Prä­si­dent St­ein­mei­er – das ist ei­ne gu­te Lö­sung

Leit­ar­ti­kel SPD setzt ih­ren Au­ßen­mi­nis­ter ge­gen die zau­dern­de Kanz­le­rin durch. Das ist ei­ne Nie­der­la­ge für die CDU/CSU, aber im In­ter­es­se des gan­zen Lan­des Mer­kel hat­te kein Schwer­ge­wicht an­zu­bie­ten

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Meinung & Dialog - VON WAL­TER ROL­LER ro@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

An­ge­la Mer­kel ist ei­ne ver­sier­te Strip­pen­zie­he­rin. Bei der Aus­wahl ih­rer Kan­di­da­ten für das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten al­ler­dings hat die Kanz­le­rin kei­ne glück­li­che Hand. Horst Köh­ler ist über­stürzt da­von­ge­lau­fen, weil er mit Kri­tik nicht um­ge­hen konn­te. Chris­ti­an Wul­ff stol­per­te über ein paar Af­fär­chen und über sei­nen mi­se­ra­blen Um­gang da­mit. Joa­chim Gauck, der sich als Glücks­fall er­wie­sen hat, muss­te der CDU-Vor­sit­zen­den re­gel­recht auf­ge­drängt wer­den. Und nun Frank-Wal­ter St­ein­mei­er. Der Au­ßen­mi­nis­ter wird als ge­mein­sa­mer Kan­di­dat von CDU/CSU und SPD der ers­te Mann im Staat, ob­wohl Mer­kel den So­zi­al­de­mo­kra­ten ver­hin­dern woll­te – nicht aus per­sön­li­chen oder grund­sätz­li­chen Er­wä­gun­gen, son­dern aus par­tei­tak­ti­schen Grün­den. St­ein­mei­er rückt ge­gen den Wil­len der Kanz­le­rin in das höchs­te Staats­amt auf: Das ist ers­tens ei­ne Nie­der­la­ge Mer­kels und der Uni­on, die als mit Ab­stand stärks­te Kraft in der Bun­des­ver­samm­lung An­spruch auf das Amt er­ho­ben hat­te. Das ist zwei­tens ein fa­mo­ser Er­folg für die SPD und de­ren Vor­sit­zen­den Ga­b­ri­el, der die zau­dern­de Re­gie­rungs­che­fin auf dem fal­schen Fuß er­wischt und mit der No­mi­nie­rung St­ein­mei­ers Fak­ten ge­schaf­fen hat. Und das ist drit­tens, wor­auf es ja in ers­ter Li­nie an­kommt, ei­ne gu­te Ent­schei­dung für das Land.

Das gro­ße, von par­tei­po­li­ti­schem Kal­kül ge­präg­te Macht­spiel um die Nach­fol­ge Gaucks en­det mit ei­nem Be­schluss, der dem In­ter­es­se des Gan­zen zu­träg­lich ist und im Volk gut an­kom­men dürf­te. St­ein­mei­er ist kei­ne „par­tei­über­grei­fen­de“Lö­sung, wie es der von CDU, CSU, SPD, FDP und Grü­nen vor­ge­schla­ge­ne und mit rie­si­ger Mehr­heit ge­wähl­te Pas­tor Gauck war. Er ist ein er­fah­re­ner Po­lit­pro­fi, der in Par­tei- und Re­gie­rungs­ap­pa­ra­ten groß ge­wor­den ist, doch weit über die SPD hin­aus ein ho­hes An­se­hen ge­nießt und von den Deut­schen we­gen sei­ner ru­hi­gen, be­son­ne­nen Art ge­schätzt wird. Das Amt des Prä­si­den­ten, der aus­glei­chend wir­ken und über den Par­tei­en schwe­ben soll, dürf­te ihm lie­gen. Dass CDU/CSU und SPD St­ein­mei­er nach lan­gem Ger­an­gel ge­mein­sam auf den Schild he­ben, zeugt im Üb­ri­gen auch da­von, dass die Gro­ße Ko­ali­ti­on über die Wahl 2017 hin­aus ei­ne Zu­kunft ha­ben könn­te.

Mer­kel und die Uni­on ha­ben sich zäh­ne­knir­schend für St­ein­mei­er ent­schie­den. Nicht aus Zu­nei­gung oder in­ne­rer Über­zeu­gung, son­dern aus schie­rer Not. Die stärks­te po­li­ti­sche Grup­pie­rung war nicht in der La­ge, ein ei­ge­nes Schwer­ge­wicht oder ei­nen par­tei­über­grei­fend at­trak­ti­ven Kan­di­da­ten als Al­ter­na­ti­ve auf­zu­bie­ten. Das ist, für sich be­se­hen, ein Ar­muts­zeug­nis und sym­pto­ma­tisch für den Zu­stand der Kanz­ler-Par­tei. Ka­li­ber vom Ran­ge ei­nes Schäu­b­le, Lam­mert und von der Ley­en stan­den of­fen­bar nicht zur Ver­fü­gung oder wur­den zu spät ge­fragt. Mer­kels Ver­such, mit dem (ge­eig­ne­ten) grü­nen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Kret­sch­mann in letz­ter Mi­nu­te ei­nen Coup zu lan­den und da­mit auch ein schwarz-grü­nes Ko­ali­ti­ons­si­gnal zu sen­den, schei­ter­te nicht nur an der CSU – es war auch kei­nes­wegs si­cher, ob der Mer­kel-Ver­eh­rer Kret­sch­mann al­le Stim­men der Grü­nen be­kom­men hät­te.

So blieb CDU und CSU am En­de gar kei­ne an­de­re Wahl, als St­ein­mei­er durch­zu­win­ken. Ein ei­ge­ner (Ver­le­gen­heits-)Kan­di­dat nur zu dem Zweck, St­ein­mei­er zu ver­hin­dern, wä­re der Uni­on nicht gut be­kom­men und in der Be­völ­ke­rung zu Recht als eng­stir­ni­ges par­tei­po­li­ti­sches Den­ken ver­stan­den wor­den.

Nun al­so St­ein­mei­er. Kein gro­ßer Red­ner, kein bril­lan­ter, vor neu­en Ide­en sprü­hen­der Kopf. Doch das Amt wird bei ihm wohl in gu­ten Hän­den sein. Er tritt es an mit der größt­mög­li­chen Her­aus­for­de­rung, ein ge­spal­te­nes Land wie­der ein Stück weit zu­sam­men­zu­füh­ren.

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