Fried­berg will dem Zen­trum hel­fen, aber wie?

In­nen­stadt Meh­re­re An­läu­fe für ei­ne Ver­kehrs­be­ru­hi­gung der In­nen­stadt sind ge­schei­tert. Jetzt wird ein wei­te­rer Be­reich neu ge­stal­tet. Doch über Grund­sätz­li­ches will die Po­li­tik lie­ber gar nicht re­den

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Region Augsburg - VON THO­MAS GOSSNER

Fried­berg

Noch in den 90er Jah­ren war dies ei­ne der Haupt­ein­kaufs­stra­ßen von Fried­berg. Sport­ar­ti­kel, Haus­halts­wa­ren, Brot, Obst und Ge­mü­se gab es in der Bahn­hof­stra­ße zu kau­fen. Doch seit­her hat sich der Zu­gang von Sü­den in die In­nen­stadt ver­än­dert. Erst schlei­chend, dann dra­ma­tisch. Die Bahn­hof­stra­ße ist zum Sor­gen­kind ge­wor­den. Bür­ger­meis­ter Roland Eich­mann sprach kürz­lich von ei­nem „flä­chen­de­cken­den, mas­si­ven Pro­blem“: Denn auch die Ein­zel­händ­ler lei­den un­ter der man­geln­den At­trak­ti­vi­tät. In­zwi­schen wer­den laut Eich­mann so­gar La­den­lo­ka­le zu Woh­nun­gen um­ge­wid­met.

Nun soll der Ab­wärts­trend mit ei­ner Sa­nie­rung der Stra­ße ge­stoppt wer­den. Nach fast zehn Jah­ren nimmt Fried­berg die Plä­ne für ei­ne Neu­ge­stal­tung der In­nen­stadt wie­der auf, die 2008 mit der Lud­wig­stra­ße be­gon­nen hat­ten. Nach lan­ger Dis­kus­si­on ei­nig­te sich der Stadt­rat da­mals auf ein Kon­zept, bei dem al­le Ver­kehrs­teil­neh­mer glei­che Rech­te ha­ben soll­ten. Nur ei­ne schma­le Rin­ne trennt Fahr­bahn und Geh­weg, bar­rie­re­frei soll­ten sich Men­schen mit Geh­be­hin­de­run­gen, Frau­en mit Kin­der­wa­gen und Rad­ler be­we­gen kön­nen. 1,2 Mil­lio­nen Eu­ro war das der Stadt da­mals wert.

Und zu­nächst war die Be­geis­te­rung auch groß. Von „Bay­erns schöns­ter Ein­kaufs­stra­ße“war beim Ein­zel­han­del die Re­de, als im Herbst 2008 die Ver­kehrs­frei­ga­be er­folg­te. Doch die Er­nüch­te­rung stell­te sich schon we­ni­ge Wo­chen spä­ter im Ad­vent ein. Kreuz und quer fuh­ren und park­ten die Au­tos, so­dass die Stadt schließ­lich den Markt­be­reich vor der Stadt­pfarr­kir­che St. Ja­kob mit Be­ton­wän­den ab­tren­nen muss­te, um die Fuß­gän­ger zu schüt­zen.

Ein Bür­ger­ent­scheid zur Ein­rich­tung ei­ner Fuß­gän­ger­zo­ne schei­ter­te in der Fol­ge eben­so wie der spä­te­re Ver­such, mit­hil­fe tem­po­rä­rer Sper­run­gen am Wo­che­n­en­de für ei­ne Be­ru­hi­gung zu sor­gen. Die Ge­schäfts­welt be­klag­te dras­ti­sche Um­satz­ein­brü­che und sorg­te da­für, dass die­ses Ex­pe­ri­ment vor­zei­tig ab­ge­bro­chen wur­de. Nach wie vor sind täg­lich rund 6000 Au­tos auf Fried­bergs Ein­kaufs­mei­le un­ter­wegs, und die über­wie­gen­de Mehr­heit des Stadt­rats mag das The­ma Ver­kehrs- am liebs­ten gar nicht mehr an­fas­sen.

Und so soll­te es auch blei­ben, als jetzt das The­ma Bahn­hof­stra­ße auf die Agen­da im Bau­aus­schuss des Stadt­rats zur Spra­che kam. Bür­ger­meis­ter Eich­mann sieht das in der Lud­wig­stra­ße um­ge­setz­te Mo­dell als ge­schei­tert an und plä­dier­te dar­um da­für, bei ei­ner Neu­pflas­te­rung der Bahn­hof­stra­ße die Geh­stei­ge wie­der mit ab­ge­flach­ten Rand­stei­nen von der Fahr­bahn zu tren­nen. An­de­re Stim­men wie­der­um schlu­gen vor, das Kon­zept der Lud­wig­stra­ße fort­zu­füh­ren und auf Hoch­bor­de zu ver­zich­ten. Als Kom­pro­miss kam der Be­schluss zu­stan­de, bei­de Va­ri­an­ten prü­fen zu las­sen. Ei­nig war man sich – mit Aus­nah­me der Grü­nen – nur in ei­nem: Über ein Ver­kehrs­kon­zept soll einst­wei­len nicht dis­ku­tiert wer­den. Die Stra­ße wird so ge­stal­tet, dass so­wohl Ein­bahn­wie Be­geg­nungs­ver­kehr oh­ne Um­bau­ten mög­lich sind, wenn sich die Po­li­tik ir­gend­wann doch ein­mal für ein Kon­zept ent­schei­det.

Was nun auch in der Öf­fent­lich­keit für Kopf­schüt­teln sorgt. Der SPD-Orts­ver­ein warf dem Stadt­rat und dem ei­ge­nen Bür­ger­meis­ter öf­fent­lich vor, sich vor ei­ner Ent­schei­dung drü­cken zu wol­len. Wann, wenn nicht vor dem Um­bau der Bahn­hof­stra­ße, sol­le ein Ver­kehrs­kon­zept für die In­nen­stadt fest­ge­legt wer­den, frag­ten die Ge­nos­sen, die sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren weit­ge­hend los­ge­löst von der Stadt­be­ru­hi­gung rats­frak­ti­on für ei­ne Ver­bes­se­rung der Ver­kehrs­si­tua­ti­on ein­ge­setzt hat­ten. Wie im Stadt­rat sind auch in der Bür­ger­schaft die De­tails der Gestal­tung um­strit­ten. Von ei­ner „Piss­rin­ne“, die Geh­steig und Fahr­bahn von­ein­an­der trennt, ist die Re­de und dass die Pla­ne­rin aus Mün­chen ja schon die Lud­wig­stra­ße ver­geigt ha­be. Ei­ne Hand­voll Ge­schäfts­leu­te ver­hin­de­re, dass Fried­berg ei­ne Fuß­gän­ger­zo­ne be­kom­me, wird an an­de­rer Stel­le kri­ti­siert. So wer­de nur mehr Ver­kehr in die Lud­wig­stra­ße ge­zo­gen und die In­nen­stadt ins­ge­samt un­at­trak­ti­ver, lau­te­te ein Bei­trag in den So­zia­len Me­di­en.

Dass die In­ter­es­sen un­ter­schied­lich sein kön­nen, schwan­te auch schon den Mit­glie­dern des Bau­aus­schus­ses, die auf ei­ne aus­führ­li­che Bür­ger­be­tei­li­gung set­zen. Be­reits im nächs­ten Jahr sol­len Ent­wür­fe vor­ge­stellt wer­den, denn die Zeit drängt. Für die Aus­füh­rung kommt ei­gent­lich nur das Jahr 2018 in­fra­ge. Im Jahr 2019 steigt das nächs­te Fried­ber­ger Alt­stadt­fest, bei dem man kei­ne Stra­ßen­bau­stel­len ha­ben will.

Und für 2020 hat sich das Wit­tels­ba­cher Land für die baye­ri­sche Lan­des­aus­stel­lung be­wor­ben, zu de­ren Schau­plät­zen auch das Wit­tels­ba­cher Schloss in Fried­berg zäh­len soll. Die Bahn­hof­stra­ße ist dann Teil der Ach­se, auf der Be­su­cher vom Bahn­hof durch die In­nen­stadt dort­hin »Kom­men­tar ge­lan­gen.

Auf die Be­geis­te­rung folgt der Är­ger

Fo­to: Tho­mas Goß­ner

Ge­flick­te Stra­ßen­de­cke, leer ste­hen­de La­den­lo­ka­le – so prä­sen­tiert sich die Bahn­hof­stra­ße als Zu­gang in die Fried­ber­ger Alt­stadt. Der Stadt­rat will jetzt die Neu­ge­stal­tung an­pa­cken.

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