Wird Trump ein neu­er Ro­nald Rea­gan?

Ana­ly­se Der Ver­gleich mit dem er­folg­rei­chen Prä­si­den­ten der 80er Jah­re zwingt sich auf. Aber der künf­ti­ge Chef im Wei­ßen Haus hat zwar das­sel­be Al­ter, aber bis­her zu­min­dest nicht das­sel­be For­mat. Wich­ti­ge Wei­chen­stel­lun­gen ste­hen an

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Politik - VON THO­MAS SEI­BERT

Washington

Das Ent­set­zen ist groß. Ein „Nichts­wis­ser“und Po­pu­list wer­de bald ins Wei­ße Haus ein­zie­hen, sagt ein De­mo­krat. „Was kön­nen wir nur tun?“fragt die Mit­ar­bei­te­rin ei­nes de­mo­kra­ti­schen Ab­ge­ord­ne­ten in Washington mit ver­heul­tem Ge­sicht, wie die New York Ti­mes be­rich­tet. Es ist der 5. No­vem­ber 1980, und Ro­nald Rea­gan hat gera­de die US-Prä­si­dent­schafts­wahl ge­won­nen.

Fast ge­nau 36 Jah­re spä­ter ste­cken Tei­le von Ame­ri­ka nach dem Sieg von Do­nald Trump über die hoch fa­vo­ri­sier­te Hil­la­ry Cl­in­ton in ei­nem ähn­lich tie­fen Schock­zu­stand. Da­ge­gen fei­ern die Re­pu­bli­ka­ner den Be­ginn ei­ner neu­en Ära.

Die Ähn­lich­kei­ten sind teil­wei­se frap­pie­rend. Rea­gan war 69 Jah­re alt, als er 1980 Prä­si­dent wur­de, Trump ist 70. Bei­de ver­dank­ten ih­ren Ein­zug ins Wei­ße Haus ei­ner weit­ver­brei­te­ten Wech­sel­stim­mung im Land am En­de de­mo­kra­ti­scher Prä­si­dent­schaf­ten. Bei­de prä­sen­tier­ten sich im Wahl­kampf als Kämp­fer ge­gen das Esta­blish­ment in Washington.

In ei­ni­gen po­li­ti­schen In­hal­ten lie­gen sie eben­falls eng bei­ein­an­der. Steu­er­sen­kun­gen im In­ne­ren und Här­te ge­gen Geg­ner der USA im Aus­land ge­hö­ren zu ih­ren wich­tigs­ten Pro­gramm­punk­ten. Ge­gen bei­de wird der Vor­wurf er­ho­ben, sie be­geg­ne­ten kom­ple­xen Pro­ble­men mit sim­plen Ant­wor­ten. An­hän­ger bei­der Po­li­ti­ker schwär­men für ih­re Ga­be, in ei­ner schnör­kel­lo­sen Spra­che so zu re­den, dass Nor­mal­bür­ger sie ver­ste­hen.

Auch die Zu­sam­men­set­zung ih­rer An­hän­ger­schaft äh­nelt sich. Rea­gan ver­dank­te sei­nen Wah­l­er­folg nicht nur den Kon­ser­va­ti­ven, son­dern auch ei­ner Wäh­ler­schicht, die den Na­men „Rea­gan-De­mo­kra­ten“er­hielt: Ar­bei­ter­fa­mi­li­en aus tra­di­tio­nel­len Hoch­bur­gen der De­mo­kra­ten wie den Ge­gen­den um die gro­ßen Au­to­fa­bri­ken in De­troit, die sich aus Ent­täu­schung über ih­re Par­tei den Re­pu­bli­ka­nern zu­wand­ten. Die­se ent­frem­de­ten de­mo­kra­ti­schen Stamm­wäh­ler mö­gen Kan­di­da­ten, die Jobs ver­spre­chen und das The- ma der na­tio­na­len Si­cher­heit groß­schrei­ben – aber sie wer­den miss­trau­isch, wenn sich ei­ne Par­tei aus ih­rer Sicht zu viel um Min­der­hei­ten, Ein­wan­de­rer und Frau­en­rech­te küm­mert.

Trump ist sich be­wusst, dass der 2004 ge­stor­be­ne Rea­gan bis heu­te ei­ner der po­pu­lärs­ten ame­ri­ka­ni­schen Po­li­ti­ker ist. Bei sei­nen Wahl­kund­ge­bun­gen pries Trump sei­ne ge­plan­te Steu­er­re­form mit den Wor­ten an, Ame­ri­ka ste­he vor den größ­ten Steu­er­sen­kun­gen seit der Rea­gan-Ära.

Doch nicht al­le sind ein­ver­stan­den da­mit, dass sich Trump in die Rol­le des Rea­gan-Er­ben wirft. Rea­gans Fa­mi­lie et­wa pro­tes­tiert hef­tig ge­gen die Ver­glei­che. Tat­säch­lich stell­te Rea­gan die Hoff­nung und den Op­ti­mis­mus in den Mit­tel­punkt sei­ner Rhe­to­rik, wäh­rend Trump in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten das Bild ei­nes Lan­des am Ab­grund mal­te, re­giert von ei­ner kor­rup­ten Eli­te und ver­lacht von Fein­den in al­ler Welt.

An­ders als Trump wä­re es Rea­gan wohl auch nie in den Sinn ge­kom­men, das The­ma der il­le­ga­len Ein­wan­de­rung mit ei­ner Grenz­mau­er re­geln zu wol­len, im Ge­gen­teil. 1986 un­ter­zeich­ne­te Rea­gan ei­ne Am­nes­tie, mit der drei Mil­lio­nen il­le­ga­le Im­mi­gran­ten ein Auf­ent­halts­recht er­hiel­ten – für Trump ist der Be­griff der „Am­nes­tie“in die­sem Zu­sam­men­hang ein Schimpf­wort.

Schon bald dürf­te sich zei­gen, wie sehr Trump in sei­ner Prä­si­dent­schaft je­ne Rea­gan’sche Cha­rak­ter­zü­ge über­neh­men wird, die den Kal­ten Krie­ger der 1980er Jah­re zum er­folg­rei­chen Staats­ober­haupt mach­ten. Wie Rea­gan vor ihm ist Trump we­ni­ger stark ideo­lo­gisch fest­ge­legt als sei­ne Wäh­ler­ba­sis – die Fra­ge ist, ob er wei­ter den rech­ten Dem­ago­gen gibt, oder ob er prag­ma­tisch agiert, wie Rea­gan es tat. Fle­xi­bi­li­tät statt ideo­lo­gi­scher Star­re war bei ihm ein Grund­mo­tiv.

Das zeig­te sich schon bald nach der Wahl von 1980. Rea­gan hol­te bei der Mi­nis­ter­aus­wahl für sein Ka­bi­nett so vie­le Ge­mä­ßig­te in die Re­gie­rung, dass erz­kon­ser­va­ti­ve Kri­ti­ker sich schon bald über den neu­en Prä­si­den­ten be­schwer­ten, wie der His­to­ri­ker Gil Troy kürz­lich schrieb. Der Prä­si­dent ließ die Kri­tik an sich ab­per­len. Es ge­be im­mer Leu­te, die es am lie­bes­ten sä­hen, wenn man vor lau­ter ideo­lo­gi­schem Ei­fer „mit der Fah­ne in den Ab­grund springt“, statt Kom­pro­mis­se zu schlie­ßen, sag­te Rea­gan ein­mal.

Noch ist of­fen, wel­chen Weg Trump ein­schla­gen wird. Er kann sei­ne rech­ten An­hän­ger mit ra­di­ka­len Schrit­ten et­wa in der Ein­wan­de­rungs­po­li­tik bei Lau­ne hal­ten und al­le Kom­pro­mis­se ab­leh­nen. Er kann sich aber auch von sei­nem ei­ge­nen Wahl­kampf-Ge­tö­se lö­sen, Är­ger mit den Rechts­kon­ser­va­ti­ven ris­kie­ren – und sich die Chan­ce er­öff­nen, sei­ne Prä­si­dent­schaft zum Er­folg zu ma­chen.

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