Was wird aus Stra­ßen mit brau­ner Ver­gan­gen­heit?

Ge­schich­te 2013 for­der­ten die Grü­nen: Bei Streit­fäl­len soll ge­prüft wer­den, ob die Na­mens­ge­ber in das Sys­tem der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ver­strickt wa­ren. Die Stadt will die­se Fra­gen klä­ren, wenn ein an­de­res The­ma ab­ge­schlos­sen ist

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Augsburg - VON INA KRESSE

Wer ins Be­zirks­kran­ken­haus fährt, muss durch die Dr.-Mack-Stra­ße. Die Stra­ße, die nach dem Arzt Max Mack be­nannt wur­de, der in der Zeit der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen vor­ge­nom­men ha­ben soll. Mit dem Ki­no­film über das Schick­sal des Jun­gen Ernst Los­sa hat sich nun ein Le­ser un­se­rer Zei­tung an die­se Stra­ße und an ein The­ma er­in­nert, das die Grü­nen­S­tadt­rats­frak­ti­on 2013 an­ge­sto­ßen hat­te. Da­mals for­der­ten die Grü­nen, ei­ne Kom­mis­si­on ein­zu­set­zen, die sich mit kri­ti­schen Stra­ßen­na­men aus der NS-Zeit be­fas­sen soll. Ist seit­dem et­was ge­sche­hen?

Die Kom­mis­si­on gibt es schon längst. Die strit­ti­gen Stra­ßen­na­men al­ler­dings auch noch. Bis­lang hat sich hier nichts ge­än­dert. Es gibt sie al­so noch, die Bür­ger­meis­ter-Wid­mei­er-Stra­ße in Haun­stet­ten et­wa. Xa­ver Wid­mei­er wur­de 1919 Bür­ger­meis­ter von Haun­stet­ten. 1933 trat er aus der SPD aus und der NSDAP bei. Nach In­for­ma­tio­nen der Grü­nen war er in der NS-Zeit am Aus­bau des KZ-Au­ßen­la­gers Haun­stet­ten be­tei­ligt.

Auch die Hans-Watz­lik-Stra­ße (be­nannt nach dem Schrift­stel­ler, der Lob­lie­der auf Adolf Hit­ler schrieb) in Lech­hau­sen oder die Pro­fes­sor-Mes­ser­sch­mitt-Stra­ße (Flug­zeug­bau­er) im Uni­vier­tel ha­ben ih­re Na­men be­hal­ten, um wei­te­re um­strit­te­ne Bei­spie­le zu nen­nen. Die strit­ti­gen Na­men sind im­mer noch auf Stra­ßen­schil­dern prä- sent. Das The­ma ist aber nicht ver­ges­sen, be­tont Tho­mas Weit­zel auf Nach­fra­ge. Doch wie der Kul­tur­re­fe­rent der Stadt Augs­burg sagt, muss erst noch ei­ne an­de­re Auf­ga­be be­en­det wer­den. „Wir wid­men uns den Stol­per­stei­nen und den al­ter­na­ti­ven Er­in­ne­rungs­zei­chen. Das ist un­ser pri­mä­res Ziel, das wir zum Ab­schluss brin­gen müs­sen.“

Ste­len und Ta­feln sol­len ne­ben am Bo­den ver­leg­ten Stol­per­stei­nen in Augs­burg in Zu­kunft an Ho­lo­caust-Op­fer er­in­nern. Doch wie sol­len sie aus­se­hen? Da­zu läuft der­zeit noch ein of­fe­ner Wett­be­werb. Laut Weit­zel steht er vor der Fi­na­li­sie­rung. „Tol­le Ent­wür­fe“, so Weit­zel, wur­den von Agen­tu­ren ein­ge­schickt. En­de No­vem­ber soll dar­über ent­schie­den wer­den. Dann wird der Sie­ger-Ent­wurf dem Stadt­rat vor­ge­stellt. Weit­zel rech­net im De­zem­ber mit ei­nem Stadt­rats­be­schluss. „Be­vor die­se Al­ter­na­ti­ven nicht ste­hen, kön­nen die Stol­per­stei­ne nicht ver­legt wer­den“, er­klärt er die zeit­li­che Ab­fol­ge.

Im Früh­jahr des kom­men­den Jah­res dann sol­len die Er­in­ne­rungs­zei­chen und die Stol­per­stei­ne in der Stadt an­ge­bracht wer­den. Dann wol­le man sich den um­strit­te­nen Stra­ßen­na­men zu­wen­den. Auch das wird kei­ne leich­te Auf­ga­be. Da ist sich der Kul­tur­re­fe­rent schon jetzt si­cher. „Das wird ei­ne in­ten­si­ve Dis­kus­si­on, die kon­tro­vers ge­führt wird.“Zum ei­nen sei­en un­ter den um­strit­te­nen Na­men auf den Stra­ßen­schil­dern Grenz­gän­ger, bei de­nen der his­to­ri­sche Be­zug nicht ein­deu­tig klar sei. Zum an­de­ren wür­de man Stra­ßen­na­men heut­zu­ta­ge nicht ein­fach so aus­tau­schen. „Denn ei­nen Na­men ein­fach zu lö­schen, kann auch be­deu­ten, die Ge­schich­te aus­zu­blen­den“, sagt Weit­zel. Ei­ne mög­li­che Lö­sung wä­re auch, ei­nen Na­men in den rich­ti­gen Kon­text zu stel­len. Mit ei­nem zu­sätz­li­chen Schild et­wa.

Das sieht auch Grü­nen-Stadt­rä­tin Ve­re­na von Mu­ti­us so. Ih­rer Mei­nung nach müss­ten zu­nächst Kri­te­ri­en auf­ge­stellt wer­den, wann ein Stra­ßen­na­me pro­ble­ma­tisch ist. Dann erst soll­te die Be­wer­tung er­fol­gen. „Al­ler­dings ist bei man­chen Stra­ßen kla­rer, dass ei­ne Um­be­nen­nung er­for­der­lich ist“, sagt sie. Die Dr.-Mack-Stra­ße am Be­zirks­kran­ken­haus ist für die Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin solch ein Bei­spiel.

Dass die Kom­mis­si­on mit dem The­ma Stol­per­stei­ne und Er­in­ne­rungs­zei­chen in den letz­ten Mo­na­ten viel zu tun hat­te, sieht sie auch so. „Aber die kri­ti­schen Stra­ßen­na­men in Augs­burg sind nach wie vor ein wich­ti­ges The­ma. Das müs­sen wir vor­an­trei­ben.“

Fo­to: Sil­vio Wy­szen­grad

Die Dr.-Mack-Stra­ße wur­de nach ei­nem Arzt be­nannt, der in der Zeit der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen vor­nahm.

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