Der Sie­ger heißt Ga­b­ri­el! Oder et­wa nicht?

Hin­ter­grund Glück oder ge­nia­le Stra­te­gie – der SPD-Chef tri­um­phiert in der Prä­si­den­ten­fra­ge. Da­mit ist sein Weg zur Kanz­ler­kan­di­da­tur frei – gä­be es da nicht ei­nen Mann, den selbst vie­le Ge­nos­sen für den Bes­se­ren hal­ten

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Politik - VON MICHA­EL STIFTER

Augs­burg Sig­mar Ga­b­ri­el ist un­be­re­chen­bar. Die Fra­ge ist nur, ob das nun ei­ne Stär­ke ist oder ei­ne Schwä­che. In der SPD ha­dern sie oft mit ih­rem Chef und des­sen Hang zum Al­lein­gang. Auch En­de Ok­to­ber ver­dre­hen vie­le Ge­nos­sen die Au­gen. Ga­b­ri­el hat es wie­der ge­tan. Oh­ne sich um mög­li­che Mehr­hei­ten zu sche­ren, oh­ne sich mit ir­gend­je­man­dem ab­zu­spre­chen, schlägt er Frank-Wal­ter St­ein­mei­er als nächs­ten Bun­des­prä­si­den­ten vor. Und wie­der wird ge­tu­schelt, nicht nur in der SPD. Was hat ihn denn jetzt wie­der ge­rit­ten? Al­le wis­sen: Oh­ne die Stim­men von CDU und CSU hat St­ein­mei­er prak­tisch kei­ne Chan­ce. Und die Uni­on wird sich ja wohl kaum ei­nen Kan­di­da­ten von den Ge­nos­sen dik­tie­ren las­sen. Oder et­wa doch? Ga­b­ri­el ris­kiert in die­sen St­un­den viel – wo­mög­lich so­gar sei­ne ei­ge­ne po­li­ti­sche Zu­kunft. Seit ges­tern ist klar: Er hat ge­won­nen. Zu­min­dest die­ses Mal.

Mit sei­nem Coup über­rascht der 57-Jäh­ri­ge nicht nur die Kanz­le­rin, son­dern auch sei­ne ei­ge­nen Leu­te. Plötz­lich hat der Mann, den vie­le für zu im­pul­siv und zu wan­kel­mü­tig hal­ten, Ober­was­ser. Nutzt er jetzt die Gunst der St­un­de, um auch in der Kanz­ler­kan­di­da­ten-Fra­ge Tat­sa­chen zu schaf­fen? Es gibt kaum ei­nen Zwei­fel dar­an, dass der Vi­ze­kanz­ler ger­ne zum Kanz­ler auf­stei­gen wür­de. Und noch we­ni­ger Zwei­fel gibt es dar­an, dass er sich die­ses Amt auch zu­traut. Dum­mer­wei­se sind nicht al­le in der SPD so be­geis­tert von die­ser Idee.

Ga­b­ri­el hat ein Pro­blem: An­ders als Frank-Wal­ter St­ein­mei­er ist er in der Be­völ­ke­rung ziem­lich un­be­liebt. Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet al­so: Soll man wirk­lich ei­nen Kan­di­da­ten ins Ren­nen schi­cken, den die Wäh­ler nicht mö­gen? Ein Mann hat die­se Fra­ge be­reits be­ant­wor­tet – oh­ne ge­fragt wor­den zu sein. Er heißt Frank St­auss und ist ei­ner der wich­tigs­ten Stra­te­gen der So­zi­al­de­mo­kra­ten. Als Wahl­kampf­ma­na­ger stand er schon Ger­hard Schrö­der zur Sei­te. Und im Früh­jahr war es nicht zu­letzt sei­ne Stra­te­gie, die der SPD-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Ma­lu Drey­er in Rhein­lan­dP­falz zum Sieg ge­gen Ju­lia Klöck­ner ver­half – und die galt bis da­hin im­mer­hin als Zu­kunft der CDU. Die­ser Frank St­auss er­klärt al­so in der ver­gan­ge­nen Wo­che, dass er für den Bun­des­tags­wahl­kampf der SPD im kom­men­den Jahr nicht zur Ver­fü­gung steht. Of­fi­zi­ell hat sei­ne Agen­tur kei­ne Ka­pa­zi­tä­ten frei. Aber das glaubt na­tür­lich kein Mensch. Der Grund für den Ab­gang des er­folg­rei­chen Kanz­ler­ma­chers hat ei­nen Na­men: Sig­mar Ga­b­ri­el.

Rück­blen­de: Auf sei­ner In­ter­net­sei­te äu­ßert sich St­auss Mit­te Ok­to­ber zum US-Wahl­kampf. Über Hil­la­ry Cl­in­ton schreibt er: „Auch wenn man meint, an der Rei­he zu sein, auch wenn man es sich tat­säch- ver­dient hat, selbst wenn es ob­jek­tiv un­ge­recht wä­re, zu­rück­ste­cken zu müs­sen – die Zei­ten sind zu ernst, um nicht ein­zu­se­hen, dass ei­ne fal­sche Kan­di­da­tur zur fal­schen Zeit ver­hee­ren­de Fol­gen ha­ben kann.“Es sind Sät­ze mit ei­nem dop­pel­ten Bo­den. Hat St­auss et­wa über Cl­in­ton ge­schrie­ben, aber (auch) Ga­b­ri­el ge­meint?

Dass der Wahl­kampf­ex­per­te mit der „Aus-dem-Bauch-her­aus-Po­li­tik“des SPD-Chefs nicht viel an­fan­gen kann, ist be­kannt. Im In­ter­view mit un­se­rer Zei­tung sag­te er ein­mal – oh­ne Na­men zu nen­nen: „Wer stand­haft bleibt, wird am En­de dem vor­ge­zo­gen, der sein Fähn­chen in den Wind hängt.“Letz­te­res wer­fen Kri­ti­ker Ga­b­ri­el im­mer wie­der vor. Bei sei­ner Wie­der­wahl zum Par­tei­chef im ver­gan­ge­nen Jahr be­kommt er lau­si­ge 74 Pro­zent der Stim­men.

Doch Ga­b­ri­el hat auch vie­le An­hän­ger, und die fin­den es gut, dass die­ser Mann kei­nen Kon­flikt scheut, rech­ten Dumpf­ba­cken auch mal den Stin­ke­fin­ger zeigt, ab und zu ei­nen Spruch für den Stamm­tisch raus­haut oder li­ve auf Sen­dung Jour­na­lis­ten an­gif­tet. „Sig­mar Ga­b­ri­el ist ein de­mo­kra­ti­scher Po­pu­list, und das ist auch gut so“, sagt ei­ner, oh­ne den der SPD-Chef wohl nie so weit ge­kom­men wä­re. Alt­kanz­ler Ger­hard Schrö­der hat ihn einst in Nie­der­lich sach­sen ge­för­dert und steht auch heu­te noch hin­ter ihm. Ges­tern stell­te er ein Buch über sei­nen Zög­ling vor und be­zeich­ne­te Ga­b­ri­el als den rich­ti­gen Mann ge­gen die Er­fol­ge von Rechts­po­pu­lis­ten. Reicht das? Im­mer­hin gibt es je­man­den in den ei­ge­nen Rei­hen, der dem Chef noch ei­nen Strich durch die Rech­nung ma­chen könn­te.

Als Prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments hat sich Mar­tin Schulz au­ßen­po­li­ti­sches Pro­fil er­wor­ben. Und so dau­ert es nicht lan­ge, bis sein Na­me fällt, als es ges­tern um mög­li­che Nach­fol­ger für Frank-Wal­ter St­ein­mei­er im Aus­wär­ti­gen Amt geht. Schulz gilt in der SPD schon lan­ge als Er­satz­par­tei­chef. Er ist in letz­ter Zeit öf­ter in Talk­shows zu se­hen. Vi­el­leicht, um sein Image als ver­meint­li­cher Brüs­se­ler Bü­ro­krat ab­zu­schüt­teln? Soll­te das sein Plan sein, scheint er auf­zu­ge­hen. Vie­le Ge­nos­sen hal­ten den elo­quen­ten Schulz längst für den bes­se­ren Kanz­ler­kan­di­da­ten. Und auch die Kon­kur­renz fürch­tet den Mann aus Brüs­sel of­fen­bar mehr als den aus Gos­lar. In der Uni­on bricht je­den­falls an­ge­sichts der Vor­stel­lung, Schulz könn­te im Fe­bru­ar Au­ßen­mi­nis­ter wer­den, ei­ne ge­wis­se Un­ru­he aus. Schließ­lich ist die­ses Amt das per­fek­te Sprung­brett für ei­ne Kanz­ler­kan­di­da­tur.

Der Eu­ro­pa­po­li­ti­ker selbst hält sich bis­lang zu­rück, wenn es um ei­ge­ne Am­bi­tio­nen geht. Er gilt als Ver­trau­ter Ga­b­ri­els und wird ihm kaum in den Rü­cken fal­len. Erst am Wo­che­n­en­de sagt Schulz in ei­nem In­ter­view: „Ganz si­cher wä­re Ga­b­ri­el ein gu­ter Kan­di­dat und Kanz­ler.“Doch die Zah­len spre­chen ei­ne an­de­re Spra­che. Im Ok­to­ber frag­ten die Mei­nungs­for­scher von For­sa, wen die Deut­schen lie­ber als Kanz­ler hät­ten. Ga­b­ri­el kam auf de­sas­trö­se 18 Pro­zent, Schulz im­mer­hin auf 29 Pro­zent.

Denk­bar ist auch, dass Ga­b­ri­el und Schulz als Team ins Wahl­jahr ge­hen. So oder so wird der SPDVor­sit­zen­de sei­nen Tri­umph in der Prä­si­den­ten­fra­ge nicht lan­ge ge­nie­ßen kön­nen. Ja, die­ses Mal hat er ge­won­nen und die zö­gern­de Kanz­le­rin dü­piert. Aber schon bald wird sich der Ober­ge­nos­se ent­schei­den müs­sen: Will er das Bes­te für sich selbst? Das Bes­te für sei­ne Par­tei?

Der Par­tei­chef hat ein Pro­blem: Er ist un­be­liebt Erst Au­ßen­mi­nis­ter, dann Kanz­ler­kan­di­dat?

Fo­to: imago

SPD-Chef Sig­mar Ga­b­ri­el (Mit­te) hat Frank-Wal­ter St­ein­mei­er (rechts) als Kan­di­da­ten für das höchs­te Amt im Staat durch­ge­setzt. Mar­tin Schulz (links) könn­te da­für im Fe­bru­ar den Pos­ten des Au­ßen­mi­nis­ters über­neh­men.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.