zur Wahl. Dass aber zum Bei­spiel die V-par­tei3 – die drei V ste­hen für Ve­rän­de­rung, Ve­ge­ta­ri­er und Ve­ga­ner – in den Bun­des­tag ein­zieht, gilt als aus­ge­schlos­sen. Trotz­dem steht sie in zwölf Län­dern, un­ter an­de­rem in Bay­ern, auf dem Stimm­zet­tel. Auch die Ur­ba­ne, ei­ne Hip-hop-par­tei, die es bis­her nur in Ber­lin gibt, hat kei­ne rea­le Chan­ce. So geht es 35 Par­tei­en, die nicht CDU, CSU, SPD, Lin­ke, Grü­ne, FDP oder AFD hei­ßen.

War­um tre­ten sie dann an? „In al­ler Re­gel aus Idea­lis­mus“, sagt Micha­el Koß, Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler von der Lud­wig-ma­xi­mi­li­ans-uni­ver­si­tät in Mün­chen. Es ge­be Aus­nah­men. Doch grund­sätz­lich glaub­ten die Par­tei­en, et­was be­wir­ken zu kön­nen. Oft sind es Ein-the­mapar­tei­en, die ihr An­lie­gen in die Öf­fent­lich­keit rü­cken wol­len. Bei ei­ni­gen kä­me da­zu viel­leicht noch ein ge­wis­ser Nar­ziss­mus, ein Gel­tungs­be­dürf­nis. „Das ist im Bun­des­tag aber auch nicht an­ders.“

Ei­ne der Aus­nah­men sei et­wa „Die Par­tei“– die Par­tei für Ar­beit, Rechts­staat, Tier­schutz, Eli­ten­för­de­rung und ba­sis­de­mo­kra­ti­sche Initia­ti­ve. Die Sa­ti­re­par­tei sei eher Mar­ke­ting für „selbst er­nann­te Co­me­di­ans im All­ge­mei­nen und das Ma­ga­zin im Be­son­de­ren“. Re­dak­teu­re des Sa­ti­re­blat­tes ha­ben sie 2004 ge­grün­det, Vor­sit­zen­der ist der ehe­ma­li­ge Chef­re­dak­teur Mar­tin Son­ne­born. „Ich glau­be, dass die Ti­ta­nic da­mit ih­re Ver­brei­tung stei­gern konn­te.“Vie­le Mit­glie­der ar­bei­ten im Be­reich Sa­ti­re oder Come­dy. Sie ver­su­chen durch „Die Par­tei“be­kann­ter zu wer­den und im Ge­spräch zu blei­ben, schätzt Koß.

Doch über die Par­tei­en­fi­nan­zie­rung winkt den Kan­di­da­ten ei­ne Men­ge Geld. 2016 wur­den ins­ge­samt 160,5 Mil­lio­nen Eu­ro an die Par­tei­en über­wie­sen. Die Gro­ßen im Bun­des­tag er­hiel­ten den Lö­wen­an­teil von knapp 140 Mil­lio­nen. An FDP und AFD, die bei der letz­ten Bun­des­tags­wahl knapp schei­ter­ten, gin­gen noch ein­mal et­was mehr als 15 Mil­lio­nen Eu­ro (FDP: 9,2 Mil­lio­nen, AFD: 6,1 Mil­lio­nen).

Und auch der Rest ist un­gleich ver­teilt. Mit Ab­stand vor den Kleins­ten folg­ten 2016 Freie Wäh­ler (1,6 Mil­lio­nen), NPD (1,1 Mil­lio­nen), Pi­ra­ten (800 000) und ÖDP (800 000). Zehn wei­te­re Par­tei­en er­hiel­ten klei­ne­re Be­trä­ge, das Schluss­licht bil­de­te die von der Tier­schutz­par­tei ab­ge­spal­te­ne Tier­schutz­al­li­anz mit knapp 3000 Eu­ro.

Wie Koß zu­sam­men­fasst: „Wenn man ver­gleicht, was man rein­steckt und was man her­aus­be­kommt … Es gibt ein­fa­che­re We­ge, um an Geld zu kom­men.“Denn um über­haupt staat­li­che För­de­run­gen zu be­kom­men, müs­sen ei­ni­ge Hür­den ge­nom­men wer­den. Bei ei­ner Land­tags­wahl sind ein Pro­zent der Stim­men nö­tig, bei ei­ner Eu­ro­pa- oder Bun­des­tags­wahl sind es 0,5 Pro­zent. Und ei­ne Par­tei kann ma­xi­mal so viel Steu­er­geld er­hal­ten, wie sie selbst er­wirt­schaf­tet hat. Sie kann al­so höchs­tens zu 50 Pro­zent vom Staat fi­nan­ziert wer­den.

Für die ers­ten vier Mil­lio­nen Stim­men gibt es dann ei­nen Eu­ro, für je­de wei­te­re 85 Cent. Koß sagt: „Die ste­hen nicht im Re­gen, wenn sie das hal­be Pro­zent bei ei­ner Bun­des­tags­wahl er­rei­chen. Aber das fällt ja auch nicht vom Him­mel.“Vie­le Par­tei­en ge­hen da­her kom­plett leer aus, auch wenn sie ei­ne Men­ge Ar­beit in ih­ren Wahl­kampf ste­cken.

Soll­ten wir uns die klei­nen Par­tei­en mer­ken? „Nee, ich glau­be nicht“, ant­wor­tet der Ex­per­te. Zwar ge­be es klei­ne Par­tei­en, die sich über Jah­re hal­ten. Doch dass ei­ne da­von in den nächs­ten Jah­ren im gro­ßen po­li­ti­schen Be­trieb mit­mi­schen kann, glaubt er nicht. „Ich se­he da ak­tu­ell kei­ne wei­te­re Ni­sche.“

Ge­ballt auf ei­ner Stell­wand: Pla­ka­te der Au­ßen­sei­ter.

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