Am Grau­en der Shoa nicht zer­bro­chen

Buch Je­hu­da Ba­con über­leb­te Au­schwitz als Kind. War­um die Kunst sein The­ra­peut wur­de

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Feuilleton - VON ALOIS KNOLLER

Je­hu­da Ba­con war drei­zehn, als er ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger The­re­si­en­stadt de­por­tiert wur­de. Er war fünf­zehn, als sein Va­ter in der Gas­kam­mer von Au­schwitz er­stick­te, und er­fuhr spä­ter, dass sei­ne Mut­ter und sei­ne Schwes­ter im KZ Stutt­hof zwei Wo­chen vor der Be­frei­ung ver­hun­ger­ten. Doch Ba­con ist an all dem Grau­en, den der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ju­den­hass ihm an­ge­tan hat­te, nicht zer­bro­chen. Das Ma­len hat ihn da­vor be­wahrt – und ein gü­ti­ger, lie­be­vol­ler Mensch, der den Kin­dern von Au­schwitz nach dem Ho­lo­caust das Ver­trau­en wie­der zu­rück­gab.

Mit Ba­con hat der Köl­ner Er­folgs­au­tor und Psych­ia­ter Man­fred Lütz jetzt ein aus­führ­li­ches In­ter­view­Buch er­stellt. Lütz be­kennt: „Seit ich Je­hu­da Ba­con be­geg­net bin, le­be ich an­ders, mein Le­ben ist ein biss­chen heller ge­wor­den.“In sei­nen Fra­gen hält er sich an­ge­nehm im Hin­ter­grund und wirkt eher wie ein Stich­wort­ge­ber, um bei Ba­con tie­fe­re Schich­ten auf­zu­schlie­ßen.

So be­teu­ert der jü­di­sche Künst­ler, Ador­no ir­re sich da, wenn er be­haup­tet, nach Au­schwitz kön­ne man kein Ge­dicht schrei­ben. Ba­con si­gnier­te an­fangs vie­le sei­ner Bil­der so­gar mit sei­ner Häft­lings­num­mer 168194. Denn die Kunst ha­be ihm ge­hol­fen, see­lisch in und nach Au­schwitz zu über­le­ben. „Sie sorg­te da­für, dass ich nicht ver­zwei­fel­te und ei­ne Spra­che fand, um mich aus­zu­drü­cken.“Da­bei scheut sich Je­hu­da Ba­con nicht vor Dras­tik: In der is­rae­li­schen Ge­denk­stät­te Yad Vas­hem hängt ein Bild von ihm und es zeigt im Rauch, der vom KZ-Kre­ma­to­ri­um auf­steigt, das Bild sei­nes Va­ters. Es drü­cke sei­ne Hoff­nung aus, dem Va­ter wie­der zu be­geg­nen. Und der ei­ge­nen Hoff­nung, da­mals der Höl­le zu ent­ge­hen: „Ich wuss­te, man kann mich zu Asche ma­chen. Aber ich wuss­te auch, dass es et­was in mir gibt, das nicht ster­ben kann. Das heißt, es gibt et­was Über­zeit­li­ches, Zeit­lo­ses, Geis­ti­ges, et­was das man nicht ver­nich­ten kann.“

Je­hu­da Ba­con, 1929 in Mäh­ri­schOstrau ge­bo­ren, hegt ei­nen chas­si­disch-mys­ti­schen Glau­ben. Dem­nach glimmt in je­dem Men­schen ein gött­li­cher Fun­ken. So­gar in den Ver­bre­chern, die mit­un­ter zu gu­ten Ta­ten fä­hig sind. Der Mensch ist be­ru­fen da­rin, den Ur­sprung zu fin­den, „Gott, dem er nach­ge­bil­det ist, denn da­zu ist er ge­schaf­fen“. Ba­con will des­halb nicht glau­ben, dass je­mand wirk­lich At­he­ist sein kann.

Schon gar kein Künst­ler, „weil Kunst grund­sätz­lich ei­gent­lich die Tü­ren öff­net für ein Er­leb­nis im höchs­ten Sinn, ei­ne tran­szen­den­ta­le Er­fah­rung, meis­tens ein re­li­giö­ses Er­leb­nis“. Je­hu­da Ba­con, der nach der Shoa von 1946 bis 1951 in Je­ru- sa­lem an der Be­zal­el Kunst­aka­de­mie stu­dier­te, dort sel­ber Pro­fes­sor wur­de und in der gan­zen Welt für Stu­di­en­auf­ent­hal­te her­um­kam, wagt zu sa­gen: „Der Künst­ler hat nichts im Le­ben, aber er hat das Höchs­te, denn für ihn ist Gott im­mer be­reit, die Fens­ter in den Him­mel zu öff­nen und of­fen zu hal­ten.“

Der nüch­ter­nen Wahr­heit ver­pflich­tet und oh­ne jeg­li­che Nei­gung zur An­kla­ge be­rich­tet der jü­di­sche Zeit­zeu­ge über die er­leb­ten Schre­cken im Ver­nich­tungs­la­ger – und die Über­le­bens­stra­te­gi­en ei­nes Ju­gend­li­chen, der ei­ner­seits an­stän­dig blei­ben woll­te und an­de­rer­seits so­gar die „Füh­rung“in den Gas­kam­mern vol­ler In­ter­es­se an­hört. Zwi­schen­durch stat­tet er er­in­nernd im­mer wie­der den Men­schen Dank ab, die den KZGött­li­ches, Kin­dern wohl­woll­ten. Ba­cons Wer­ke hän­gen in gro­ßen Museen auf der gan­zen Welt. Sein künst­le­ri­scher Nach­lass be­fin­det sich heu­te in we­sent­li­chen Tei­len im Mu­se­um am Dom in Würz­burg. 2013 wur­de dem Künst­ler das Bun­des­ver­dienst­kreuz ver­lie­hen für sein Wir­ken für die deutsch-is­rae­li­sche Ver­söh­nung und den christ­lich-jü­di­schen Dia­log.

Fo­to: Ste­pha­nie Pilick, dpa

Je­hu­da Ba­con über­leb­te als Kind Au­schwitz. Auf dem Bild steht er in Ber­lin zwi­schen den Ste­len des Denk­mals für die er­mor­de­ten Ju­den in Eu­ro­pa.

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Je­hu­da Ba­con/ Man­fred Lütz: „So­lan­ge wir le­ben, müs­sen wir uns ent­schei­den.“Le­ben nach Au­schwitz, Gü­ters­lo­her Ver­lags­haus, 192 Sei­ten, 16,99 Eu­ro

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