Ka­zuo Is­hi­gu­ro: Al­les, was wir ge­ben muss­ten (66)

Augsburger Allgemeine (Land Nord) - - Wetter | Roman -

Nur schein­bar gut be­treut, wach­sen Ruth, Tom­my und Ka­thy in ei­nem eng­li­schen In­ter­nat auf. Ih­re ei­gent­li­che Le­bens­be­stim­mung ist: Or­ga­ne zu spen­den.

© 2016 Wil­helm Heyne Ver­lag, München, in der Ver­lags­grup­pe Ran­dom Hou­se Gm­bH. Über­set­zung: Bar­ba­ra Scha­den

An die­sem Abend, als ich in ei­nem Mo­tel­zim­mer ein­zu­schla­fen ver­such­te, muss­te ich im­mer wie­der über ei­ne Be­geg­nung nach­den­ken, die ich ein paar Ta­ge zu­vor ge­habt hat­te. Ich war in Nord­wales in ei­ner Stadt am Meer ge­we­sen. Den gan­zen Vor­mit­tag über hat­te es in Strö­men ge­gos­sen, aber um die Mit­tags­zeit hör­te der Re­gen auf, und die Son­ne kam so­gar her­vor. Ich war auf dem Weg zu mei­nem Au­to, das ich in ei­ner die­ser lan­gen ge­ra­den Küs­ten­stra­ßen ge­parkt hat­te. Es war kaum ein Mensch un­ter­wegs, und vor mir zog sich ei­ne un­un­ter­bro­che­ne Li­nie nas­ser Pflas­ter­stei­ne end­los hin. Nach ei­ner Wei­le hielt vi­el­leicht drei­ßig Me­ter vor mir ein Lie­fer­wa­gen, und ein Mann stieg aus, der als Clown ver­klei­det war. Er öff­ne­te die Hin­ter­tür und nahm ein Bün­del he­li­um­ge­füll­ter Luft­bal­lons her­aus, vi­el­leicht ein Dut­zend Stück, die er an den Schnü­ren in ei­ner Hand hielt, wäh­rend er sich vor­beug­te und mit der an­de­ren in sei­nem Fahr­zeug stö­ber­te. Als ich nä­her

trat, sah ich, dass die Bal­lons Ge­sich­ter und ab­ste­hen­de Oh­ren hat­ten, wie Mit­glie­der ei­nes klei­nen Stamms, die hoch über ih­rem An­füh­rer in der Luft schweb­ten und auf ihn war­te­ten.

Der Clown rich­te­te sich auf, sperr­te sei­nen Lie­fer­wa­gen ab und setz­te sich in der­sel­ben Rich­tung in Be­we­gung, in die auch ich ging. Er war meh­re­re Schrit­te vor mir, ei­nen klei­nen Kof­fer in der ei­nen Hand, die Bal­lons in der an­de­ren. Die Küs­ten­stra­ße zog sich lang und ge­ra­de hin, und ich hat­te das Ge­fühl, dass ich ei­ne Ewig­keit hin­ter ihm her­trot­te­te. Manch­mal war mir die Si­tua­ti­on pein­lich, und ich dach­te schon, der Clown wer­de sich frü­her oder spä­ter um­dre­hen und mich an­spre­chen. Aber ich hat­te kei­ne Wahl und muss­te nun mal die­se Rich­tung ein­schla­gen. Al­so gin­gen wir wei­ter, der Clown und ich, auf die­sem men­schen­lee­ren, noch re­gen­nas­sen Bür­ger­steig, und wäh­rend der gan­zen Zeit rem­pel­ten die Bal­lons sich ge­gen­sei­tig an und grins­ten auf mich her­un­ter. Ab und zu sah ich die Faust des Man­nes, in der al­le Bal­lon­schnü­re zu­sam­men­lie­fen, und ich sah, dass er sie um­ein­an­der ge­wi­ckelt hat­te und mit si­che­rem Griff hielt; den­noch mach­te ich mir Sor­gen, dass sich ein Fa­den lö­sen und ein ein­zel­ner Bal­lon in den wol­ken­ver­han­ge­nen Him­mel da­von­se­geln könn­te.

Als ich nach der Be­geg­nung mit Ro­ger abends wach im Bett lag, sah ich wie­der die­se Bal­lons vor mir. Und ich dach­te, die Schlie­ßung von Hails­ham war so, als kä­me je­mand mit ei­ner Sche­re und durch­trenn­te die Bal­lon­schnü­re ge­nau dort, wo sie sich über der Hand des Man­nes um­ein­an­der schlan­gen. Dann wä­re je­des Ge­fühl von Zu­sam­men­ge­hö­rig­keit da­hin. Als Ro­ger mir von der Schlie­ßung be­rich­te­te, hat­te er ei­ne Be­mer­kung ge­macht, die mir nicht mehr aus dem Sinn ging: Er fand, dass es für un­ser­ei­nen kei­ne gro­ße Rol­le mehr spiel­te, ob es Hails­ham gab oder nicht. Und in man­cher Hin­sicht moch­te er Recht ha­ben. Aber die Vor­stel­lung, dass es dort nicht so wei­ter­ging wie im­mer, dass es kei­ne Auf­se­he­rin wie Miss Ge­ral­di­ne mehr gab und kei­ne Ju­nior­Grup­pen mehr zum nörd­li­chen Sport­platz ge­führt wur­den – die­se Vor­stel­lung war schreck­lich.

In den Mo­na­ten nach dem Ge­spräch mit Ro­ger dach­te ich im­mer wie­der lan­ge über die Schlie­ßung von Hails­ham und die Fol­gen nach. Und wahr­schein­lich be­gann mir zu däm­mern, dass ich vie­les, was ich noch vor­hat­te, wo­von ich im­mer ge­glaubt hat­te, ich hät­te noch je­de Men­ge Zeit da­für, ent­we­der ziem­lich bald in An­griff neh­men oder aber für im­mer auf­ge­ben muss­te. Nicht, dass ich des­we­gen gleich in Pa­nik ge­riet. Aber ich hat­te das sehr deut­li­che Ge­fühl, dass mit der Schlie­ßung von Hails­ham al­les um uns in ei­ne Schief­la­ge ge­ra­ten war. Das ist der Grund, wes­halb Lau­ras Vor­schlag auf dem Park­platz, ich könn­te doch Ruths Be­treue­rin wer­den, ei­ne sol­che Wir­kung auf mich aus­üb­te, ob­wohl ich Ruth da­mals völ­lig aus mei­nen Ge­dan­ken ver­bannt hat­te. Es war fast so, als hät­te ein Teil von mir die Ent­schei­dung be­reits ge­trof­fen und Lau­ras Wor­te hät­ten nur den dar­über ge­brei­te­ten Schlei­er fort­ge­zo­gen.

Nur we­ni­ge Wo­chen nach dem Ge­spräch mit Lau­ra such­te ich zum ers­ten Mal das Er­ho­lungs­zen­trum in Do­ver auf, die­se mo­der­ne An­la­ge mit den weiß ge­ka­chel­ten Wän­den, in der Ruth un­ter­ge­bracht war. Seit ih­rer ers­ten Spen­de – die, wie Lau­ra ver­ra­ten hat­te, gar nicht gut ver­lau­fen war – wa­ren et­wa zwei Mo­na­te ver­stri­chen. Als ich ihr Zim­mer be­trat, saß sie im Nacht­hemd auf der Bett­kan­te und lä­chel­te mich strah­lend an. Sie stand auf, um mich zu um­ar­men, setz­te sich aber fast so­fort wie­der hin. Sie sag­te, ich sä­he bes­ser aus denn je, und mei­ne Fri­sur ste­he mir aus­ge­zeich­net. Auch ich mach­te ihr Kom­pli­men­te, und wäh­rend der nächs­ten hal­ben St­un­de wa­ren wir, glau­be ich, bei­de ehr­lich be­geis­tert, dass wir uns wie­der ge­fun­den hat­ten. Wir re­de­ten über al­les Mög­li­che – über Hails­ham, die Cot­ta­ges, al­les, was wir seit­her ge­tan hat­ten –, und es war, als könn­ten wir bis in al­le Ewig­keit so wei­ter­re­den. Mit an­de­ren Wor­ten, es war ein wirk­lich er­mu­ti­gen­der Neu­an­fang – viel bes­ser, als ich zu hof­fen ge­wagt hat­te.

Und doch ver­lo­ren wir in die­ser ers­ten Zeit kein Wort über die Art und Wei­se, wie wir da­mals aus­ein­an­der ge­gan­gen wa­ren. Vi­el­leicht wä­re al­les an­ders ge­kom­men, wenn wir die­sen wun­den Punkt schon zu Be­ginn in An­griff ge­nom­men hät­ten, wer weiß? Tat­sa­che ist, dass wir ihn ein­fach über­gin­gen, und nach­dem wir uns ei­ne Wei­le un­ter­hal­ten hat­ten, war es, als hät­ten wir still­schwei­gend ver­ein­bart, so zu tun, als sei nie et­was zwi­schen uns vor­ge­fal­len.

Bei un­se­rer ers­ten Be­geg­nung mag das noch in Ord­nung ge­we­sen sein. Aber nach­dem ich of­fi­zi­ell ih­re Be­treue­rin ge­wor­den war und sie re­gel­mä­ßig be­such­te, wur­de das dump­fe Ge­fühl, dass zwi­schen uns et­was nicht stimm­te, un­ab­weis­bar. Ich hat­te mir an­ge­wöhnt, drei- bis vier­mal in der Wo­che spät­nach­mit­tags mit Mi­ne­ral­was­ser und ei­ner Pa­ckung ih­rer Lieb­lings­kek­se vor­bei­zu­kom­men, und es hät­te wun­der­schön sein müs­sen, aber zu­nächst ver­lie­fen un­se­re Be­geg­nun­gen al­les an­de­re als schön. Wir fin­gen über ir­gend­was zu re­den an, ir­gend­ein völ­lig harm­lo­ses The­ma, und auf ein­mal ge­riet das Ge­spräch oh­ne er­sicht­li­chen Grund ins Sto­cken. Oder es wur­de im­mer ge­spreiz­ter und ver­krampf­ter, je län­ger es dau­er­te.

Ei­nes Nach­mit­tags schritt ich ih­ren Flur ent­lang, um sie zu be­su­chen, und hör­te, dass der Du­sch­raum ge­gen­über ih­rem Zim­mer be­setzt war. Da ich sie selbst dar­in ver­mu­te­te, be­trat ich ihr Zim­mer, wo ich am Fens­ter stand und auf die vie­len Dä­cher hin­aus­schau­te und war­te­te. Es ver­stri­chen vi­el­leicht fünf Mi­nu­ten, dann kam sie in ein Hand­tuch ge­hüllt her­ein. Der Ge­rech­tig­keit hal­ber muss ich sa­gen, dass sie mich erst ei­ne St­un­de spä­ter er­war­tet hat­te, und ver­mut­lich füh­len wir al­le uns ein biss­chen ver­letz­lich, wenn wir aus der Du­sche kom­men und uns nur ein Hand­tuch um­ge­wi­ckelt ha­ben. Trotz­dem ver­schlug es mir die Spra­che, als ich den alar­mier­ten Aus­druck in ih­rem Ge­sicht sah. »67. Fort­set­zung folgt

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