War­um gibt es an Sankt Mar­tin La­ter­nen­um­zü­ge?

Brauch­tum Um­zü­ge, ein Mar­tins­spiel und Gän­se­bra­ten – all das ist Tra­di­ti­on am 11. No­vem­ber. Ein Ex­per­te er­klärt, wo­her das kommt und war­um der Hei­li­ge so be­liebt ist

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Erste Seite -

Der hei­li­ge Mar­tin leb­te vor über 1600 Jah­ren, den­noch kennt je­der sei­ne Ge­schich­te. Wie kommt das?

Man­fred Be­cker-Hu­ber­ti:

Mar­tin ist aus vie­len Grün­den bis heu­te po­pu­lär. Ei­ner der wich­tigs­ten ist, dass sei­ne Gestalt die christ­li­che Nächs­ten­lie­be ver­kör­pert, und zwar so, wie sie von Je­sus Chris­tus vor­ge­schrie­ben ist: den Nächs­ten so zu be­han­deln wie sich selbst. Das zeigt Mar­tin, in­dem er sei­nen Man­tel mit ei­nem Bett­ler teilt. Auch das Mar­tins-Bild, das aus der An­ti­ke über­nom­men wur­de, spielt ei­ne Rol­le. Gr­ab­stei­ne von rö­mi­schen Of­fi­zie­ren zei­gen die­se oft auf ei­nem tän­zeln­den Pferd mit ei­nem Schwert in der Hand, von dem Blut hin­ab­tropft, und der ge­tö­te­te Feind liegt un­ten. Bei Mar­tin ist es ähn­lich, aber vom Schwert tropft kein Blut, das Schwert wird be­nutzt, um je­man­dem das Le­ben zu er­hal­ten.

Weiß man, wie viel von die­ser Ge­schich­te wahr ist und wie viel Le­gen­de?

Die ers­te Hei­li­genVi­ta im Chris­ten­tum ist die von Mar­tin. Er stirbt 397, und wir wis­sen, dass der Ver­fas­ser et­wa um 395 mit dem Schrei­ben be­gon­nen hat. Er hat Mar­tin gut ge­kannt und in­so­fern müs­sen wir da­von aus­ge­hen, dass vie­les so ge­sche­hen ist. Wahr­schein­lich ist es aber ein we­nig über­höht.

Be­cker-Hu­ber­ti:

Stimmt dann auch, dass er sich vor sei­ner Wahl zum Bi­schof im Gän­se­stall ver­steckt hat und von Ge­schnat­ter der Tie­re ver­ra­ten wur­de? An­geb­lich gibt es des­halb Gän­se­bra­ten.

Dass er sich ver­steckt hat, stimmt. Aber die Ge­schich­te mit den Gän­sen stimmt nicht. Die Le­gen­de hat ei­nen Feh­ler. Wenn die Gän­se ihn ver­ra­ten hät­ten, wä­re es et­was Gu­tes und man müss­te sie be­lo­bi­gen und nicht schlach­ten. Die Le­gen­de ent­stand erst im 14. Jahr­hun­dert, als man nicht mehr wuss­te, wel­chen Sinn Gän­se zu Sankt Mar­tin ha­ben.

Be­cker-Hu­ber­ti:

Was war der ur­sprüng­li­che Sinn?

Der Brauch kommt von ei­nem an­de­ren Fest. Denn der hei­li­ge Mar­tin wird nicht zu sei­nem To­des­tag, dem 8. No­vem­ber, son­dern am 11. No­vem­ber ge­fei­ert, dem Tag sei­ner Be­stat­tung. Die­ser Tag war be­reits ein Fei­er­tag, ein Bau­ern­fei­er­tag. Es war der Tag, an dem die Feld­ar­beit be­en­det und die Ern­te ver­ar­bei­tet war. Au­ßer­dem war es der Tag, an dem Bau­ern ih­re Pacht zah­len muss­ten. Und da man

Be­cker-Hu­ber­ti:

das da­mals nicht mit Geld, son­dern mit Le­bens­mit­teln mach­te, wur­de die Pacht mit Gän­sen be­gli­chen. Denn Gän­se sind zu die­sem Zeit­punkt ge­ra­de schlachtreif. So kom­men die Mar­tins­gän­se zum hei­li­gen Mar­tin.

Und was steckt hin­ter den La­ter­nen­um­zü­gen?

Be­cker-Hu­ber­ti:

In der kirch­li­chen Li­t­ur­gie be­ginnt ein Fest nicht um Mit­ter­nacht, son­dern zum Son­nen­un­ter­gang des Vor­ta­ges. Zum Son­nen­un­ter­gang gab es in der Kir­che ei­ne Lich­ter­fei­er. Da bot es sich für die Pre­di­ger an zu sa­gen: Ihr müsst ge­nau­so sein wie die Lam­pen in der Kir­che, ein Licht in der Dun­kel­heit. Und was ta­ten die Leu­te? Sie sind raus­ge­gan­gen und ha­ben Feu­er an­ge­zün­det. So ent­stand der Brauch. Die Kin­der zo­gen um­her, um Holz zu sam­meln, und mach­ten ein gro­ßes Mar­tins­feu­er. Das al­les ist ge­lau- fen bis in die Zeit um 1800. Doch es gab Kri­tik an den Feu­ern, denn die Häu­ser in den Dör­fern und Städ­ten wa­ren über­wie­gend aus Holz. Al­so war ein Feu­er mehr als ge­fähr­lich. Des­halb ver­such­te man, die­ses Brauch­tum zu­rück­zu­drän­gen. Da­mit war man auch er­folg­reich bis auf die Re­gi­on am Nie­der­rhein und in Düs­sel­dorf.

Was hat man dort ge­macht?

Dort hat man ver­sucht, das Fest wie­der zu in­iti­ie­ren. Aber man hat da­zu­ge­lernt. Weil man den Ro­sen­mon­tags­um­zug in Köln kann­te, kam die Über­le­gung: Kön­nen wir das nicht auch mit ei­nem Mar­tins­zug ma­chen. Mit ei­nem Spiel, das Mar­tin auf ei­nem Pferd zeig­te und den Bett­ler. Al­so ei­ne Er­klä­rung sim­pler Art über die Be­deu­tung des Fes­tes. Au­ßer­dem kam man auf die Idee, statt des Feu­ers Kin­der mit Lam­pi­ons aus­zu­stat­ten,

Be­cker-Hu­ber­ti:

Fo­to: ima­go

Kin­der lie­ben La­ter­nen­um­zü­ge zu Sankt Mar­tin, sie ge­hö­ren zu dem Fest wie ein gro­ßes Feu­er und der Gän­se­bra­ten. Aber was hat das al­les mit dem Hei­li­gen zu tun?

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