Die US-Wahl wird die Wel­t­ord­nung auf­mi­schen

Leit­ar­ti­kel Do­nald Trump hat kei­ner­lei po­li­ti­sche Er­fah­rung, er ist kon­kur­renz­los un­be­liebt und hat nie ei­nen kla­ren Plan vor­ge­legt. Wie ist ihm trotz­dem die­se Sen­sa­ti­on ge­lun­gen?

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Meinung & Dialog - VON JENS SCHMITZ re­dak­ti­on@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

Ei­ne faust­di­cke Sen­sa­ti­on, schon wie­der: Do­nald Trumps Sieg ha­ben pro­fes­sio­nel­le Be­ob­ach­ter so we­nig für mög­lich ge­hal­ten wie das Br­ex­it-Re­fe­ren­dum im Ju­ni. Hil­la­ry Cl­in­ton hat den ge­sam­ten Wahl­kampf hin­durch die Um­fra­gen do­mi­niert, sie führ­te bis zum letz­ten Tag. Doch Trump hat Men­schen er­reicht, die sich an tra­di­tio­nel­len For­men der po­li­ti­schen Mei­nungs­bil­dung längst nicht mehr be­tei­lig­ten – an Um­fra­gen so we­nig wie an Wah­len.

Der Frust der­je­ni­gen, die sich von der Glo­ba­li­sie­rung be­tro­gen und von der Ge­sell­schaft ab­ge­hängt füh­len, ist grö­ßer, als die Eli­ten es wahr­hat­ten. Denn Trump hat kei­ner­lei po­li­ti­sche Er­fah­rung. Er hat nie ei­nen kla­ren Plan vor­ge­legt und ist kon­kur­renz­los un­be­liebt. „Du bist ge­feu­ert“lau­te­te der Satz, mit dem er bei der TV-Se­rie „The App­ren­ti­ce“ zur Mar­ke wur­de. Da­für ha­ben sei­ne An­hän­ger ihn letzt­lich ge­wählt: Trumps Kür stellt dem po­li­ti­schen Esta­blish­ment der USA den Stuhl vor die Tür und den Er­war­tun­gen der Welt­ge­mein­schaft gleich mit. Die Sehn­sucht nach Ve­rän­de­rung war mäch­ti­ger als das Be­dürf­nis, die Rich­tung zu ken­nen.

Was Trumps Sieg für die Zu­kunft all je­ner be­deu­tet, die er im Wahl­kampf be­lei­digt, be­droht und aus­ge­grenzt hat, ist un­ge­wiss – so wie das Schick­sal vie­ler Men­schen, die nur dank der Ge­sund­heits­re­form von Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma ei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung ha­ben. Trump hat an­ge­kün­digt, die Agen­da des Amts­in­ha­bers zu gro­ßen Tei­len zu­rück­zu­rol­len. Mit Mehr­hei­ten in bei­den Kon­gress­kam­mern hat er weit­ge­hen­de Mög­lich­kei­ten.

Das be­trifft auch den in­ter­na­tio­na­len Be­reich: das Kli­ma­ab­kom­men von Pa­ris, am Frei­tag in Kraft ge­tre­ten. Das transpa­zi­fi­sche Han­dels­ab­kom­men, das Trump neu ver­han­deln oder kip­pen will. Beim trans­at­lan­ti­schen Schwes­ter­pro­jekt TTIP dürf­te sich vor­erst gar nichts mehr tun. Mit Chi­na scheint ein Han­dels­krieg mög­lich. Das ist aber längst nicht al­les. Die jüngs­te USWahl hat das Po­ten­zi­al, ei­ne jahr­zehn­te­al­te Wel­t­ord­nung auf­zu­mi­schen. Seit dem Zwei­ten Welt­krieg hat kein Prä­si­dent die in­ter­na­tio­na­le Ein­bin­dung der USA so in­fra­ge ge­stellt. In Trumps nächt­li­cher An­spra­che war von in­ter­na­tio­na­len Gre­mi­en kei­ne Re­de. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten wür­den sich künf­tig vor­ran­gig um ih­re In­ter­es­sen küm­mern, sag­te er, näm­lich dar­um, von al­lem das Bes­te zu ha­ben. Ko­ope­ra­ti­ons­wil­li­ge Na­tio­nen wer­de man fair be­han­deln.

Trump hat nicht nur die Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft ge­gen­über säu­mi­gen Na­to-Zah­lern in Zwei­fel ge­zo­gen, son­dern auch das Bünd­nis als Gan­zes. Das Ent­wick­lungs­hil­fe-En­ga­ge­ment der USA wol­len Kon­ser­va­ti­ve schon lan­ge zu­rück­dre­hen. Die nied­ri­ge An­zahl der sy­ri­schen Flücht­lin­ge, die die USA bis­lang auf­neh­men, könn­te auf null zu­rück­ge­hen. Trump hat sich für Schutz­zo­nen vor Ort aus­ge­spro­chen, will aber kein Mi­li­tär ent­sen­den. Die mi­li­tä­ri­sche Mar­sch­rich­tung ist wo­mög­lich die größ­te Un­be­kann­te: Trump hat sein Land dar­auf ein­ge­schwo­ren, statt in Aus­lands­mis­sio­nen lie­ber in die ei­ge­ne Hei­mat zu in­ves­tie­ren. Da­rin lag er nä­her bei Ba­rack Oba­ma als bei Hil­la­ry Cl­in­ton. Bei kon­kre­ten Kon­flik­ten schlug Trump dann al­ler­dings doch oft teils mas­si­ve In­ter­ven­tio­nen vor.

Was aus der Mau­er an Me­xi­kos Gren­ze und dem Ein­rei­se­ver­bot für Mus­li­me wird, muss sich wei­sen; vie­le von Trumps Vor­ha­ben schei­nen kaum prak­ti­ka­bel. Trumps Po­li­tik­stil dürf­te welt­weit Ten­den­zen zu Ab­schot­tung und Na­tio­na­lis­mus ver­stär­ken. Für heu­te hat Amts­in­ha­ber Oba­ma ihn ins Wei­ße Haus ein­ge­la­den. Der ers­te schwar­ze Prä­si­dent wird aus­ge­rech­net von je­nem Mann be­erbt, der jah­re­lang die Theo­rie be­feu­er­te, die­ser sei in Wirk­lich­keit ein Mus­lim aus Ke­nia. Schwer zu be­grei­fen­de Zei­ten.

Vie­le von Trumps Vor­ha­ben schei­nen kaum prak­ti­ka­bel

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