Ei­ne Stim­me für Maisch­ber­ger

Fern­seh­kri­tik Die Wahl­nacht auf dem So­fa: Ei­ne Ge­schich­te zwi­schen Hals­bon­bons und ei­nem kur­zen Ni­cker­chen zur fal­schen Zeit

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Politik - VON MICHAEL STIFTER

Augs­burg

Do­nald Trump oder Hil­la­ry Cl­in­ton? Ach was! Wir hät­ten un­se­re Stim­me in der Wahl­nacht am liebs­ten San­dra Maisch­ber­ger ge­ge­ben. Die hät­te sie je­den­falls am drin­gends­ten ge­braucht. Es ist kaum mit an­zu­hö­ren, wie sich die hei­se­re Mo­de­ra­to­rin in der ARD durch ei­ne Talk­run­de nach der an­de­ren kräch­zen muss. Man wür­de ihr so ger­ne so­fort ei­ne Fa­mi­li­en­pa­ckung Em-eu­kal vor­bei­brin­gen.

Und auch sonst ist die Wahl­nacht auf der Couch har­te Ar­beit. Im ers­ten Drit­tel er­zäh­len Ex­per­ten auf al­len Ka­nä­len, dass die­se Wahl wahl­wei­se wahn­sin­nig span­nend ist, noch span­nen­der wird, viel Span­nung ver­spricht oder ir­gend­je­mand ge­spannt auf ir­gend­was war­tet. Gar­niert wird das Gan­ze stets mit dem Hin­weis, dass es ja noch recht früh am Abend sei. Ge­mes­sen an der Schwer­kraft, die den ei­ge­nen Au­gen­li­dern ge­gen halb zwei Uhr zu­setzt, ist das na­tür­lich Quatsch.

Ge­fühlt ist es je­den­falls schon recht spät, als sich der Sport­mo­de­ra­tor Mat­thi­as Op­den­hö­vel aus ei­nem Stu­dio na­mens „Tor 3“mel­det und den ak­tu­el­len Zwi­schen­stand durch­gibt. Als zu Hau­se auf dem So­fa­tisch die ers­te Tü­te Chips zur Nei­ge geht, steht es 3:19 und man fragt sich kurz, ob der Mann das Tor­ver­hält­nis des Ham­bur­ger SV meint. Aber im Ernst: Op­den­hö­vel kann of­fen­bar al­les – und wenn sein ge­sun­des Bet­ti­na Schaus­ten mit neu­er Bril­le zwar au­ßer­or­dent­lich kom­pe­tent, aber auch au­ßer­or­dent­lich ein­schlä­fernd. Um vier Uhr noch­was wie­der hoch­ge­schreckt, schau­en die gan­zen Ame­ri­ka-Ex­per­ten plötz­lich ver­däch­tig be­dröp­pelt. Es ist wie da­mals beim Mau­er­fall: Ein kur­zes Ni­cker­chen zur fal­schen Zeit reicht schon, um die his­to­ri­sche Wen­de zu ver­schla­fen. Trump liegt jetzt vorn. Und zwar rich­tig. Al­so schnell zum „Ori­gi­nal“um­schal­ten: auf CNN. Da läuft doch tat­säch­lich Wer­bung. Ha­ben die vom künf­ti­gen Prä­si­den­ten so lei­den­schaft­lich ge­hass­ten Me­di­en et­was zu ver­ber­gen?

Al­so zu­rück zu San­dra Maisch­ber­ger, die mitt­ler­wei­le klingt wie Hil­de­gard Knef nach ei­ner durch­zech­ten Nacht. Ne­ben ihr strei­tet sich ge­ra­de ei­ne pho­ne­tisch schwer zu er­tra­gen­de Trump-An­hän­ge­rin mit dem nicht min­der an­stren­gen­den Schau­spie­ler Han­nes Ja­e­ni­cke. Die Po­si­tio­nen der bei­den Talk­show-Dau­er­pend­ler wir­ken wie ei­ne End­los­schlei­fe die­ses nie en­den wol­len­den nerv­tö­ten­den Wahl­kamp­fes. Wo ist die Fern­be­die­nung?

Als es drau­ßen lang­sam hell wird, ver­fins­tern sich die Mie­nen. Die Sa­che ist ge­lau­fen. Und in den Fern­seh­stu­di­os der Re­pu­blik, wo sich na­he­zu aus­schließ­lich Cl­in­ton-An­hän­ger auf ei­nen Selbst­läu­fer ge­freut hat­ten, be­ginnt das gro­ße La­men­to. Gut, dass es noch den un­auf­ge­reg­ten Herrn Schö­nen­born gibt. Die­ser Mann weiß: Zah­len lü­gen nicht.

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