„Bei In­te­gra­ti­on ste­hen wir erst am An­fang“

In­ter­view Wel­che Auf­ga­ben Augs­burgs Ober­bür­ger­meis­ter Gribl als vor­dring­lich sieht

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Bayern -

Et­wa 890 000 Asyl­su­chen­de sind im ver­gan­ge­nen Jahr nach Deutsch­land ge­kom­men. Heu­er sind es deut­lich we­ni­ger. Ist das die Chan­ce, sich in­ten­si­ver um die Flücht­lin­ge zu küm­mern, weil es nicht mehr nur dar­um geht, mög­lichst vie­le Men­schen mög­lichst schnell ir­gend­wie un­ter­zu­brin­gen?

Die Ent­las­tung ist gut. Sie zeigt, wie Po­li­tik ge­wirkt hat. Ei­ne gleich­blei­ben­de Be­las­tung hät­ten wir wohl nicht mehr be­wäl­ti­gen kön­nen. Auf­nah­me­ein­rich­tun­gen las­sen sich or­ga­ni­sie­ren. Die ei­gent­li­che Ar­beit ist aber die In­te­gra­ti­on die­ser Men­schen. Und da ste­hen wir erst am An­fang.

Kurt Gribl:

Was sind die wich­tigs­ten Her­aus­for­de­run­gen, vor de­nen die Ge­sell­schaft steht?

Gribl:

Das Wich­tigs­te ist, dass In­te­gra­ti­on nach­hal­tig er­folgt. Die Kanz­le­rin hat heu­te ge­sagt, ei­ne schlech­te In­te­gra­ti­on be­schäf­tigt uns über Jahr­zehn­te. Und da­mit hat sie recht. Wir dür­fen Feh­ler der Ver­gan­gen­heit nicht wie­der­ho­len. Wir müs­sen ei­ner­seits un­ter­stüt­zen, aber auf der an­de­ren Sei­te auch dar­auf ach­ten, dass Mit­wir­kung ein­ge­for­dert wird. Und: Wir müs­sen un­se­re Struk­tu­ren an­pas­sen. In Augs­burg tun wir das künf­tig zum Bei­spiel durch die Ein­rich­tung ei­ner ko­or­di­nier­ten Bil­dungs­be­ra­tung für Zu­ge­wan­der­te. Hier en­ga­gie­ren sich die Stadt, freie Trä­ger und die Agen­tur für Ar­beit ge­mein­schaft­lich, um gu­te In­te­gra­ti­on zu be­för­dern.

Was mei­nen Sie da­mit?

Die Ar­beit un­se­rer Eh­ren­amt­li­chen hat in der Ver­gan­gen­heit auch des­halb funk­tio­niert, weil es kei­ne Spit­zen­be­las­tun­gen gab. Das Eh­ren­amt wird wei­ter ge­for­dert sein, aber es darf nicht über­for­dert wer­den. Wir be­nö­ti­gen ei­ne pro­fes­sio­nel­le Schu­lung und An­lei­tung von Frei­wil­li­gen, die vor in­ter­kul­tu­rel­len Her­aus­for­de­run­gen ste­hen. Eh­ren­amt­li­che Ar­beit muss an­er­kannt und ko­or­di­niert wer­den. Da­zu ge­hört auch ei­ne fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung.

Gribl:

Ei­ne For­de­rung des Städ­te­tags, den Sie im Kanz­ler­amt ver­tre­ten ha­ben, ist mit dem Vor­wurf ver­bun­den, der Staat über­las­se gro­ße Be­rei­che der In­te­gra­ti­ons­ar­beit dem bür­ger­schaft­li­chen En­ga­ge­ment und den Kom­mu­nen. Gleich­zei­tig ent­zie­he er sich sei­ner fi­nan­zi­el­len Ver­ant­wor­tung.

Es gibt schon vie­le Ein­zel­pro­jek­te, die fi­nan­ziert sind. Das sind aber meis­tens nur Im­pul­se: Der Staat gibt für Pro­jek­te drei Jah­re lang Geld. Die funk­tio­nie­ren auch in al­ler Re­gel gut, sind dif­fe­ren­ziert und wir­kungs­voll. Ich nen­ne da für Augs­burg bei­spiel­haft die Stadt­teil­müt­ter oder die mus­li­mi­sche Seel­sor­ge. Dann aber wer­den die­se Pro­jek­te den Kom­mu­nen über­las­sen. Das geht so nicht. Wir müs­sen In­te­gra­ti­on als ei­ne Dau­er­auf­ga­be zwi­schen

Gribl:

Bund, Län­dern und Kom­mu­nen ver­ste­hen. Wenn Spra­che und Bil­dung als ein Schlüs­sel für ei­ne ge­lin­gen­de In­te­gra­ti­on an­ge­se­hen wer­den, dann müs­sen hier der Bund und die Län­der noch mehr tun. An­stand­shal­ber muss auch da­zu ge­sagt wer­den, dass wir vom Bund ein Sie­ben-Mil­li­ar­den-Pa­ket be­kom­men ha­ben für In­te­gra­ti­ons­leis­tun­gen und ein Zwei-Mil­li­ar­den-Pa­ket für Un­ter­kunfts­kos­ten. Das ent­las­tet die Städ­te und Ge­mein­den, be­zieht sich aber vor al­lem auf das Or­ga­ni­sa­to­ri­sche. Jetzt gilt es, Ant­wor­ten auf in­halt­li­che Fra­gen der In­te­gra­ti­on zu fin­den.

Die sie­ben Mil­li­ar­den wur­den aus Fö­de­ra­lis­mus­grün­den nur an die Län­der wei­ter­ge­reicht. Und Ihr Nürn­ber­ger Amts­kol­le­ge von der SPD, Ul­rich Ma­ly, be­klagt sich, dass der Frei­staat die Kom­mu­nen der­zeit nicht an­ge­mes­sen an den Bun­des­mit­teln be­tei­ligt.

Da sind die Dis­kus­sio­nen mit dem Frei­staat Bay­ern noch nicht ab­ge­schlos­sen. Das steht auf der Agen­da. Es geht zum Bei­spiel dar­um, wer die Kos­ten für die in­zwi­schen voll­jäh­ri­gen un­be­glei­te­ten Flücht­lin­ge über­neh­men soll.

Gribl:

Die ge­sell­schaft­li­che Ak­zep­tanz ist der Schlüs­sel für ei­ne er­folg­rei­che In­te­gra­ti­on. Vor ei­ner Über­for­de­rung wird nicht erst seit kur­zem ge­warnt. Wie kann man die­sen Sor­gen der Men­schen be­geg­nen?

Oh­ne Ak­zep­tanz funk­tio­niert In­te­gra­ti­on nicht. Wir brau­chen im­mer die Men­schen da­zu. Die Ak­zep­tanz ist des­we­gen stra­pa­ziert, weil auch das Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den an­ge­spro­chen ist. Die Leu­te for­mu­lie­ren oft, dass der Staat viel Geld hat für Flücht­lin­ge, für sie selbst aber nichts.

Gribl:

Ist das ein be­rech­tig­ter Vor­wurf?

Das kann ich nicht ein­mal ab­schlie­ßend be­ur­tei­len. Wir müs­sen je­den­falls ler­nen, dass wir In­te­gra­ti­ons­ar­beit nicht nur aus dem Blick­win­kel der Be­dürf­nis­se von Flücht­lin­gen und Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund se­hen. Die Be­dürf­nis­se un­se­rer ei­ge­nen Ge­sell­schaft müs­sen mit­for­mu­liert wer­den. Au­ßer­dem geht es dar­um, an der ei­nen oder an­de­ren Stel­le ak­tiv da­zu bei­zu­tra­gen, dass ei­ne Kon­kur­renz­si­tua­ti­on gar nicht erst ent­steht. Es gibt vie­le staat­li­che Leis­tun­gen, die mög­li­cher­wei­se an­de­ren nicht ge­währt wer­den. Das ist im­mer ein An­satz­punkt für ein Un­ge­rech­tig­keits­ge­fühl. Da müs­sen wir sehr auf­pas­sen.

Gribl:

In­ter­view: Till Hof­mann

Kurt Gribl

ist Augs­bur­ger Ober­bür­ger­meis­ter. Im Städ­te­tag ge­hört er auf Bun­des- und Lan­des­ebe­ne zur Füh­rungs­rie­ge.

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