Nur ein Feind?

Mi­kro­bio­lo­gie Der Ma­gen­keim He­li­co­bac­ter py­lo­ri soll aus­ge­rot­tet wer­den. Nicht je­der Ex­per­te fin­det das gut

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Gesundheit - VON MICHA­EL BRENDLER

Frei­burg Über­zeu­gen­der kann man ei­nen Bö­se­wicht kaum über­füh­ren – zu­min­dest nicht im Mi­kro­ben­reich. Der he­roi­sche Selbst­ver­such ist le­gen­där. Um zu be­wei­sen, dass der von ihm ent­deck­te Ma­gen­keim nichts Gu­tes im Schil­de führt, misch­te sich Bar­ry Mar­shall die Bak­te­ri­en in ei­ne Brü­he und kipp­te das Zeug hin­un­ter. Ta­ge­lang litt der aus­tra­li­sche Mi­kro­bio­lo­ge un­ter Übel­keit, Mund­ge­ruch und Mü­dig­keit; aber der Be­weis war er­bracht: Nicht Stress, Kaf­fee und schlech­te Ess­ge­wohn­hei­ten gel­ten seit­dem mehr als die Ur­sa­che von Ma­gen­schleim­haut­ent­zün­dung, -ge­schwür und Ma­gen­krebs. Son­dern ein win­zig klei­nes, spi­ra­lig ge­krin­gel­tes Bak­te­ri­um: der He­li­co­bac­ter py­lo­ri.

Seit Mar­shalls Ent­de­ckung, die ihm und sei­nem Kol­le­gen Ro­bin War­ren den No­bel­preis ein­brach­te, ha­ben die Me­di­zi­ner ei­ne Art Aus­rot­tungs­feld­zug ge­gen den Keim be­gon­nen. Mit be­ein­dru­cken­dem Er­folg. Dank die­ses so­ge­nann­ten Era­di­ka­ti­ons­pro­gramms und ver­bes­ser­ter Hy­gie­ne­be­din­gun­gen fin­det sich der frü­her fast all­ge­gen­wär­ti­ge He­li­co­bac­ter in­zwi­schen nur noch bei je­dem drit­ten Deut­schen über 40 im Bauch. Un­ter Kin­dern im Vor­schul­al­ter ist so­gar nur ei­nes von 30 in­fi­ziert – und mit je­der Ge­ne­ra­ti­on sinkt die Zahl der Keim-Trä­ger um wei­te­re zehn Pro­zent.

Nicht je­der hält das für ei­ne gu­te Idee: „Drei­ßig Jah­re lang sind wir nach der De­vi­se ver­fah­ren: Nur ein to­ter He­li­co­bac­ter ist ein gu­ter He­li­co­bac­ter“, sagt Mar­tin Bla­ser, Di­rek­tor des Hu­man-Mi­kro­bi­om-Pro­jekts an der Uni­ver­si­tät New York. „Ich den­ke, das war ein fa­ta­ler Feh­ler.“Denn in der glei­chen Zeit, so ar­gu­men­tiert der ame­ri­ka­ni­sche Mi­kro­bio­lo­ge, sei­en Asth­ma, Spei­se­röh­ren­lei­den und an­de­re Zi­vi­li­sa­ti­ons­krank­hei­ten mas­siv nach oben ge­schos­sen. „Ich glau­be nicht“, sagt Bla­ser, „dass das ein Zu­fall ist.“

Tat­säch­lich wird in­zwi­schen nur noch von we­ni­gen be­strit­ten, dass der Keim auch im Kör­per des Ge­sun­den ei­ne ent­schei­den­de Rol­le spielt: Als „Di­ri­gen­ten im Orches­ter un­se­res Mi­kro­bi­oms“, be­zeich­net zum Bei­spiel Pe­ter Mal­ferthei­ner, Chef-Gas­tro­en­te­ro­lo­ge der Uni­k­li­nik Mag­de­burg den He­li­co­bac­ter. Der Grund: Um sich im sau­ren Ma­gen wohl­zu­füh­len, hält das Bak­te­ri­um den Säu­re­spie­gel im Or­gan künst­lich nied­rig. Der pH-Wert im Ma­gen­in­ne­ren be­stimmt wie­der­um maß­geb­lich dar­über, wel­che Kei­me in der Nah­rung bis in den Darm vor­drin­gen kön­nen. Der star­ke Ein­fluss der Darm­bak­te­ri­en auf Im­mun­sys­tem und auf Au­to­im­mun­krank­hei­ten gilt heu­te als ge­si­chert. Mög­li­cher­wei­se, sagt Ge­org Hä­cker, Lei­ter des Na­tio­na­len He­li­co­bac­ter Re­fe­renz­zen­trums an der Uni­k­li­nik Frei­burg, ha­be der He­li­co­bac­ter im Ma­gen ei­ne ganz ähn­li­che Funk­ti­on.

1997 konn­ten deut­sche Me­di­zi­ner erst­mals zei­gen, dass die Ver­trei­bung des Keims tat­säch­lich Ne­ben­wir­kun­gen hat: Nach ei­ner Era­di­ka­ti­ons­the­ra­pie, so fiel ih­nen auf, ent­wi­ckeln vie­le Pa­ti­en­ten ei­nen über­säu­er­ten Ma­gen. Bei ei­ni­gen steigt die ät­zen­de Flüs­sig­keit so­gar bis in die Spei­se­röh­re auf und führt zu ei­ner Ent­zün­dung, der so­ge­nann­ten Re­flu­xö­so­ph­agi­tis. Her­um­ge­spro­chen hat sich die­se Bot­schaft al­ler­dings nur be­dingt.

Da­bei konn­ten un­ter an­de­rem Wis­sen­schaft­ler des Ber­li­ner Ma­xPlanck-In­sti­tuts für In­fek­ti­ons­bio­lo­gie vor neun Jah­ren in der Fach­zei­tung Na­tu­re zei­gen, dass sich Mensch und Bak­te­ri­um schon seit Jahr­tau­sen­den gut ver­tra­gen. An­hand des Ge­noms von über 500 He­li­co­bac­ter-Stäm­men aus al­ler Welt re­kon­stru­ier­ten sie, dass der Ho­mo sa­pi­ens den Keim be­reits vor rund 58000 Jah­ren in Afri­ka mit sich her­um­trug und ihn von dort über den gan­zen Glo­bus ver­brei­te­te.

Kann ein Or­ga­nis­mus, mit dem der Mensch so eng und so lan­ge zu­sam­men­lebt, tat­säch­lich bloß ei­ne Ge­fahr für ihn sein? Nein, meint An­ne Mül­ler, For­schungs­grup­pen­lei­te­rin am In­sti­tut für Mo­le­ku­la­re Krebs­for­schung der Uni­ver­si­tät Zü­rich. „In evo­lu­tio­nä­rer Hin­sicht ist die Be­sied­lung mit He­li­co­bac­ter für uns si­cher­lich kein Nach­teil.“Auch Wal, Af­fe und al­le an­de­ren un­ter­such­ten Säu­ge­tie­re tra­gen He­li­co­bac­ter-Stäm­me mit sich her­um, oh­ne dass sie ih­nen Schwie­rig­kei­ten be­rei­ten.

In ih­rem La­bor be­schäf­tigt sich die Im­mun­bio­lo­gin mit ei­ner an­de­ren se­gens­rei­chen Wir­kung des Keims: Wäh­rend nor­ma­le Mäu­se nach dem in­ten­si­ven Kon­takt mit Haus­mil­ben- oder Hüh­ne­r­ei­ex­trakt stets Asth­ma ent­wi­ckeln, sind He­li­co­bac­ter-po­si­ti­ve Na­ger re­sis­tent da­ge­gen, be­rich­tet die Im­mun­bio­lo­gin. Ähn­li­ches lässt sich auch beim Men­schen be­ob­ach­ten: Wer den Keim im Ma­gen trägt, hat laut Sta­tis­tik eben­falls sel­te­ner mit all­er­gi­schem Asth­ma zu kämp­fen.

All das funk­tio­niert je­doch nur, wenn ei­ne Be­din­gung er­füllt ist: Die Mäu­se müs­sen das Bak­te­ri­um schon kurz nach der Ge­burt im Ma­gen tra­gen. Ähn­li­ches wer­de wahr­schein­lich auch für den Men­schen gel­ten, ver­mu­tet Mül­ler. Bei Klein­kin­dern und Jung­tie­ren ler­nen die Ab­wehr­zel­len noch, Freund und Feind zu un­ter­schei­den. Ihr Im­mun­sys­tem ist des­halb ge­gen­über harm­lo­sen Er­re­gern und Nah­rungs­be­stand­tei­len auf To­le­ranz ge­polt. „Wer sich in die­sem Al­ter bei der Mut­ter oder den Ge­schwis­tern an­steckt“- frü­her der Nor­mal­fall - „ver­sucht gar nicht erst, ei­ne Im­mun­ant­wort ge­gen den Keim auf­zu­bau­en“, sagt die Wis­sen­schaft­le­rin. Dies er­klärt wahr­schein­lich un­ter an­de­rem, war­um rund 80 Pro­zent der He­li­co­bac­terTrä­ger von ih­rem Keim ein Le­ben lang nichts mer­ken.

Ganz an­ders sieht die Kos­tenNut­zen-Bi­lanz al­ler­dings aus, wenn die An­ste­ckung spä­ter er­folgt. In die­sem Fall ver­sucht sich das un­fle­xi­bel ge­wor­de­ne Im­mun­sys­tem, mit al­len Mit­teln ge­gen den Ein­dring­ling zu weh­ren. Ein schüt­zen­der Ef­fekt ge­gen Asth­ma wird nicht mehr ent­wi­ckelt. Statt­des­sen lie­fern sich Ab­wehr­zel­len und Keim oft ei­nen le­bens­lan­gen Stel­lungs­krieg in der Ma­gen­schleim­haut. Die­se chro­ni­sche Ent­zün­dung en­det bei et­wa ei­nem von sie­ben He­li­co­bac­ter-Trä­gern in ei­ner schmerz­haf­ten Ma­gen­schleim­haut­ent­zün­dung, bei ei­nem von zehn in ei­nem Ge­schwür und bei ei­nem von hun­dert so­gar in ei­nem Tu­mor. Für ein der­ar­ti­ges Kar­zi­nom, an dem je­des Jahr rund 16000 Deut­sche er­kran­ken, gilt der Keim zu­min­dest als Gr­und­vor­aus­set­zung. „Im hö­he­ren Al­ter ist der He­li­co­bac­ter im­mer schlecht“, meint des­halb Pe­ter Mal­ferthei­ner.

Fo­to: Ab­bott/Al­ta­na Phar­ma

Stark ver­grö­ßert: der Keim He­li­co­bac­ter py­lo­ri.

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