Fi­sche sol­len wie­der fluss­auf­wärts wan­dern kön­nen

Na­tur Kraft­wer­ke ver­hin­dern die Wan­de­rung. Um­ge­hungs­bä­che könn­ten ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu Fisch­trep­pen sein

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Bayern - VON DOROTHEA SCHUSTER

Es ist für al­le was ge­bo­ten: für strö­mungs­lie­ben­de Fi­sche wie Na­se, Bar­be, Ner­f­ling. Für Ar­ten wie Äsche, Bach­fo­rel­le und Hu­chen, die im Kies ab­lai­chen. Am „Sa­mer­was­ser“ent­stand bei der Stau­stu­fe Feld­heim (Kreis Do­nau-Ries) ei­ne Mus­ter­stre­cke der Baye­ri­schen Elek­tri­zi­täts­wer­ke (BEW). Es war je­de Men­ge Se­di­ment aus­ge­bag­gert wor­den, be­vor 100 Ton­nen Was­ser­bau­stei­ne und 450 Ton­nen Kies in den 85 Me­ter lan­gen Ab­schnitt des künf­ti­gen Um­ge­hungs­bachs ein­ge­baut wur­den. Um Struk­tur­reich­tum zu schaf­fen, wur­den Wur­zel­stö­cke und wei­te­res to­tes Holz ins Bach­bett ge­legt. Auf ei­ner Sei­te des Ge­wäs­sers wur­de das Ufer ab­ge­flacht und auf­ge­wei­tet von vier Me­ter auf zehn Me­ter an der Ober­kan­te, sagt Ralf Klo­cke, Lei­ter Was­ser­bau bei BEW.

An die­ser Mus­ter­stre­cke möch­te BEW vor al­lem Er­kennt­nis­se für ein na­tur­na­hes Um­ge­hungs­ge­wäs­ser sam­meln, das in den nächs­ten Jah­ren bei Feld­heim ent­ste­hen soll. Wäh­rend ei­ner zwei­jäh­ri­gen Test­pha­se sol­len ab Früh­jahr zu­sätz­lich zur vor­han­de­nen Was­ser­men­ge 500 bis 1000 Li­ter pro Se­kun­de aus dem Lech in das neu ge­stal­te­te Ge­wäs­ser ein­ge­lei­tet wer­den. Über ein mo­der­nes Mess­stel­len­netz mit elek­tro­ni­schen Sen­so­ren kön­nen die Fach­leu­te nach­voll­zie­hen, wie sich die Was­ser­zu­ga­be auf den Grund­was­ser­spie­gel aus­wirkt. Denn kei­ner will, dass Kel­ler im na­hen Nie­der­schö­nen­feld nass wer­den. „Wir wer­den mit dem Grund­was­ser kein Ri­si­ko ein­ge­hen“, sagt BEW-Ge­schäfts­füh­rer Frank Pöh­ler. „Des­halb brau­chen wir die­se Test­stre­cke.“Sie ge­hö­re zur Stra­te­gie der klei­nen Schrit­te. Im End­aus­bau könn­te der Um­ge­hungs­bach auf 2,3 Ki­lo­me­tern vi­ta­li­siert wer­den.

Der Was­ser­kraft­be­trei­ber setzt auf ei­nen in­ten­si­ven Dia­log mit den Bür­gern und möch­te Be­fürch­tun­gen von vor­ne­her­ein be­geg­nen. Es wur­de ein Gre­mi­um von Ge­mein­de­rä­ten mit tech­ni­schem Sach­ver­stand ge­bil­det. Es hat Zu­griff auf al­le Mess­da­ten. „Wir ha­ben nichts zu ver­ber­gen“, un­ter­streicht Klo­cke. Ziel sei es, ge­mein­sam ei­ne Lö­sung für die­sen Na­tur­raum zu ent­wi­ckeln. BEW möch­te auch al­le an­de­ren Be­tei­lig­ten ins Boot ho­len, Wald­be­sit­zer und vor al­lem den Na­tur­schutz.

Die Be­mü­hun­gen der BEW für öko­lo­gisch auf­ge­wer­te­te und struk­tur­rei­che Ge­wäs­ser sei­en kein Selbst­zweck. Da­hin­ter steht die eu­ro­päi­sche Was­ser­rah­men­richt­li­nie (WRRL). Sie schreibt vor, dass al­le Fließ­ge­wäs­ser durch­gän­gig ge­macht wer­den müs­sen. Fakt ist, dass Fi­sche die Stau­stu­fen auf dem Weg zu ih­ren Laich­plät­zen fluss­auf­wärts nicht pas­sie­ren kön­nen. Das sol­len sie über das ge­plan­te na­tur­na­he Um­ge­hungs­ge­wäs­ser ent­lang des Stau­raums tun, das dann zu ei­nem Ge­wäs­ser­sys­tem im Au­wald ge­hört, das ak­ti­viert wer­den könn­te. Ein kniff­li­ger Punkt: Die Fi­sche, die von der 1,4 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Do­nau­mün­dung den Lech hoch­wan­dern, müs­sen in den Um­ge­hungs­bach hin­ein­fin­den. „Man muss sie di­rekt un­ter dem Kraft­werk ab­ho­len“, sagt Oli­ver Born, Fi­sche­rei­fach­be­ra­ter des Be­zirks Schwa­ben. Des­halb soll dort mit ei­nem kur­zen tech­ni­schen Bau­werk nach­ge­hol­fen wer­den, das den Hö­hen­un­ter­schied zwi­schen Kraft­werk und Um­ge­hungs­bach aus­gleicht.

Wenn wäh­rend der Ver­suchs­pha­se al­les wie ge­plant läuft, könn­ten die Er­kennt­nis­se der Feld­hei­mer Mus­ter­stre­cke in die Um­set­zung wei­te­rer Um­ge­hungs­ge­wäs­ser an Kraft­wer­ken am un­te­ren Lech ein­flie­ßen: Rain, Ober­peiching (bei­de Kreis Do­nau-Ries) und Ell­gau (Kreis Augs­burg). Die­se Um­ge­hungs­ge­wäs­ser sind ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu tech­ni­schen Bau­wer­ken wie Fisch­trep­pen aus Be­ton. An der Il­ler bei Le­gau und Lau­trach (Un­ter­all­gäu) – hier gibt es kei­ne Be­bau­ung – wur­den in kür­zes­ter Zeit gu­te Er­fah­run­gen ge­macht. In den struk­tur­rei­chen Um­ge­hungs­ge­wäs­sern wä­ren tau­sen­de von Brüt­lin­gen und Jung­fi­schen zu fin­den, sagt Born. Die Fi­sche nut­zen sie nicht nur zum Wan­dern, son­dern auch als Le­bens­raum, den sie in den be­gra­dig­ten Flüs­sen nicht mehr fin­den. Die Fi­scher sind von der Mus­ter­stre­cke be­geis­tert. Man­fred Krat­zer von der Fi­sche­rei­ge­nos­sen­schaft Un­te­rer Lech legt gro­ßen Wert dar­auf, dass mit der Re­na­tu­rie­rung nicht nur sei­ner Kli­en­tel ge­hol­fen wird. Pro­fi­tie­ren wer­den auch Am­phi­bi­en und Li­bel­len. Und die Bür­ger, für die na­tur­nah ge­stal­te­te Ge­wäs­ser zum Er­leb­nis wer­den.

Fo­to: Michael Hoch­ge­muth, LEW

Beim Was­ser­kraft­werk Feld­heim ent­stand ei­ne Mus­ter­stre­cke für Fi­sche. Das rech­te Ufer wur­de ab­ge­flacht und auf­ge­wei­tet.

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