Schü­ler und El­tern be­dro­hen Leh­rer

Stu­die Schla­gen, tre­ten, mob­ben und be­lei­di­gen. Ei­ne neue Um­fra­ge zeigt, wel­chen Ge­walt­ta­ten Leh­rer im Klas­sen­zim­mer aus­ge­setzt sind. Doch die Über­grif­fe sind ein Ta­bu­the­ma

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Bayern - VON SA­RAH RITSCHEL

Augs­burg Po­li­zis­ten ha­ben an ei­nem Di­ens­tag­mor­gen En­de Ok­to­ber die Nürn­ber­ger Be­rufs­schu­le um­stellt. Hun­der­te rie­geln den Kom­plex ab, ein paar tau­send Schü­ler ver­bar­ri­ka­die­ren sich in ih­ren Klas­sen­zim­mern. Erst ein paar Wo­chen zu­vor ha­ben sie das für den Fall ei­nes Amok­laufs ge­probt. Doch dies­mal ist es kei­ne Übung. Ein Schü­ler hat ge­droht, ei­nem der Be­rufs­schul­leh­rer et­was an­zu­tun. Am En­de nimmt die Po­li­zei den 26-jäh­ri­gen Tä­ter in sei­ner Woh­nung fest. An die Schu­le ist er nicht ge­kom­men. Trotz­dem dürf­te der be­droh­te Leh­rer den Psy­cho­ter­ror nicht ver­ges­sen.

Na­tür­lich ist das ein be­son­ders ex­tre­mer Fall. Doch auch im nor­ma­len Schul­all­tag ist Ge­walt ge­gen Leh­rer ver­brei­tet – vor al­lem psy­chi­sche. Fast ein Vier­tel der Lehr­kräf­te an Deutsch­lands all­ge­mein­bil­den­den Schu­len be­rich­tet von Be­dro­hun­gen, Be­lei­di­gun­gen, Be­schimp­fun­gen und Mob­bing. Für die neue Stu­die, die der Ver­band Bil­dung und Er­zie­hung (VBE) beim For­sa-In­sti­tut für Po­li­tik- und So­zi­al­for­schung in Auf­trag ge­ge­ben hat, wur­den auch 500 Leh­rer in Bay­ern be­fragt. Im gan­zen Frei­staat gibt es et­wa 100 000 Lehr­kräf­te. Re­prä­sen­ta­tiv ist die Ana­ly­se für Bay­ern al­so nicht. Si­mo­ne Fleisch­mann, Prä­si­den­tin des Baye­ri­schen Leh­rer- und Leh­re­rin­nen­ver­bands (BLLV), zieht den­noch ei­nen Schluss dar­aus. „Die Er­geb­nis­se ma­chen ei­nes un­miss­ver­ständ­lich deut­lich: Ge­walt­ta­ten ge­gen Leh­rer sind kei­ne Ein­zel­fäl­le“, sag­te sie ges­tern in Mün­chen. 55 Pro­zent der Be­frag­ten in Bay­ern be­rich­ten von Fäl­len psy­chi­scher Ge­walt an ih­rer Schu­le. Fast je­der Fünf­te ist dem­nach selbst schon Op­fer ge­wor­den. Fast zwei Drit­tel wur­den von El­tern be­schimpft, be­droht oder an­der­wei­tig ver­bal at­ta­ckiert. Gut die Hälf­te der Be­trof­fe­nen kennt Mob­bing durch Schü­ler. Vor­ge­setz­te und Leh­rer­kol­le­gen wa­ren der Um­fra­ge zu­fol­ge nur bei 21 und zwölf Pro­zent in­vol­viert.

Kör­per­li­che Über­grif­fe sind der Stu­die zu­fol­ge sel­te­ner. Sechs von 100 Leh­rern in Deutsch­land wur­den dem­nach schon min­des­tens ein­mal ge­schla­gen, ge­tre­ten, an den Haa­ren ge­zo­gen oder an­der­wei­tig be­drängt. Hoch­ge­rech­net sind das den­noch 45 000 Lehr­kräf­te.

In Bay­ern er­leb­ten vier Pro­zent der Be­frag­ten be­reits kör­per­li­che An­grif­fe. Die ab­so­lu­te Aus­nah­me sind Ex­trem­fäl­le wie in Re­gens­burg vor rund zwei Wo­chen: An ei­ner Mit­tel­schu­le hat­te ein 17-Jäh­ri­ger ei­ne Leh­re­rin in der Au­la mit ei­ner Waf­fe be­droht. Als de­ren Kol­le­gen den No­t­ruf wähl­ten, floh der Tä­ter, we­nig spä­ter wur­de er in Hand­schel­len ab­ge­führt. Die Waf­fe war ei­ne Schreck­schuss­pis­to­le.

Das baye­ri­sche Lan­des­kri­mi­nal­amt (LKA) re­gis­trier­te im Jahr 2015 ins­ge­samt 106 Straf­ta­ten mit Leh­rern als Op­fer. Fast al­le wa­ren „Roh­heits­de­lik­te und Straf­ta­ten ge­gen die per­sön­li­che Frei­heit“. Dar­un­ter ver­steht die Po­li­zei et­wa Kör­per­ver­let­zung, Raub oder Nö­ti­gung. An­ge­stie­gen je­doch sind die Zah­len in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht. 2009 gab es so­gar 172 sol­cher Straf­ta­ten, wie das LKA auf An­fra­ge un­se­rer Zei­tung be­rich­tet. Seit­her schwankt die Zahl zwi­schen knapp 100 und 130. Was man wis­sen muss: Nur ein ver­schwin­dend ge­rin­ger Teil schu­li­scher Ge­walt wird an­ge­zeigt. Oft re­gelt die Schu­le sol­che Fäl­le selbst – mit El­tern­ge­sprä­chen oder Ver­wei­sen zum Bei­spiel.

Ein Pro­blem ist nach den Au­to­ren der Stu­die, dass vie­le Leh­rer nicht über ih­re Er­fah­run­gen re­den. Mehr als die Hälf­te al­ler deut­schen Be­frag­ten gibt an, dass Über­grif­fe von Schü­lern und El­tern ein Ta­bu­the­ma sind. Zwei Drit­tel füh­len sich al­lein­ge­las­sen von den je­wei­li­gen Lan­des­re­gie­run­gen, die zu­stän­dig für die Bil­dungs­po­li­tik sind. Rund 40 Pro­zent im Bund wie in Bay­ern wün­schen sich mehr Fort­bil­dun­gen zum Um­gang mit Ge­walt.

Lud­wig Un­ger, Spre­cher des baye­ri­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums, si­gna­li­siert die Be­reit­schaft da­zu. „Wenn der Be­darf da ist, müs­sen wir uns dar­an ori­en­tie­ren.“Al­ler­dings müss­ten die Be­trof­fe­nen da­für auch den Wil­len ha­ben, an die Öf­fent­lich­keit zu ge­hen. „Zu­schau­en und Zu­de­cken ist nicht an­ge­bracht.“

Fo­to: Oli­ver Berg, dpa

Mit dem Mes­ser in die Schu­le? Man kann sich kaum vor­stel­len, dass es so et­was in Bay­ern gibt. Ein Blick in die Zei­tun­gen be­weist das Ge­gen­teil. Erst kürz­lich wur­de ei­ne Leh­re­rin in Re­gens­burg mit ei­ner Waf­fe be­droht. In Nürnberg muss­te die Po­li­zei ei­nen Be­rufs­schul­leh­rer schüt­zen.

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