Bes­se­re Chan­cen ge­gen den Krebs

In­ter­view Michael Bau­mann ist neu­er Chef des Deut­schen Krebs­for­schungs­zen­trums. Der Me­di­zi­ner spricht über ei­ne Re­vo­lu­ti­on in Dia­gnos­tik und The­ra­pie. Und er nennt Mög­lich­kei­ten der Vor­sor­ge

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Panorama -

Herr Bau­mann, Sie sind seit 1. No­vem­ber Chef der größ­ten bio­me­di­zi­ni­schen For­schungs­ein­rich­tung in Deutsch­land. Wie wa­ren Ih­re ers­ten Ta­ge in Hei­del­berg? Michael Bau­mann: Sehr span­nend. Das Deut­sche Krebs­for­schungs­zen­trum, kurz DKFZ, ist ein tol­les Zen­trum mit her­aus­ra­gen­den Wis­sen­schaft­lern. Span­nend ist jetzt für mich, die­ses Zen­trum Schritt für Schritt noch bes­ser ken­nen­zu­ler­nen.

Wie weit ist die For­schung bei Krebs?

Bau­mann: Krebs wird in der Be­völ­ke­rung oft­mals als ei­ne ein­zi­ge Krank­heit ver­stan­den. Das ist aber nicht kor­rekt. Wir re­den von ei­ner Grup­pe von Krank­hei­ten, die zwar al­le ur­sprüng­lich durch Ve­rän­de­run­gen am Erb­gut, so­ge­nann­te Mu­ta­tio­nen, ent­stan­den sind, die aber sehr un­ter­schied­lich ver­lau­fen kön­nen. Wir un­ter­schei­den in­zwi­schen mehr als 250 Krebs­er­kran­kun­gen und ver­ste­hen, dass die Bio­lo­gie je­des Tu­mors bei je­dem Pa­ti­en­ten un­ter­schied­lich sein kann und da­mit auch die Krank­heit bei je­dem Pa­ti­en­ten un­ter­schied­lich ver­läuft.

Wel­che Kon­se­quen­zen hat das?

Bau­mann: Die Krebs­the­ra­pie wird zu­künf­tig die bio­lo­gi­schen Ei­gen­schaf­ten des Tu­mors und auch des ge­sun­den Ge­we­bes im in­di­vi­du­el­len Pa­ti­en­ten durch bio­lo­gi­sche Un­ter­su­chun­gen mehr und mehr be­rück­sich­ti­gen. Mehr und mehr wer­den die Ärz­te auch auf die in­di­vi­du­el­le bio­lo­gi­sche Si­tua­ti­on an­ge­pass­te The­ra­pi­en ein­set­zen. Wir se­hen in die­ser per­so­na­li­sier­ten On­ko­lo­gie ei­ne wirk­li­che Re­vo­lu­ti­on in der Krebs­dia­gnos­tik und der Krebs­be­hand­lung.

Was sind denn die häu­figs­ten Krebs­ar­ten in Deutsch­land, und wie steht es um die Hei­lungs­chan­cen?

Bau­mann: Sehr häu­fig sind der Brust­krebs bei der Frau, das Pro­sta­takar­zi­nom beim Mann, Darm­krebs und Lun­gen­tu­mo­ren. Es trifft für die ge­sam­te On­ko­lo­gie zu, dass die Krebs­ar­ten sehr un­ter­schied­lich in ih­rer Hei­lungs­chan­ce sind. Ein Pro­sta­takar­zi­nom beim Mann und ein Brust­krebs bei der Frau ha­ben heu­te ei­ne sehr gu­te Chan­ce, ge­heilt zu wer­den. Beim Lun­gen­tu­mor da­ge­gen ist die Über­le­bens­chan­ce heu-

te noch sehr viel schlech­ter. Für al­le Tu­mo­ren gilt: Je frü­her wir sie ent­de­cken, um­so bes­ser kön­nen wir sie er­folg­reich be­han­deln.

Wel­che Mög­lich­kei­ten der Vor­sor­ge gibt es denn?

Bau­mann: Die bes­te Vor­sor­ge ist, nicht zu rau­chen! Rund 30 Pro­zent al­ler Krebs­er­kran­kun­gen hän­gen mit dem Rau­chen zu­sam­men. Nicht­rau­cher­schutz­ge­set­ze und Ta­bak­steu­er­er­hö­hun­gen hat­ten ei­ne deut­li­che Ab­nah­me des Rau­chens und des Pas­siv­rau­chens zur Fol­ge. Wir ha­ben aber noch zu vie­le Rau­cher, bei jun­gen Frau­en liegt die Quo­te bei 25 Pro­zent. Das ist zu viel, weil in ei­ni­gen Jahr­zehn­ten bei ih­nen das Ri­si­ko von Lun­gen­krebs, aber auch von an­de­ren Krebs­er­kran­kun­gen und von Herz-Kreis­lauf-Er­kran­kun­gen deut­lich er­höht sein wird. Ein wei­te­rer wich­ti­ger Be­reich

ist die Früh­er­ken­nung. Wer zur Darm­spie­ge­lung geht, senkt sein Darm­krebs­ri­si­ko um 70 Pro­zent.

Wel­che Ri­si­ko­fak­to­ren gibt es noch?

Bau­mann: Auch Über­ge­wicht er­höht das Krebs­ri­si­ko. Durch ver­nünf­ti­ge Er­näh­rung und aus­rei­chend Be­we­gung kann man ge­gen­steu­ern. Ein wich­ti­ger Be­reich ist zu­dem die Vi­rus­in­fek­ti­on. Mäd­chen und Jungs kön­nen früh­zei­tig ge­gen das Hu­ma­ne Pa­pil­lom-Vi­rus ge­impft wer­den, das Ge­bär­mut­ter­hals­krebs und an­de­re Krebs­ar­ten aus­lö­sen kann.

Auf der Welt-Krebs-Kon­fe­renz wur­de jüngst ei­ne Stu­die vor­ge­stellt, wo­nach die Zahl der To­des­fäl­le durch Krebs welt­weit deut­lich zu­nimmt. Macht die Me­di­zin denn kei­ne Fort­schrit­te?

Bau­mann: Die Zahl der Krebs­er­kran­kun­gen und da­mit auch der Krebs­to­des­fäl­le nimmt ins­be­son­de­re

des­halb zu, weil wir glück­li­cher­wei­se al­le äl­ter wer­den. Das Ri­si­ko ei­ner Krebs­er­kran­kung nimmt mit zu­neh­men­dem Al­ter zu. Nimmt man die welt­wei­ten Ent­wick­lun­gen zu­sam­men – wach­sen­de Welt­be­völ­ke­rung, stei­gen­des Al­ter, das bes­se­re Be­han­deln oder das Ver­hin­dern von an­de­ren Krank­hei­ten – dann kommt ei­ne enor­me Wel­le von Krebs­er­kran­kun­gen in den nächs­ten Jah­ren auf uns zu. Den­noch wer­den wir beim ein­zel­nen Pa­ti­en­ten die Chan­ce, sei­nen Krebs zu hei­len, schritt­wei­se im­mer wei­ter ver­bes­sern.

Ein Heil­mit­tel wird es in den nächs­ten Jah­ren aber wohl nicht ge­ben ...

Bau­mann: Dass es ein ein­zel­nes Me­di­ka­ment gibt, das plötz­lich al­le Krebs­er­kran­kun­gen heilt, ist aus mei­ner Sicht völ­lig un­wahr­schein­lich. Ich er­war­te je­doch, dass wir wei­ter er­heb­li­che Fort­schrit­te er­zie­len wer­den so­wohl bei der Hei­lung von Krebs als auch in ei­ner bes­se­ren Le­bens­qua­li­tät von über­le­ben­den Pa­ti­en­ten.

Sie wol­len in Ih­rer neu­en Po­si­ti­on nicht nur ver­wal­ten, son­dern auch ei­ne ei­ge­ne For­schungs­grup­pe in Hei­del­berg auf­bau­en. Wo­rum geht es da?

Bau­mann: Ich ha­be 25 Jah­re in der Strah­len­the­ra­pie ge­forscht und Pa­ti­en­ten be­han­delt. Mein In­ter­es­se gilt den Fra­gen: Wie kann man vor­ab die Bio­lo­gie des Tu­mors be­stim­men, der im ei­nen Pa­ti­en­ten sehr strah­len­emp­find­lich und im an­de­ren Pa­ti­en­ten sehr strah­len­re­sis­tent sein kann, ob­wohl es der glei­che Tu­mor ist? Und wie kann man das dann in per­so­na­li­sier­te Strah­len­the­ra­pieKon­zep­te über­set­zen?

Gibt es ei­ne Aus­sa­ge, mit der Sie Be­trof­fe­nen Mut ma­chen kön­nen?

Bau­mann: Wir kön­nen heu­te je­den zwei­ten Krebs­pa­ti­en­ten hei­len. Wir kön­nen auch den an­de­ren 50 Pro­zent heu­te er­mög­li­chen, bei ho­her Le­bens­qua­li­tät mit ih­rer Krebs­er­kran­kung mög­lichst lan­ge zu über­le­ben. In­ter­view: Jens Noll

Michael Bau­mann, 53, ist Pro­fes­sor für Ra­di­oon­ko­lo­gie. Vor sei­nem Wech­sel ans DKFZ ar­bei­te­te er am Uni­k­li­ni­kum Dres­den.

Fo­to: Jan-Pe­ter Kas­per, dpa

Ei­ne Ma­gnet­re­so­nanz-Mam­mo­gra­fie macht ei­nen win­zi­gen Tu­mor in der Brust ei­ner Pa­ti­en­tin sicht­bar.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.