Lu­i­gi Ma­ler­ba – Die nack­ten Mas­ken (39)

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wetter | Roman -

Nachts in mei­ner Zel­le las­se ich das klei­ne Fens­ter of­fen, das auf die Stra­ße hin­aus­schaut, und war­te im­mer, daß du aus den stau­bi­gen Sei­ten des Ja­co­po da Vor­a­gi­ne her­aus­trittst und vom Him­mel her­un­ter­ge­flo­gen kommst, ganz nackt wie Eva. Komm zu mir, Hei­li­ge Theo­do­ra, ich er­war­te dich. „Von sol­cher Hei­lig­keit war Theo­do­ra, daß sie vie­le Wun­der tat“, sagt Ja­co­po da Vor­a­gi­ne. Tu al­so ein Wun­der auch für die­sen dei­nen ar­men ver­lieb­ten Dia­kon und er­ret­te mich aus ei­ner La­ge, aus der ich mich nicht al­lein be­frei­en kann. Ich wer­de das Fens­ter im­mer of­fen­las­sen, auch im Win­ter, und wer­de dich in al­len Näch­ten mei­nes Le­bens er­war­ten.

VIER­TES BILD Von Li­vor­no nach Os­tia

Die See­fahrt von Li­vor­no nach Ci­vi­ta­ve­c­chia auf stür­mi­schem Meer „si­cut Lu­ci­fe­ri ru­gi­en­tis“, un­ter dem Grol­len Lu­zi­fers, rief Sturm und Übel­keit auch im Ma­gen des Paps­tes her­vor. Ha­dri­an er­brach in ei­ne Sil­ber­schüs­sel die Res­te des See­barschs, den er in Li­vor­no ge­ges­sen hat­te; aber auch nach dem Aus­spei­en des ed­len Fi­sches litt er wei­ter an hef­tigs­tem Brech­reiz, um so schmerz­haf­ter, als die Kon­trak­tio­nen ei­nen nun­mehr lee­ren Ma­gen plag­ten.

Ei­ner aus sei­nem Ge­fol­ge riet ihm auf­zu­ste­hen, an­de­re woll­ten ihn sit­zend, und noch­mals an­de­re auf dem Schiffs­deck lie­gend, die ei­nen mit dem Bauch nach oben, die an­de­ren mit dem Bauch nach un­ten. Aber wel­ches auch die ge­wähl­te La­ge war, das Übel­be­fin­den woll­te sich nicht be­ru­hi­gen, der gan­ze Kör­per des Paps­tes wand sich wie ein vom Hur­ri­kan ge­zaus­ter Baum. In den Au­gen­bli­cken, da es ihm ge­lang, ge­nü­gend Kräf­te zu sam­meln, rief der un­glück­li­che Fla­me mit schmerz­li­cher Stim­me zu Gott.

„Gott im Him­mel, helft mir, kommt her­ab, ei­nem ar­men Chris­ten­men­schen Trost zu spen­den, der sich in den Ge­wal­ten der Was­ser be­fin­det. Mein All­mäch­ti­ger Gott, die Was­ser sind Eu­er, die Win­de sind Eu­er, Ihr al­lein könnt sie be­zäh­men.“

In die­ser miß­li­chen La­ge wur­den al­le ge­wahr, daß der Papst sich in Hol­län­disch und nicht mehr in Latein an Gott wand­te. Und die we­ni­gen, die ei­ni­ge Kennt­nis die­ser Spra­che hat­ten, be­merk­ten mit Stau­nen, daß Ha­dri­an Gott mit „Ihr“an­re­de­te, wäh­rend bei uns auch ein ein­fa­cher Ma­tro­se „Du“zu ihm sagt.

Die Se­kre­tä­re des päpst­li­chen Ge­fol­ges be­rie­ten sich mit dem Kom­man­dan­ten, ob es an­gin­ge, die Se­gel zu strei­chen, aber die­ser ent­schied oh­ne Zö­gern, es sei not­wen­dig, die Fahrt fort­zu­set­zen, weil ein Halt mit­ten im Meer wäh­rend ei­nes Sturms das Sch­lin­gern frag­los ver­schlim­mert, und nicht nur das Heil des Paps­tes, son­dern auch das des Schiffs in Ge­fahr ge­bracht hät­te.

Als sich der Schmerz end­lich zu­gleich mit den Wel­len des Mee­res be­ru­hig­te, ver­lang­te es den Papst auf dem Ober­deck nie­der­zu­kni­en, um Gott Dank zu sa­gen, aus­führ­lich, und dies­mal in Latein. Sein Ge­fol­ge knie­te mit ihm nie­der und stimm­te in sei­ne Ge­be­te und Psal­men­ge­sän­ge ein.

End­lich, nach zwei Näch­ten hei­te­ren Him­mels und tie­fen Schlafs, lang­te Ha­dri­an im Ha­fen von Ci­vi­ta­ve­c­chia an, am 25. Au­gust des Abends. Am Mor­gen des fol­gen­den Ta­ges setzt er erst­mals den Fuß auf den Bo­den des Kir­chen­staats.

Ei­ne gro­ße Men­schen­men­ge er­war­te­te ihn am Kai und fei­er­te die An­kunft des Paps­tes mit Ap­plaus und Ge­sän­gen. Als Ge­sand­te des Hei­li­gen Kol­le­gi­ums emp­fin­gen ihn auf dem Fest­land die Kar­di­nä­le Co­lon­na und Or­si­ni, wel­che, be­reits in­for­miert über den stör­ri­schen Cha­rak­ter Ha­dri­ans, sich in wür­de­vol­ler Zu­rück­hal­tung üb­ten.

Kar­di­nal Co­lon­na hielt ei­ne Will­kom­mens­re­de auf dem Bo­den des Kir­chen­staa­tes. Ha­dri­an ant­wor­te­te kurz, daß die Gren­zen des päpst­li­chen Ter­ri­to­ri­ums rein zu­fäl­lig und oh­ne je­den geist­li­chen Wert sei­en, und er er­in­ner­te an das Reich Chris­ti, das sich über­all da be­fän­de, wo gu­te Chris­ten sei­en. Kurz und gut, der Papst woll­te auch dies­mal die Wor­te des Kar­di­nals ir­gend­wie kor­ri­gie­ren, der sich doch sol­che Mü­he ge­ge­ben hat­te, den neu­en Papst in ei­ner der schwie­ri­gen Men­ta­li­tät des Fla­men an­ge­paß­ten Wei­se zu emp­fan­gen. Ob sol­chen in­di­rek­ten Ta­dels stand Kar­di­nal Co­lon­na nicht an, sich spä­ter beim Kar­di­nal Or­si­ni zu be­kla­gen, der sich hin­ge­gen in vor­sich­ti­ges Schwei­gen ge­hüllt hat­te.

Der Papst tat die ers­ten Schrit­te auf dem Bo­den des Kir­chen­staats, in­dem er sich zur Ka­the­dra­le von Ci­vi­ta­ve­c­chia be­gab, um dort ein kur­zes Dank­ge­bet zu ver­rich­ten. Von hier ging er zu Fuß zur Roc­ca, wo er ein leich­tes Ge­richt aus ge­koch­tem Ge­mü­se und ro­hem Schin­ken zu sich nahm; und dann ge­währ­te er dem Kle­rus und der bür­ger­li­chen Ob­rig­keit des Or­tes ei­ne Au­di­enz.

Er hat­te für al­le nur we­ni­ge Wor­te, ge­spro­chen in gut­tu­ra­lem und fast un­ver­ständ­li­chem Latein, und das er­staun­te und ent­setz­te die Ver­sam­mel­ten. Ei­ner mach­te die bos­haf­te Be­mer­kung, daß der Papst so spre­che, weil er ge­wiß gar nicht ver­stan­den zu wer­den wünsch­te.

Im üb­ri­gen: was konn­te ein Papst, der im­mer an fer­nen Or­ten ge­lebt hat­te, schon die­sen Bür­gern oder Kle­ri­kern sa­gen, die ihm die Pro­ble­me ei­ner ihm un­be­kann­ten Re­gi­on dar­leg­ten.

Am 27. Au­gust be­rei­te­te sich der Papst zur Abrei­se. Aber­mals ver­sam­mel­te sich ei­ne Men­ge an der Mo­le, um ihn zu ver­ab­schie­den.

Den Ar­men, die sich um ihn dräng­ten, ehe er die Fü­ße auf die Lauf­plan­ke zum Schiff setz­te, drück­te er sei­ne Ge­dan­ken und Ab­sich­ten mit die­sen Wor­ten aus:

„Ich lie­be die Ar­mut, und ihr wer­det se­hen, was ich für euch tue.“

Die Ar­men wa­ren glück­lich über die­ses Ver­spre­chen, und sie ver­harr­ten auf der Mo­le, bis die Schif­fe des Päpst­li­chen Ho­fes in Rich­tung des Ha­fens von Os­tia am Ho­ri­zont ver­schwan­den.

Teu­fels­aus­trei­bung

Der Kar­di­nal del­la Tor­re war nicht nur ein Freund des Pri­ors, son­dern hat­te auch seit ge­rau­mer Zeit die Rol­le des Pro­tek­tors der Fran­zis­ka­ni­schen Ge­mein­schaft in der Via del­la Scro­fa über­nom­men. Et­li­che Ma­le hat­te er sich bei Leo X. als Für­spre­cher für die Zu­wei­sung von Schen­kun­gen an das Klos­ter und von Be­ne­fi­zi­en an sei­ne Mit­glie­der ein­ge­setzt.

So war ein drei Mor­gen gro­ßer Obst­gar­ten mit Fei­gen- und Pflau­men­bäu­men hin­ter der Via del­le For­na­ci dem Klos­ter als päpst­li­che Schen­kung über­ge­ben wor­den, zu­dem wur­den je­des Jahr von Leo X. be­trächt­li­che Al­mo­sen ge­spen­det, um die Bet­te­lei ab­zu­schaf­fen, die ihm ver­haßt war, ob­wohl die Fran­zis­ka­ner vom Po­ver­el­lo von As­si­si die Re­gel und die Ge­bräu­che ei­nes Bet­tel­or­dens über­nom­men hat­ten. Mit den Wor­ten des No­vel­lis­ten pfleg­te er zu sa­gen, wenn sie von Al­mo­sen nicht le­ben kön­nen, sol­len sie ge­fäl­ligst zur Ha­cke grei­fen. »40. Fort­set­zung folgt

Wer als Re­nais­sance-Kar­di­nal ein las­ter- und lot­ter­haf­tes Le­ben in Rom ge­wöhnt war, dem konn­te es nicht in den Kram pas­sen, wenn ein neu­er Papst ge­wählt wird, der auf­räu­men möch­te mit al­len Or­gi­en . . . Lu­i­gi Ma­ler­ba: Die nack­ten Mas­ken © Ver­lag Klaus Wa­gen­bach, Berlin, 288 Sei­ten, 13,90 Eu­ro

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