Was die­sen Mann so ge­fähr­lich macht

Ex­tre­mis­mus Ibra­him Abou-Na­gie hat in deut­schen Fuß­gän­ger­zo­nen zig­tau­sen­de Koran-Aus­ga­ben ver­tei­len las­sen. Auch in der Re­gi­on tauch­te der Is­la­mist auf. Sei­ne ver­meint­lich harm­lo­se Ak­ti­on „Lies!“hat­te ein ver­hee­ren­des Er­geb­nis

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Politik - VON MICHAEL STIFTER

Als die Po­li­zei zu­schlägt, hat der Hass­pre­di­ger Deutsch­land wohl längst ver­las­sen. Wo Ibra­him Abou-Na­gie sich ver­steckt, weiß nie­mand so ge­nau. Die Ge­schich­te die­ses Man­nes ist ei­ne Ge­schich­te vol­ler Fra­ge­zei­chen. Wie wur­de aus ei­nem Ju­gend­li­chen aus dem Ga­za­strei­fen, der schon An­fang der 80er nach Deutsch­land kam, um hier zu stu­die­ren, ei­ner der ge­fähr­lichs­ten is­la­mis­ti­schen Het­zer?

Vie­le Jahr lebt Abou-Na­gie ein un­auf­fäl­li­ges Le­ben in der nord­rhein-west­fä­li­schen Pro­vinz, wohnt in ei­nem Rei­hen­haus, fährt Mer­ce­des. 1994 wird er so­gar deut­scher Staats­bür­ger. Das Stu­di­um der Elek­tro­tech­nik in Iser­lohn schließt er nicht ab. Er ver­sucht sich als Ge­schäfts­mann, ver­kauft selbst­kle­ben­de Fo­li­en. Und er schei­tert. Mit dem Is­lam hat er an­fangs nicht viel am Hut. Das än­dert sich im Jahr 2003. Nach ei­nem „Er­we­ckungs­er­leb­nis“, wie er selbst es nennt, be­ginnt sei­ne Mis­si­on. Er grün­det ein Netz­werk für mus­li­mi­sche Pre­di­ger und nennt es „Die wah­re Re­li­gi­on“. Er or­ga­ni­siert zu­nächst Se­mi­na­re und Vor­trä­ge. Dann star­tet er ei­ne Kam­pa­gne, die im gan­zen Land Auf­se­hen er­regt. Un­ter dem pla­ka­ti­ven Slo­gan „Lies!“geht er mit Gleich­ge­sinn­ten in die Fuß­gän­ger­zo­nen und ver­teilt den Koran.

Auch in Augs­burg tau­chen mehr­fach Stän­de auf, an de­nen bär­ti­ge Män­ner Pas­san­ten an­spre­chen und mit ih­nen über den Is­lam und Al­lah spre­chen wol­len. In je­dem Haus­halt soll ei­nes Ta­ges ei­ne deut­sche Über­set­zung des Koran lie­gen. Was zu­nächst harm­los wirkt, ist in Wirk­lich­keit Teil ei­ner per­fi­den Stra­te­gie. Denn die Sala­fis­ten um den Lai­en­pre­di­ger Abou-Na­gie, die hin­ter den freund­li­chen Män­nern in den In­nen­städ­ten ste­hen, ha­ben vor al­lem ein Ziel: Sie wol­len Leu­te an­wer­ben, die in den „Hei­li­gen Krieg“ge­gen die „Un­gläu­bi­gen“zie­hen.

Die Be­hör­den sind alar­miert. Schon bald gilt der Ver­ein als ei­nes der ge­fähr­lichs­ten is­la­mis­ti­schen Netz­wer­ke in Deutsch­land. Laut In­nen­mi­nis­te­ri­um sind über 140 jun­ge Mus­li­me, die an der Ak­ti­on „Lies!“teil­ge­nom­men ha­ben, spä­ter nach Sy­ri­en aus­ge­reist, um sich dort der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat an­zu­schlie­ßen. Fo­tos zei­gen AbouNa­gie au­ßer­dem mit ei­nem der drei Ju­gend­li­chen, die im April vor ei­nem Sikh-Tem­pel in Es­sen ei­nen Spreng­satz zün­de­ten.

An­fang des Jah­res lan­det der Kopf der Grup­pe vor Ge­richt. Al­ler­dings nicht we­gen sei­ner sala­fis­ti­schen Het­ze. Es geht um Be­trug. Die Rich­ter sind über­zeugt da­von, dass Abou-Na­gie mehr als 50 000 Eu­ro So­zi­al­leis­tun­gen für sich und sei­ne Fa­mi­lie er­schli­chen hat. Im Ge­richts­saal in Köln tau­chen 30 Sala­fis­ten auf und stö­ren den Pro­zess. Auf den Zu­hö­rer­plät­zen sitzt auch Sven Lau. Er ist ei­ner der be­kann­tes­ten is­la­mis­ti­schen Hass­pre­di­ger in Deutsch­land und steckt hin­ter der so­ge­nann­ten Scha­ria-Po­li­zei, die 2014 durch Wup­per­tal zog.

Der Pro­zess geht für Abou-Na­gie glimpf­lich aus. Der An­ge­klag­te kommt mit ei­ner Be­wäh­rungs­stra­fe von 13 Mo­na­ten da­von. Doch sei­ne ra­di­ka­le Mis­si­on geht wei­ter. Mehr als 3,5 Mil­lio­nen Koran-Aus­ga­ben ver­teilt sein Ver­ein nach ei­ge­nen An­ga­ben in­ner­halb we­ni­ger Jah­re al­lein in Deutsch­land. In­zwi­schen wirbt „Lies!“auch noch in 14 wei­te­ren Län­dern um „Dschi­ha­dis­ten“.

Doch lang­sam brö­ckelt die Fas­sa­de. Im­mer mehr Städ­te ver­wei­gern den Sala­fis­ten ei­ne Ge­neh­mi­gung für Stän­de in den Fuß­gän­ger­zo­nen. Und ir­gend­wann lässt auch AbouNa­gie sei­ne Mas­ke fal­len. Es ist erst ein paar Ta­ge her, dass er sich per Vi­deo­bot­schaft zu Wort mel­de­te – aus Ma­lay­sia. Wer nicht zum Is­lam kon­ver­tie­re, dem blei­be nur die ewi­ge Ver­dam­mung in der Höl­le, droht er und nimmt ei­nen kon­kre­ten Be­zug auf sei­ne zwei­te Hei­mat: „Nur in Deutsch­land ha­ben wir mit bar­ba­ri­schen Po­li­ti­kern zu tun, die ein­fach kei­ne Moral­wer­te mehr be­sit­zen und auf Ram­bo spie­len.“Wo­mög­lich ahnt er da schon, dass sein Weg ihn wohl nie mehr hier­her zu­rück­füh­ren wird.

Ges­tern hat Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re „Lies!“und den Ver­ein „Die wah­re Re­li­gi­on“als ver­fas­sungs­feind­lich ver­bo­ten. Die Er­mitt­ler sind si­cher, dass der in­zwi­schen 52-jäh­ri­ge Abou-Na­gie und sei­ne Mit­strei­ter ein „ein­zig­ar­ti­ges Re­kru­tie­rungs- und Sam­mel­be­cken für Is­la­mis­ten“mit über 500 Mit­glie­dern ge­schaf­fen ha­ben. Die Po­li­zei be­schlag­nahmt in meh­re­ren Städ­ten Com­pu­ter, Spei­cher­me­di­en, Smart­pho­nes. In Ein­zel­fäl­len fand sie auch Schlag­waf­fen. Abou-Na­gie bleibt ver­schwun­den.

Spät lässt der Hass­pre­di­ger sei­ne Mas­ke fal­len

Ar­chiv­fo­to: Hen­ning Kai­ser, dpa

Ibra­him Abou-Na­gie kam als jun­ger Mann nach Deutsch­land – und hat­te zu­nächst mit dem Is­lam nicht viel am Hut.

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