Sei­ne Ef­fi­zi­enz, der künf­ti­ge Bun­des­prä­si­dent

Por­trät Er war schon im­mer so et­was wie ein Küm­me­rer vom Di­enst. Als rech­te Hand von Ger­hard Schrö­der, als SPD-Frak­ti­ons­chef, jetzt als Au­ßen­mi­nis­ter. Die Deut­schen je­den­falls mö­gen Frank-Wal­ter St­ein­mei­er. Was auch an der be­we­gen­den Ge­schich­te mit sei­ner

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Die Dritte Seite - VON MAR­TIN FER­BER

Berlin Das Kof­fer­pa­cken ist er ge­wohnt. Als Au­ßen­mi­nis­ter mit der mitt­ler­wei­le dritt­längs­ten Amts­zeit nach Hans-Dietrich Gen­scher und nur noch knapp hin­ter Josch­ka Fi­scher hat Frank-Wal­ter St­ein­mei­er in sei­nem Bü­ro im Aus­wär­ti­gen Amt prak­tisch im­mer ein paar An­zü­ge und Hem­den griff­be­reit. Es kann je­der­zeit hin­aus­ge­hen in die Welt. Zu Ge­sprä­chen mit Prä­si­den­ten, Re­gie­rungs­chefs, Au­ßen­mi­nis­tern und an­de­ren Wich­ti­gen und Mäch­ti­gen. Am Sonn­tag­abend erst ist er mal wie­der nach Brüs­sel ge­flo­gen, um im Krei­se sei­ner EU-Amts­kol­le­gen über die Fol­gen der Wah­len in den USA zu be­ra­ten. Am heu­ti­gen Di­ens­tag ist An­ka­ra sein Ziel, wo er sich mit sei­nem tür­ki­schen Kol­le­gen Mev­lut Ca­vu­sog­lu tref­fen will.

Im Früh­jahr wird es mit ein paar Kof­fern nicht ge­tan sein. Dann ist schon ein Lkw nö­tig. Der 60-jäh­ri­ge Chef­di­plo­mat mit dem schloh­wei­ßen Haar und der cha­rak­te­ris­ti­schen Bril­le mit dem di­cken schwar­zen Rand steht vor der Krö­nung sei­ner po­li­ti­schen Lauf­bahn: dem Um­zug ins Schloss Bel­le­vue, Amts­sitz des Bun­des­prä­si­den­ten im Ber­li­ner Tier­gar­ten. Sei­ner Wahl zum zwölf­ten Staats­ober­haupt in der Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik steht prak­tisch nichts mehr im Weg.

CDU und CSU ha­ben ih­ren Wi­der­stand ge­gen den Kan­di­da­ten von SPD-Chef Sig­mar Ga­b­ri­el auf­ge­ge­ben und ak­zep­tie­ren ihn als ge­mein­sa­men Be­wer­ber der Gro­ßen Ko­ali­ti­on. Bei der Wahl durch die Bun­des­ver­samm­lung am 12. Fe­bru­ar dürf­te ihm schon im ers­ten Wahl­gang ei­ne sat­te Mehr­heit si­cher sein. Ab dem 18. März, wenn die Amts­zeit von Joa­chim Gauck en­det, ist er dann für fünf Jah­re Haus­herr im no- blen klas­si­zis­ti­schen Schloss am Spree­ufer, Wie­der­wahl 2021 nicht aus­ge­schlos­sen.

Leicht fällt dies der Uni­on nicht. Bis zu­letzt ver­su­chen die Par­tei­chefs An­ge­la Mer­kel und Horst See­ho­fer, im Wahl­jahr die ei­ge­ne Stär­ke in der Bun­des­ver­samm­lung, in der man mit Ab­stand die meis­ten Ver­tre­ter stellt, für ei­nen Kan­di­da­ten aus den ei­ge­nen Rei­hen zu nut­zen. Doch das ist leich­ter ge­sagt als ge­tan. Mer­kel han­delt sich Ab­sa­ge um Ab­sa­ge ein, kein Christ­de­mo­krat will sich für das höchs­te Amt im Staat be­wer­ben.

Die Ent­schei­dung für St­ein­mei­er fällt schließ­lich ver­gan­ge­nen Sams­tag in Mün­chen, wo sich der Au­ßen­mi­nis­ter mit See­ho­fer zu ei­nem ver­trau­li­chen Ge­spräch trifft. Zwar hat die CSU noch An­fang der Wo­che den Be­schluss ge­fasst, dass man auf die No­mi­nie­rung ei­nes CDU-Mit­glieds be­ste­he. Doch See­ho­fer will in je­dem Fall ver­hin­dern, dass Mer­kel mit dem grü­nen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten von Ba­den-Würt­tem­berg, Win­fried Kret­sch­mann, ei­nen Mann ins Ren­nen schickt, der wie kein an­de­rer für ein schwarz-grü­nes Bünd­nis steht. Ein der­ar­ti­ges Si­gnal dür­fe es un­ter kei­nen Um­stän­den ein hal­bes Jahr vor der Bun­des­tags­wahl ge­ben, heißt es in der CSU. Un­ter die­sen Um­stän­den sei man be­reit, St­ein­mei­er den Vor­zug zu ge­ben.

Die Bot­schaft kommt in Berlin an. Mer­kel ver­steht. Sie darf nach dem Dau­er­streit um die Flücht­lings­po­li­tik die baye­ri­sche Schwes­ter­par­tei nicht ein wei­te­res Mal brüs­kie­ren, son­dern muss die ei­ge­nen Rei­hen schlie­ßen. In der Te­le­fon­kon­fe­renz mit den Mit­glie­dern des CDU-Prä­si­di­ums wirbt sie um St­ein­mei­er; dies sei ei­ne „Ent­schei­dung aus Ver­nunft“. Die Be­geis­te­rung hält sich al­ler­dings in Gren­zen. Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le spricht nach Teil­neh­mer­an­ga­ben von ei­ner „Nie­der­la­ge“der Uni­on. Auch sein Staats­se­kre­tär Jens Spahn kri­ti­siert, mit die­ser Ent­schei­dung sen­de die CDU das Si­gnal aus, ei­ne Wie­der­auf­la­ge der Gro­ßen Ko­ali­ti­on an­zu­stre­ben.

Frank-Wal­ter St­ein­mei­er kann dies egal sein. Wie kein an­de­rer weiß er aus ei­ge­ner Er­fah­rung, dass das Amt zum Mann kommt, nicht der Mann zum Amt. Als ein­fa­cher Re­fe­rent für Me­di­en­recht und Me­di­en­po­li­tik fängt der pro­mo­vier­te Ju­rist 1991 in der nie­der­säch­si­schen Staats­kanz­lei an. Sein da­ma­li­ger Chef, Mi­nis­ter­prä­si­dent Ger­hard Schrö­der, er­kennt rasch das Ta­lent des eben­so un­auf­fäl­li­gen und ru­hi­gen wie äu­ßerst ziel­stre­bi­gen Re­fe­ren­ten und be­för­dert ihn zu sei­nem Bü­ro­lei­ter und Lei­ter der Res­sort­ko­or­di­nie­rung, spä­ter gar zum Chef der Staats­kanz­lei. Die Ar­beits­tei­lung funk­tio­niert. Schrö­der, das Al­pha­tier, ge­winnt 1998 erst die Land­tags­wah­len, dann die Bun­des­tags­wah­len. St­ein­mei­er, das Ar­beits­tier im Hin­ter­grund, sorgt für ein rei­bungs­lo­ses Funk­tio­nie­ren des Re­gie­rungs­ap­pa­rats und er­wirbt sich ei­nen Ruf als „Sei­ne Ef­fi­zi­enz“.

Mit Schrö­der zieht St­ein­mei­er als Staats­se­kre­tär ins Ber­li­ner Kanz­ler­amt und tritt im Ju­li 1999 die Nach­fol­ge von Bo­do Hombach als Chef der Re­gie­rungs­zen­tra­le an. Als engs­ter Ver­trau­ter Schrö­ders hält er das oft­mals schlin­gern­de rot-grü­ne Re­gie­rungs­boot auf Kurs, ver­mit­telt zwi­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten und Grü­nen, ent­schärft Kon­flik­te und hält sei­nem Chef den Rü­cken frei. So­wohl die Re­form des Ren­ten- und Ge­sund­heits­sys­tems als auch die Agen­da 2010 mit den Hartz-Ge­set­zen wer­den maß­geb­lich von ihm for­mu­liert und im par­la­men­ta­ri­schen Pro­zess durch­ge­setzt.

Die Nie­der­la­ge Schrö­ders 2005 be­deu­tet nicht das En­de sei­ner po­li­ti­schen Kar­rie­re. Im Ge­gen­teil. St­ein­mei­er tritt aus dem Schat­ten sei­nes Men­tors her­aus, wird Au­ßen­mi­nis­ter und Vi­ze­kanz­ler der ers­ten Gro­ßen Ko­ali­ti­on un­ter An­ge­la Mer­kel und rasch so po­pu­lär, dass ihn sei­ne Par­tei 2009 zum Kanz­ler­kan­di­da­ten kürt. Doch es ist ein aus­sichts­lo­ses Ren­nen. Zwar be­weist der sonst so aus­ge­gli­che­ne, ru­hi­ge und be­son­ne­ne ge­bür­ti­ge West­fa­le, der schon in sei­ner Ju­gend als Li­be­ro bei der TuS 08 Bra­kel­siek nach ei­ge­nen Wor­ten sein „Kämp­fer­herz“und sei­nen „lan­gen Atem“un­ter Be­weis ge­stellt hat, dass er auch Wahl­kampf kann. Am En­de aber lan­det die SPD bei ent­täu­schen­den 23 Pro­zent und muss auf der Op­po­si­ti­ons­bank Platz neh­men.

Für St­ein­mei­er hat das Wahl­de­ba­kel kei­ne Fol­gen. Er bleibt als Frak­ti­ons­chef der SPD im en­ge­ren Füh­rungs­zir­kel der Par­tei und führt die So­zi­al­de­mo­kra­ten 2013 wie­der als Ju­ni­or­part­ner der Uni­on zu­rück an die Macht. Er selbst kehrt als Nach­fol­ger sei­nes Nach­fol­gers Gui­do Wes­ter­wel­le ins Aus­wär­ti­ge Amt zu­rück. Die Welt al­ler­dings ist in der Zwi­schen­zeit ei­ne an­de­re ge­wor­den.

St­ein­mei­er selbst spricht da­von, dass sie aus den Fu­gen ge­ra­ten sei. Im Na­hen und Mitt­le­ren Os­ten, in Nord­afri­ka und in der Ost­ukrai­ne, über­all brennt es. Die Be­zie­hun­gen zu Russ­land und zur Tür­kei ver­schlech­tern sich dra­ma­tisch. St­ein­mei­er ver­sucht zu mo­de­rie­ren und zu schlich­ten, aus­zu­glei­chen und zu ver­söh­nen. Zu­sam­men mit sei­nem US-Kol­le­gen John Ker­ry han­delt er mit dem Iran das Atom­pro­gramm aus und hält den Kon­takt zum rus­si­schen Amts­kol­le­gen Ser­gej La­w­row. Da­ge­gen nennt er Do­nald Trump im Wahl­kampf ei­nen „Hass­pre­di­ger“. Ei­ne sol­che Wort­wahl kennt man sonst nicht von ihm.

Nun al­so war­tet das höchs­te Amt im Staat. Für den Mann, der 2010 vie­le Men­schen in der Re­pu­blik be­ein­druckt, weil er sei­ner da­mals schwer kran­ken Frau, der Ber­li­ner Ver­wal­tungs­rich­te­rin El­ke Bü­den­be­n­der, ei­ne Nie­re spen­det. Seit Jah­ren ge­hört er zu den be­lieb­tes­ten Po­li­ti­kern im Land. Ob der Va­ter ei­ner er­wach­se­nen Toch­ter der neu­en Auf­ga­be ge­wach­sen sein wird? Für Ma­ma Ur­su­la steht dies au­ßer Fra­ge. „Er ist be­son­nen, ehr­lich, ver­mit­telnd und nie­mals auf­brau­send“, sagt die 87-Jäh­ri­ge dem West­fa­len-Blatt. Al­ler­dings hof­fe sie, dass er dem Amt ge­sund­heit­lich ge­wach­sen ist. „Er ist ja auch nicht mehr der Jüngs­te, und er hat doch vor sechs Jah­ren sei­ner Frau ei­ne Nie­re ge­spen­det. Aber ich den­ke schon, dass er das schafft.“

An Vor­schuss­lor­bee­ren je­den­falls herrscht am Tag sei­ner in­of­fi­zi­el­len No­mi­nie­rung kein Man­gel. St­ein­mei­er wer­de ein „sehr gu­ter Bun­des­prä­si­dent“, sagt sein „Zieh­va­ter“Schrö­der. St­ein­mei­er ge­nie­ße das Ver­trau­en der Bür­ger, sagt sein För­de­rer, SPD-Chef Ga­b­ri­el. Und die­ses Ver­trau­en sei „in ei­ner Zeit der Brü­che, der Um­brü­che, der Un­si­cher­heit“be­son­ders wich­tig.

Ein Tref­fen mit See­ho­fer bringt den Durch­bruch Als Kanz­ler­kan­di­dat er­lebt er ein De­ba­kel

Fo­to: Ron­ny Hart­mann, afp

Der künf­ti­ge ers­te Mann im Staat und die künf­ti­ge First La­dy: Frank-Wal­ter St­ein­mei­er und Ehe­frau El­ke Bü­den­be­n­der 2015 bei ei­nem Emp­fang im Schloss Bel­le­vue – ih­rem künf­ti­gen Wohn­sitz.

Fo­to: TuS/Schrie­gel, dpa

Als Fuß­bal­ler bei der TuS 08 Bra­kel­siek ist er eher der Typ Kämp­fer. Ha­ben Sie ihn er­kannt? Er ist der Drit­te von rechts und et­wa 16 Jah­re alt.

Fo­to: Andre­as Metz­ner, dpa

„Er schafft das“: St­ein­mei­er und sei­ne Mut­ter Ur­su­la.

Fo­to: Tim Bra­ke­mei­er, dpa

1999 an der Sei­te von Kanz­ler Ger­hard Schrö­der.

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