„Die Ka­cke ist jetzt rich­tig am Damp­fen“

Pro­zess Fahr­dienst­lei­ter von Bad Ai­b­ling hat Aus­maß der Zug­ka­ta­stro­phe früh er­kannt. Es gibt Kri­tik am No­t­ruf­sys­tem

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Bayern -

Traunstein

Der Fahr­dienst­lei­ter von Bad Ai­b­ling hat das Aus­maß der Ka­ta­stro­phe laut ei­ner Zeu­gen­aus­sa­ge recht schnell er­kannt. Der 40-Jäh­ri­ge soll kurz nach 7 Uhr zu ei­nem an­de­ren Bahn­mit­ar­bei­ter am Te­le­fon ge­sagt ha­ben: „Die Ka­cke ist jetzt rich­tig am Damp­fen.“

Das sag­te ein Kol­le­ge des An­ge­klag­ten am Mon­tag im Pro­zess beim Land­ge­richt Traunstein. Bei sei­nem Te­le­fo­nat ha­be der 40-Jäh­ri­ge recht auf­ge­regt ge­wirkt, be­rich­te­te der Bahn­mit­ar­bei­ter wei­ter. Beim Zu­sam­men­stoß von zwei Zü­gen am Fa­schings­diens­tag um 6.47 Uhr wa­ren 12 Men­schen ums Le­ben ge­kom­men und 89 teils le­bens­ge­fähr­lich ver­letzt wor­den.

Der an­ge­klag­te Micha­el P. muss sich we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung und fahr­läs­si­ger Kör­per­ver­let­zung ver­ant­wor­ten. Er hat­te zu Pro­zess­be­ginn ge­stan­den, an dem Fe­bru­ar­tag die Nah­ver­kehrs­zü­ge durch Set­zen ei­nes Son­der­si­gnals gleich­zei­tig auf die ein­glei­si­ge Stre­cke ge­schickt zu ha­ben. Zu­dem gab er zu, ver­bo­te­ner­wei­se im Di­enst auf sei­nem Smart­pho­ne ge­spielt zu ha­ben.

Die Be­fra­gung des Zeu­gen mach­te auch deut­lich, dass das No­t­ruf­sys­tem der Deut­schen Bahn (DB) beim Per­so­nal als nicht op­ti­mal gilt. Auf die Fra­ge ei­nes An­walts, der An­ge­hö­ri­ge von Op­fern als Ne­ben­klä­ger ver­tritt, sag­te der Zeu­ge: „Es soll­te ei­ne ein­fa­che­re Lö­sung ge­ben.“Denn es be­ste­he Ver­wechs­lungs­ge­fahr beim Be­die­nen der Tas­ten. Tat­säch­lich hat­te der An­ge­klag­te beim Ab­schi­cken des No­t­ru­fes, nach­dem er sei­nen Feh­ler be­merkt hat­te, ver­se­hent­lich die Fahr­dienst­lei­ter in der Um­ge­bung in­for­miert und nicht die Lok­füh­rer der bei­den be­trof­fe­nen Zü­ge. Es gibt da­für zwei ver­schie­de­ne Tas­ten, die na­he bei­ein­an­der­lie­gen.

Die Ne­ben­klä­ger wol­len im Pro­zess auch ei­ne mög­li­che Mit­ver­ant­wor­tung der Bahn durch­leuch­ten, die das Stre­cken­netz be­treibt. An­ge­klagt ist aber nur der Fahr­dienst­lei­ter. Ein wei­te­rer Bahn­mit­ar­bei­ter, der am Un­glücks­tag in der Not­fall­leit­stel­le in Mün­chen Di­enst hat­te, sag­te aus, dass auch bei ihm nur Mi­nu­ten nach dem Zu­sam­men­stoß ein An­ruf des Fahr­dienst­lei­ters ein­ge­gan­gen sei. Dar­in ha­be der 40-Jäh­ri­ge ein­ge­räumt, dass er durch Set­zen ei­nes Son­der­si­gnals bei­de Zü­ge gleich­zei­tig auf die Stre­cke ge­schickt ha­be.

Der un­mit­tel­ba­re Vor­ge­setz­te des An­ge­klag­ten be­rich­te­te, sein Mit­ar­bei­ter sei sehr zu­ver­läs­sig, pflicht­be­wusst und pünkt­lich ge­we­sen.

Fo­to: Pe­ter Kn­ef­fel, dpa

Der Fahr­dienst­lei­ter von Bad Ai­b­ling im Pro­zess.

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