Geht Abra­ham zum The­ra­peu­ten…

Die Bi­bel Al­te Ge­schich­ten, neu er­zählt: Was heu­ti­ge Au­to­ren aus Fi­gu­ren und The­men ma­chen

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Feuilleton - VON WOLF­GANG SCHÜTZ

Das christ­li­che Abend­land rich­tig ver­stan­den heißt wohl: Es gibt kei­ne Ge­schich­ten und kei­ne Fi­gu­ren, die wirk­mäch­ti­ger in un­se­rer Kul­tur sind als die der Bi­bel. Und da­mit längst nicht nur Gott und Je­sus. Son­dern auch Mo­se und Saul, Hi­ob und Da­vid, Ju­dith und Abra­ham …

Es ist ja oh­ne­hin so et­was wie das deut­sche Jahr der Bi­bel. Pünkt­lich zu Be­ginn des Fei­er­jah­res zum 500. Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um ist nach zehn­jäh­ri­ger Ar­beit ei­ne neue Ein­heits­über­set­zung er­schie­nen – der zeit­ge­mäß über­ar­bei­te­te Lu­ther al­so. Da passt es nur zu gut, dass jetzt auch noch das Hör­spiel-Pro­jekt des Jah­res dem Buch der Bü­cher ge­wid­met ist. Aber nein, es ist kei­ne er­neu­te Kom­plett­ein­le­sung der Bi­bel, wie sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ja be­reits mehr­fach er­schie­nen ist, teil­wei­se 100 CDs stark, mit ei­ner Spiel­zeit von meist über 90 St­un­den. Auch kei­ne er­neu­er­te, al­so mit dem ver­bes­ser­ten Lu­ther, die uns zu Mo­se und Hi­ob und all den an­de­ren füh­ren wür­de. Es ist viel bes­ser. Und nicht ganz so lang.

21 nam­haf­te zeit­ge­nös­si­sche Au­to­ren ha­ben sich Ge­schich­ten und Fi­gu­ren aus der Bi­bel aus­ge­wählt, um auf de­ren Ba­sis ei­ge­ne Ge­schich­ten zu er­zäh­len. Das Er­geb­nis ist in gro­ßen Tei­len so hin­rei­ßend, dass es da­für ei­gent­lich den Ti­tel „Hör­spiel des Jah­res“ge­ben müss­te. Auf Ein­la­dung des Hör­ver­lags ge­lie­fert ha­ben et­wa: Te­ré­zia Mo­ra und Fe­ri­dun Zai­mog­lu, Si­byl­le Le­witscharoff und Diet­mar Dath, Mar­le­ne Stree­ru­witz und Na­vid Ker­ma­ni, Bri­git­te Kro­nau­er und Ar­nold Stad­ler. Und ge­ra­de da­durch, dass sie ei­ge­ne Ge­schich­ten ge­schrie­ben ha­ben und nicht et­wa nur die al­ten neu in­sze­niert ha­ben, sind schnö­de, ef­fekt­hei­schen­de Mätz­chen wei­test­ge­hend er­spart ge­blie­ben – au­ßer et­wa bei Ro­bert Wil­son, der in „To­wer of Ba­bel“al­ber­nen Sprech­ge­sang zu Jazz­mu­sik vor­trägt.

Von in­ti­mer Span­nung ist es et­wa, wenn Do­ron Ra­bi­no­vici den Stamm­va­ter Abra­ham mit sei­ner Frau Sa­ra zum Paarthe­ra­peu­ten schickt; von ein­drucks­vol­ler Schär­fe, wenn Oli­ver Sturm in „King of Kings“die Ge­schich­te des Saul mit der von Mu­am­mar Gad­da­fi ge­gen­schnei­det; von mo­ti­vi­scher Tie­fe, wenn Te­ré­zia Mo­ra die Traum­deu­tung des Da­vid bei Ne­bu­kad­ne­zar in die un­be­wuss­te Ver­ar­bei­tung der so­zia­len und me­di­zi­ni­schen Hel­fer von heu­te über­trägt.

Ge­le­sen wird sol­cher­lei von gro­ßen Stim­men wie Ul­rich Noe­then und Fe­lix von Man­teu­f­fel, Bi­bia­na Be­glau, Co­rin­na Har­fouch und Syl­ves­ter Groth. Das wirkt! Und er­gibt ei­ne Viel­stim­mig­keit in Ton und Mo­ti­ven, die der Struk­tur des Bi­belO­ri­gi­nals durch­aus ver­wandt ist. Die meis­ten Au­to­ren ha­ben sich Stof­fe aus dem Al­ten Tes­ta­ment ge­nom­men, die meist wuch­ti­ger und my­thi­scher auf­ge­la­den sind. Und wer nun nicht mehr weiß, wie das ur­sprüng­lich er­zählt war mit dem Hi­ob oder der Ju­dith – zu je­dem Hör­spiel gibt es je­weils ei­nen be­glei­ten­den Es­say, der ein­ord­net, er­klärt, be­leuch­tet. Ja, ein ge­wag­tes Pro­jekt – und ja: ge­won­nen!

Die Bi­bel. Das Pro­jekt.

Der Hör­ver­lag, 21 CD + 1 MP3, 99 Eu­ro

Fo­tos: dpa

Bi­bel Er­zäh­ler: Na­vid Ker­ma­ni und Si­byl le Le­witscharoff.

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