Köst­li­cher Ku­bus

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Winter 2016 - Auf den Spu­ren der Not­pra­li­ne in Dresden VON LA­RIS­SA LOGES

Weih­nach­ten und Do­mi­no­stei­ne ge­hö­ren ein­fach zu­sam­men. Heu­er wird die Pra­li­ne 80 Jah­re alt. Die Su­che nach der Ge­burts­stät­te führt nach Dresden. Dort wird klar: Krieg, Mau­er­bau und deut­sche Ein­heit – der Do­mi­no­stein hat viel er­lebt. Aus der schmu­cken Alt­stadt Dres­dens mit Frau­en­kir­che und Zwin­ger, führt die Spur der Schicht­pra­li­ne ei­ni­ge Ki­lo­me­ter wei­ter in den Stadt­teil Co­schütz. Ein sch­lich­ter Bau, ei­ne Glas­tür, dar­über in dunk­len Buch­sta­ben das Wort „Werks­ver­kauf“. Da­hin­ter ein Duft, als wür­den tau­send En­gel Plätz­chen ba­cken. Und die Ge­schich­te ei­nes Man­nes, der nicht mehr er­lebt hat, wie sehr die Men­schen sei­ne sü­ße Er­fin­dung lie­ben. Um­ge­ben von Va­nil­le- und Man­del­wol­ken liegt ein klei­nes Mu­se­um. Ein ver­blass­tes Fo­to in glä­ser­ner Vi­tri­ne zeigt ei­nen grau­haa­ri­gen Herrn hin­ter ei­nem Berg aus Do­mi­no­stein­kar­tons – Her­bert Wend­ler mit sei­nem Le­bens­werk. Et­was mü­de schaut er aus. Wer will es ihm ver­den­ken? 1936 hat der Cho­co­la­tier die Schicht­pra­li­ne er­fun­den. Als er Jah­re spä­ter auf Licht­bild fest­ge­hal­ten wird, hat er ei­ni­ges mit­ge­macht. Sei­ne Fa­b­rik: im Krieg zer­stört. 1952 baut er in ei­nem Tanz­saal die Pro­duk­ti­on wie­der auf. 1972 in der DDR ent­eig­net, star­tet er 1990 nach der Wen­de im Al­ter von fast 80 Jah­ren sei­nen Be­trieb er­neut. Der Kon­kurs war den­noch nicht ab­zu­wen­den. 1996 mel­det Her­bert Wend­ler In­sol­venz an, zwei Jah­re spä­ter stirbt er. Doch die Ge­schich­te sei­ner Do­mi­no­stei­ne ist da­mit nicht zu En­de: Par­al­lel zu Wend­lers wech­sel­haf­tem Schick­sal in Dresden hat der In­ge­nieur Dr. Hart­mut Qu­endt ei­ne Ma­schi­ne ent­wi­ckelt, die ei­ne an­de­re Ost-Spe­zia­li­tät, Rus­sisch Brot, in in­dus­tri­el­len Stück­zah­len fer­ti­gen konn­te. „Als die An­la­ge nach der Wen­de ver­schrot­tet wer­den soll­te, hat er sie ge­ret­tet und 1991 sein ei­ge­nes Un­ter­neh­men ge­grün­det“, er­in­nert sich sein Sohn, Mat­thi­as Qu­endt. Va­ter Qu­endt ge­fällt die Idee des Do­mi­no­steins. Die „Dr. Qu­endt Back­wa­ren Gm­bH“über­nimmt 1999 die Pro­duk­ti­on. Ein Jahr spä­ter zie­hen An­la­gen, Per­so­nal und das ver­gilb­te Fo­to Wend­lers aus dem Tanz­saal ins Qu­endt-Werk nach Dresden Co­schütz. Dort lockt auf der Eta­ge des Mi­ni-Mu­se­ums auch der Werks­ver­kauf. Sü­ßes in Knis­ter­tü­ten, Nost­al­gie­do­sen und Zier­kar­tons. Ein Wa­gen mit An­hän­ger wä­re jetzt toll. Na­tür­lich er­hält­lich: Do­mi­no­stei­ne. Auch Not- oder Kriegs­pra­li­ne ge­nannt, weil man sie als sta­bi­les Ge­bäck zur Not gut mit­neh­men konn­te, wa­ren die Scho­ko­klötz­chen kei­nes­wegs im­mer so leicht zu be­kom­men wie heu­te. Zu DDRZei­ten ein Ex­port­schla­ger für den Wes­ten, im Os­ten: „Bück­wa­re“. Wie bit­te? „Ra­re Pro­duk­te, die es nicht ein­fach so im Re­gal gab. Man muss­te sich da­für un­ter den La­den­tisch bü­cken“, er­klärt Mar­ke­tin­g­re­fe­ren­tin Clau­dia Hel­ler. Heu­te pro­du­ziert Markt­füh­rer Lam­bertz 8000 Ton­nen, um­ge­rech­net 640 Mil­lio­nen Do­mi­no­stei­ne jähr­lich. Hel­ler hält ein we­nig Wa­ren­kun­de pa­rat: „Es gibt den fei­nen und den feins­ten Do­mi­no­stein. Beim Fei­nen kön­nen die min­des­tens zwei La­gen Fül­lung Frucht, Mar­zi­pan oder Per­si­pan ent­hal­ten.“Im Feins­ten da­ge­gen sei­en im­mer aus­schließ­lich Mar­zi­pan und Frucht. Das Ori­gi­nal ent­hal­te Sau­er­kirsch­ge­lee, Mar­zi­pan und zart­bit­terum­man­tel­te Leb­ku­chen­plat­ten. Zu­sätz­lich gibt es un­ter­schied­lichs­te Va­ria­tio­nen, so­dass für je­den Ge­schmack et­was da­bei ist. Der Kon­fekt­ku­bus ist ei­ne ech­te Dresd­ner Er­folgs­ge­schich­te.

Fo­tos: Qu­endt, tu­n­e­din, Fo­to­lia.com

Der Dresd­ner Cho­co­la­tier Her­bert Wend­ler mit sei­nem Le­bens­werk.

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