Die Ohn­macht männ­li­cher Ver­nunft

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Feuilleton - VON MA­THI­AS MAY­ER

Auch wenn die­se Bal­la­de zu­nächst im Freun­des­kreis Goe­thes (17491832) als ein Volks­lied re­zi­piert wur­de, sie ist al­les an­de­re als harm­los. End­rei­me und Stab­rei­me, Wie­der­ho­lun­gen und Aus­las­sun­gen – wie gleich im ers­ten Vers und zu Be­ginn der vier­ten Stro­phe – er­zeu­gen nur den An­schein des Un­mit­tel­ba­ren und Ele­men­ta­ren. Bei ge­naue­rer Be­trach­tung zeigt sich ein vir­tuo­ses Sprach­spiel, das als ero­ti­sche Ver­lo­ckung ma­gi­sche An­zie­hung und Ver­nich­tung zu­sam­men­bin­det. Auch ein Um­schlag vom Hu­mor zur Tra­gik ist nicht zu über­se­hen, wenn der zu­nächst so un­be­weg­lich schei­nen­de Fi­scher – „Kühl bis ans Herz hin­an“– durch die Be­geg­nung mit dem „feuch­ten Weib“Leib und Le­ben ver­liert.

Im Wett­kampf zwi­schen den bei­den, in dem nur der nicht na­ment­lich ge­nann­ten Ni­xe oder Un­di­ne ei­ne Stim­me ver­lie­hen wird, geht es um wech­sel­sei­ti­ge Ver­lo­ckung. Der an­geln­de Fi­scher geht nicht nur leer aus, son­dern er wird selbst das Op­fer der Ver­füh­rung, die die bei­den mitt­le­ren Stro­phen be­herrscht: Aus dem Mund der Frau er­fährt er, dass er erst „auf dem Grund“des Was­sers ge­sund wür­de, das heißt, sei­ne bis­he­ri­ge Exis­tenz er­scheint als man­gel­haft: Sie ist mit „Men­schen­witz und Men­schen­list“be­zeich­net, aber gera­de dar­in un­voll­stän­dig.

Die in der drit­ten Stro­phe for­mu­lier­te Fas­zi­na­ti­on zeigt das Was­ser als ver­lo­cken­de Spie­gel­welt, in der sich der Him­mel, die Son­ne und der Mond „dop­pelt schö­ner“zei­gen. Ja, letzt­lich ist es die nar­ziss­ti­sche Ver­lo­ckung des ei­ge­nen Spie­gel­bil­des, die sie dem bis­lang küh­len Fi­scher ent­ge­gen­hält.

Am En­de ist es um ihn ge­sche­hen, das be­rühm­te „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“zeigt die Ohn­macht der Ver­nunft. Statt die ge­fan­ge­nen Fi­sche in die „To­des­glut“ei­nes Kü­chen­her­des hin­auf zu den Men­schen zu brin­gen (Vers 12) – ei­ne un­schö­ne Deu­tung, auf der Goe­the selbst be­stan­den hat! –, wird der Fi­scher von der Ma­gie des Ab­grun­des her­un­ter­ge­zo­gen. Der küh­le Mann ist schwä­cher als das feuch­te Weib in sei­nem Spre­chen und Sin­gen, das über de­ren Re­de­an­teil hin­aus die Bal­la­de ins­ge­samt zu ei­ner be­tö­ren­den Sprach­sze­ne macht.

Dass der Hin­ter­grund des Tex­tes eben­falls ernst­haft ist, kann man aus den Zeug­nis­sen er­se­hen, zu de­nen wohl ein Brief an Char­lot­te von St­ein vom Ja­nu­ar 1778 zählt, in dem Goe­the auf den Frei­tod der Chris­tia­ne von Laß­berg in der Ilm zu spre­chen kommt: „Die­se ein­la­den­de Trau­er hat was ge­fähr­lich an­zie­hen­des wie das Was­ser selbst, und der Ab­glanz der Ster­ne des Him­mels der aus bei­den leuch­tet“– aus der Trau­er wie aus dem Was­ser – „lockt uns“.

J. W. Goe­the

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