Je­den Tag wer­den Frau­en beim Klo­gang ver­ge­wal­tigt

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wochenend Journal -

Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit. 7428 Ta­ge, um ge­nau zu sein. „Da, se­hen Sie, mein Han­dy zeigt das an. Noch 7428 Ta­ge, dann wer­de ich tot sein“, sagt Jack Sim und ki­chert wie­der. Tod. Noch so ein Ta­bu, über das man nicht scherzt, Jack Sim aber schon. Das an­de­re ist Schei­ße. Par­don, aber so heißt „Shit“nun ein­mal über­setzt. Und über „Shit“und Toi­let­ten re­det Jack Sim an­dau­ernd. So wie an­de­re Men­schen über das Wet­ter. Ganz nor­mal, null Pro­vo­ka­ti­on. Für vie­le in­des ist das Wort or­di­när, das The­ma eke­lig.

„Shit“ist so et­was wie der kleins­te ge­mein­sa­me Nen­ner der Mensch­heit, je­der tut’s – und doch spre­chen die meis­ten, egal aus wel­cher Kul­tur, nicht ger­ne dar­über. Fa­tal, fin­det Jack Sim. „Un­ser höf­li­ches Schwei­gen zu dem The­ma ist töd­lich“, sagt der 59-Jäh­ri­ge, die Welt ha­be ein mas­si­ves Toi­let­ten­pro­blem. Täg­lich ster­ben des­halb tau­sen­de Men­schen.

Jack Sim will das än­dern. „Nur wenn man über et­was spricht, kann sich et­was ver­bes­sern“, sagt der Mann mit den Stop­pel­haa­ren und dem freund­li­chen Lä­cheln. Er ist „Mis­ter Toi­let“. Auf sei­nem Mist sind die Welt­toi­let­ten­or­ga­ni­sa­ti­on, der Welt­toi­let­ten­gip­fel und auch der Welt­toi­let­ten­tag am 19. No­vem­ber ge­wach­sen. Sei­ne Mis­si­on: Die Welt soll end­lich über Schei­ße re­den und mehr Toi­let­ten bau­en. Sei­ne The­se: Je mehr Toi­let­ten, des­to ge­sün­der, pro­duk­ti­ver und rei­cher die Men­schen. Sein Trick: Hu­mor.

„Ha­ha­ha, so was gibt’s wirk­lich?“, prus­tet Wal­ter Lang­fahrt los, als er von der Welt­toi­let­ten­or­ga­ni­sa­ti­on und Jack Sim er­fährt. Da geht es ihm wie vie­len. Nie ge­hört. Da­bei ist er ir­gend­wie auch so et­was wie ein „Mis­ter Toi­let“. Wie ge­nau man das nennt, wo­mit er sein Geld ver­dient? „Dar­über ha­be ich noch nicht nach­ge­dacht. Sa­gen Sie Klo­mann“, schlägt er vor. Täg­lich von 6 bis 18 Uhr küm­mern er und sein Va­ter sich um die Hy­gie­ne der öf­fent­li­chen Toi­let­te des Augs­bur­ger Stadt­mark­tes. In Hoch­pha­sen kom­men bis zu 100 Per­so­nen pro St­un­de auf sei­nen Lo­kus – für al­le ist das nichts Gro­ßes. Was­ser­toi­let­ten sind bei uns selbst­ver­ständ­lich. Je­der hat da­heim ei­ne. Wie sie be­nutzt wird, lernt je­des Kind. Da­bei er­in­nern sich man­che Groß­el­tern von heu­te noch an die Plumps­klo­zei­ten.

In den ar­men Län­dern der Welt ist die Si­tua­ti­on ei­ne an­de­re. Laut Welt­toi­let­ten­or­ga­ni­sa­ti­on ha­ben mehr Men­schen ein Han­dy als ei­ne Toi­let­te. 2,3 Mil­li­ar­den müs­sen sich da­her täg­lich im Frei­en hin­ho­cken. Was sie da ma­chen, nen­nen Ex­per­ten vor­nehm „open de­fe­ca­ti­on“– of­fe­ne De­fä­ka­ti­on. Mit den Fä­ka­li­en ge­lan­gen Kei­me in den Bo­den und ins Trink­was­ser. So wer­den In­fek­ti­ons­krank­hei­ten wie zum Bei­spiel Cho­le­ra, Ty­phus, He­pa­ti­tis A über­tra­gen. Je­den Tag ster­ben 2000 Kin­der an den Fol­gen von Durch­fall­er­kran­kun­gen, rech­net Jack Sim vor. Er weiß, wo­von er re­det.

„Als Kind leb­te ich in ei­nem Slum von Sin­ga­pur, wir hat­ten In­fek­ti­ons­krank­hei­ten wie Cho­le­ra und Ty­phus. Und je­des Kind war ver­wurmt“, schil­dert er. Da­mals, An­fang der 1960er Jah­re, mach­te er die schlimms­te Toi­let­ten­er­fah­rung sei­nes Le­bens. „Ich war zwei oder drei Jah­re alt und ging mit mei­ner Mut­ter zum ers­ten Mal auf ei­ne öf­fent­li­che Toi­let­te. Da sah ich die Schei­ße an­de­rer Men­schen in ver­schie­de­nen Far­ben, da­zu di­cke, grü­ne Flie­gen – ich war trau­ma­ti­siert und bin da­nach nur noch da­heim auf den Topf ge­gan­gen.“

Drei Jah­re spä­ter zog die Fa­mi­lie in ei­ne So­zi­al­woh­nung um und der klei­ne Jack durf­te zum ers­ten Mal auf ein Was­ser­klo­sett ge­hen. „Ich fühl­te mich groß­ar­tig. Es war wie ein so­zia­ler Auf­stieg“, er­in­nert er sich. Von da an wa­ren Cho­le­ra, Ty­phus und die Wür­mer für ihn und sei­ne Fa­mi­lie pas­sé. In Sin­ga­pur be­ob­ach­te­te er: Je mehr Toi­let­ten es gab, des­to mehr In­ves­to­ren und Tou­ris­ten ka­men – das Land wur­de rei­cher. Jack Sim ist sich si­cher, die­se Er­folgs­ge­schich­te lässt sich auch an­de­ren­orts wie­der­ho­len.

In Wal­ter Land­fahrts Reich macht sich beim Spü­len ver­mut­lich kaum je­mand Ge­dan­ken, was ihm der Volks­lu­xus Was­ser­toi­let­te al­les er­spart. Auch nicht, dass die­ser Ge­nie­streich auf den Bri­ten Alex­an­der Cum­ming zu­rück­geht, der 1775 das „wa­ter clo­set“er­fand, wie wir es heu­te ken­nen. Da­her üb­ri­gens auch die Ab­kür­zung WC. Cum­mings Er­fin­dung hat die Welt ver­än­dert wie das Rad, der Buch­druck, das In­ter­net – und sie hat un­zäh­li­ge Men­schen­le­ben ge­ret­tet.

Dass mit Cum­mings Pa­tent Nr. 814 manch­mal aber doch nicht al­les weg­ge­spült wird, da­von kann Wal­ter Land­fahrt ein Lied sin­gen. Auf sei­ner Müt­ze steht „hard­core“. Passt ir­gend­wie. Um den Dreck an­de­rer zu be­sei­ti­gen, muss man hart im Neh­men sein. In fast zehn Jah­ren als Klo­mann hat der 46-Jäh­ri­ge schon ei­ni­ges ge­se­hen. Ei­ner ha­be mal ei­ne Saue­rei und gleich noch sei­ne dre­cki­ge Ho­se hin­ter­las­sen. Das zu be­sei­ti­gen, sei nicht an­ge­nehm, ma­che ihm aber nichts aus. „Es gibt sel­ten Leu­te bei mir, die Schwei­ne sind. Die meis­ten sind sau­ber“, sagt er. Viel­leicht wä­re es an­ders, wenn er nicht da sä­ße und die Leu­te nicht wüss­ten, wer hin­ter ih­nen her­put­zen muss. Viel­leicht rei­ßen sich man­che des­halb zu­sam­men. Wer das schon? Haupt­sa­che sau­ber, das ist Land­fahrts Mot­to. Sein Sau­ber­keits­emp­fin­den ist sein Maß­stab. Hin­ter Wal­ter Land­fahrt kommt nun ein äl­te­rer Herr aus der Tür, zückt sei­nen Geld­beu­tel, pling, „Pfia­gott“– „schö­nen Tag noch“, ant­wor­tet der Klo­mann. Den meis­ten ist der Ser­vice ein klei­nes Trink­geld wert. Ei­ni­ge freu­en sich auch über den Klo­schmuck. Die Ma­don­na von Alt­öt­ting auf dem Seifenspender des Da­men­k­los et­wa, oder die fri­schen Blüm­chen am Wasch­be­cken. Bei den Män­nern steht ein klei­ner Bier­bru­der. So ist die Stadt­markt­toi­let­te kein 0815-WC. Herrn Sim dürf­te das auch ge­fal­len. Man muss Toi­let­ten se­xy ma­chen, sagt der Sin­ga­pu­rer. Nach rund 20 Jah­ren als Toi­let­ten­mes­si­as weiß Jack Sim: Es bringt nichts, in ar­men Län­dern den Men­schen mit dem Sinn und Zweck von Hy­gie­ne zu kom­men. Auch die Ge­sund­heit ist für vie­le kein Ar­gu­ment. „An­er­ken­nung ist für ar­me Men­schen am wich­tigs­ten. Man muss ih­nen hel­fen, Toi­let­ten als Li­fe­sty­le­pro­dukt zu se­hen, wie ein Han­dy, Sa­tel­li­ten­fern­se­hen oder ein Mo­tor­rad.“Jack Sim reist um die Welt, sam­melt Bil­der und Ge­schich­ten, trifft wich­ti­ge Men­schen und wirbt für den Klo­bau. Sein größ­tes Pro­jekt läuft in In­di­en. 120 Mil­lio­nen Toi­let­ten sol­len dort in den nächs­ten Jah­ren er­rich­tet wer­den. Zu sei­nen wich­tigs­ten Ver­bün­de­ten bei der „Re­vo­lu­ti­on ge­gen Schmutz und Dreck“zäh­len Frau­en.

„In­di­en ist das Land mit dem größ­ten Toi­let­ten­pro­blem – in Zah­len wie auch kul­tu­rell“, er­klärt Jack Sim. 600 Mil­lio­nen Men­schen sind dort oh­ne Toi­let­te. Die meis­ten von ih­nen le­ben auf dem Land. Bei sei­nen Rei­sen auf den Sub­kon­ti­nent hat er ge­lernt: Die Re­li­gi­on macht’s kom­pli­ziert. Im Is­lam, im Chris­ten­tum, im Bud­dhis­mus et­wa wer­de über Hy­gie­ne ge­spro­chen, es ge­be An­lei­tun­gen zur Sau­ber­keit, Rein­heit gel­te als gött­lich. „In Hin­dut­ex­ten gibt es nicht viel der­glei­chen. Nur, dass die Toi­let­te weit weg vom Haus sein soll“, sagt Jack Sim. Des­halb wol­len vie­le Hin­dus nicht mit ih­ren Ex­kre­men­ten in ei­nem Raum sein. Für Frau­en und Mäd­chen birgt das Ge­fah­ren. Aus Scham ge­hen sie in der Dun­kel­heit auf die Fel­der, um sich zu er­leich­tern. Sie ris­kie­ren da­bei, über­fal­len zu wer­den. „Je­den Tag wer­den in In­di­en Frau­en und Mäd­chen ver­ge­wal­tigt, weil sie im Frei­en auf die Toi­let­te ge­hen müs­sen“, er­klärt Jack Sim. Kein Wun­der al­so, dass man­che Frau­en in­zwi­schen vor ei­ner Hei­rat auf ei­ne Toi­let­te im Haus des Ehe­man­nes be­ste­hen. No toi­let, no wed­ding.

Sol­che Ge­schich­ten klin­gen in den ge­flies­ten Qua­drat­me­tern auf dem Stadt­markt wie aus ei­ner an­de­weiß ren Welt. Ir­gend­wie un­vor­stell­bar. Ach ja, und dann ist da noch die Sa­che mit dem Hän­de­wa­schen. „Frau­en sind sau­be­rer als Män­ner. Ein oder zwei von zehn Frau­en wa­schen sich nicht die Hän­de“, ver­rät Wal­ter Land­fahrt, „bei den Män­nern sind es acht von zehn. Und Asia­ten wa­schen sie sich vor­her und nach­her.“Der Augs­bur­ger „Mis­ter Toi­let“mag sei­nen Job, mag, dass Men­schen zu ihm kom­men und ab und zu so­gar Zeit für ein Pläusch­chen ha­ben. Man­chen Tou­ris­ten er­klärt er, wenn nö­tig, auch den Weg.

Zu­rück nach Sin­ga­pur. Jack Sim er­zählt wei­ter von „toi­lets“und „shit“. An sei­ner Bü­ro­tür hängt ein Schild: Poo boy – Toi­let­ten­jun­ge. Er ist elo­quent, lacht viel, reißt Wit­ze. Zum Bei­spiel: „Am Welt­toi­let­ten­tag soll­ten Sie Ih­rer Toi­let­te Blu­men schi­cken!“„Wie bit­te?“„Na, die Toi­let­te ist doch Ihr Le­bens­part­ner. Sie ist der ein­zi­ge Part­ner, bei dem Sie je­des Mal die Ho­se run­ter­las­sen, wenn Sie ihn se­hen. Kor­rekt? Dat is risch­tig?“Jack Sim ki­chert wie­der und setzt nach: „Dan­ken Sie ihr für die­sen gu­ten Ser­vice. Sie spült die Schei­ße ei­nes Jah­res weg. Hihi.“

Die Leu­te hö­ren bes­ser zu, wenn man ein erns­tes The­ma mit Hu­mor ver­packt, sagt Jack Sim. Wer ihm zu­hört, ahnt auch schnell, dass er ein gu­ter Ver­käu­fer ist. Sei­ne Ar­gu­men­te sit­zen. Sein Ver­kaufs­ta­lent hat den Slum­jun­gen von einst reich ge­macht. Mit 40 war er Mil­lio­när. Und nach der asia­ti­schen Wirt­schafts­kri­se En­de der 1990er Jah­re dach­te sich Jack Sim: Wo­zu das al­les? Was bringt mir das Geld? So viel brau­che ich nicht zum Le­ben! Ich will Sinn­vol­les tun, gu­te Spu­ren auf dem Pla­ne­ten hin­ter­las­sen.

Ei­nes Ta­ges las er das Zi­tat sei­nes Pre­mier­mi­nis­ters, dass sich der Zu­stand ei­ner Ge­sell­schaft an den öf­fent­li­chen Toi­let­ten mes­sen las­se. End­lich hat­te er sein mas­sen­taug­li­ches The­ma ge­fun­den. Ei­nes, um das sich nie­mand küm­mern möch­te, das aber al­le an­geht. Er grün­de­te al­so die „Re­st­room As­so­cia­ti­on of Sin­ga­po­re“, rief die Pres­se an und war am nächs­ten Tag auf den Ti­tel­sei­ten – auf dem Klo sit­zend. Die Leu­te lach­ten. Ha­ha­ha, Toi­let­ten­talk. Erst ein­mal küm­mer­te er sich um die öf­fent­li­chen Toi­let­ten in Sin­ga­pur. Dann ging es wei­ter. 2001 grün­de­te er die Welt­toi­let­ten­or­ga­ni­sa­ti­on. 2013 er­klär­ten die Ver­ein­ten Na­tio­nen den 19. No­vem­ber zum of­fi­zi­el­len Welt­toi­let­ten­tag. Je­ne Or­ga­ni­sa­ti­on, die in ih­ren Mill­en­ni­ums-Ent­wick­lungs­zie­len auch das Welt­toi­let­ten­pro­blem an­ge­hen woll­te – und bis­her schei­ter­te.

In­zwi­schen lach­ten die Leu­te an­ders über „Mis­ter Toi­let“, re­spekt­voll, er­mu­ti­gend, sagt Jack Sim. Sie

Jack Sim ali­as „Mr Toi­let“

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