So klingt der Tod

Sin­fo­nie­kon­zert Wie Do­mon­kos Héja die Phil­har­mo­ni­ker führ­te

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Feuilleton Regional - VON STE­FAN DOSCH

Der Tod und das Mäd­chen: Durch Jahr­hun­der­te hin­durch hat das Mo­tiv, wohl we­gen der Ver­schrän­kung von Schau­er und Ero­tik, die Ma­ler, Li­te­ra­ten, Mu­si­ker zu im­mer neu­er Aus­ein­an­der­set­zung ani­miert. Bis in un­se­re Ta­ge: An­fang der 1990er Jah­re schrieb Ari­el Dorf­mann ein Thea­ter­stück mit dem Ti­tel „Der Tod und das Mäd­chen“(spä­ter ver­filmt von Ro­man Polan­ski), das Be­zug nimmt auf je­nes un­sterb­li­che Schu­bert-Lied über das gleich­na­mi­ge Ge­dicht von Mat­thi­as Clau­di­us. Ein Lied, des­sen The­ma – wer’s ein­mal ge­hört hat, wird’s nicht mehr ver­ges­sen – Schu­bert spä­ter in ei­nem Streich­quar­tett noch ein­mal auf­griff.

Gus­tav Mah­ler wie­der­um hat die­ses Schu­bert’sche Quar­tett für Streich­or­ches­ter ein­ge­rich­tet. Ein wah­res Fest für Vio­li­nen, Cel­li & Co., das Do­mon­kos Héja mit sei­nen Augs­bur­ger Phil­har­mo­ni­kern jetzt aufs Pro­gramm ih­res 2. Sin­fo­nie­kon­zerts setz­te. Héja ver­steht den Mah­ler-Schu­bert aber kei­nes­wegs nur als Ein­la­dung zum Her­vor­trei­ben von saf­ti­gem Strei­cher­schmelz. Schon der be­dacht­sam aus­for­mu­lier­te ers­te Satz si­gna­li­siert, dass hier erns­te, exis­ten­zi­el­le Din­ge mu­si­ka­lisch ver­han­delt wer­den. Im lang­sa­men Satz, der mit eben je­nem be­rühm­ten Lied-The­ma den Kern des ge­sam­ten Werks dar­stellt, wird Héja noch dring­li­cher: Fahl, glä­sern, den­noch ru­he­voll in­to­niert von den Strei­chern lockt der Tod. Und wenn spä­ter, mit der ein­set­zen­den Va­ria­ti­on, das Mäd­chen in fein zi­se­lier­ten Gei­gen­fi­gu­ren ant­wor­tet, dann wird höchst be­zwin­gend deut­lich, was die­ser Dia­log tö­nen­der Ges­ten ei­gent­lich ist: ei­ne ge­spens­ti­sche Lie­bes­be­geg­nung. Die Dif­fe­ren­ziert­heit und In­ten­si­tät, die Héja und das Orches­ter hier an den Tag le­gen, ge­hö­ren im kon­zer­tan­ten Be­reich zu den stärks­ten Ein­drü­cken, die von die­sem Ge­spann bis­her zu ver­neh­men wa­ren.

No­vem­ber­lich-me­lan­cho­lisch ge­tönt auch das wei­te­re Pro­gramm. Fer­ruc­cio Bu­so­ni war da an­läss­lich sei­nes 150. Ge­burts­tags in die­sem Jahr mit sei­nem Noc­turne sym­pho­ni­que zu hö­ren, ei­nem dun­kel grum­meln­den, von Héja je­doch klang­lich klar struk­tu­rier­ten Orches­ter­stück. Den Schwer­punkt im zwei­ten Teil des Kon­zerts aber bil­de­ten Lie­der von Richard Wa­gner und Richard Strauss, in­ter­pre­tiert von Sal­ly du Randt – je­ner So­pra­nis­tin, die mit ih­rer stimm­li­chen Va­ria­bi­li­tät schon seit lan­gem (und wei­ter­hin) ein Eck­pfei­ler des Thea­ters Augs­burg ist, im Kon­zert je­doch eher sel­ten im Vor­der­grund steht. Nun al­so die letz­ten drei der Wa­gner’schen We­sen­donck-Lie­der, je­ne Ge­bil­de, die text­lich, mu­si­ka­lisch, le­bens­ge­schicht­lich un­trenn­bar mit der Ent­ste­hung der „Tris­tan“-Oper ver­bun­den sind. Sal­ly du Randt hält wun­der­bar die Waa­ge zwi­schen der An­deu­tung die­ses See­len­hin­ter­grunds und der Zu­rück­hal­tung vor all­zu flam­men­dem Be­kennt­nis. Dass der Far­ben­reich­tum ih­rer Stim­me sich ge­ra­de in mitt­le­rer und tie­fer La­ge zu ent­fal­ten ver­mag, ist auch der lu­zi­den Orches­ter­be­glei­tung zu ver­dan­ken.

Strauss’ „Vier letz­te Lie­der“stel­len in je­der Hin­sicht er­heb­li­che Her­aus­for­de­run­gen an ih­re In­ter­pre­tin, und Sal­ly du Randt kommt die eher ge­dämpf­te Be­we­gung der Num­mer drei („Beim Schla­fen­ge­hen“) mehr ent­ge­gen als die in lan­ge Bö­gen ge­fass­ten Sprün­ge im „Früh­ling“. Be­we­gend in sei­ner sub­til vor­ge­tra­ge­nen Sch­licht­heit der Schluss­ge­sang, Ei­chen­dorffs „Im Abend­rot“, ge­stützt von ei­nem wun­der­bar däm­mer­duf­ti­gen Orches­ter.

Ein ge­lun­ge­ner Auf­tritt al­so in der Stadt­hal­le Gerst­ho­fen, die lei­der so man­chen lee­ren Platz auf­wies. Ap­plaus am En­de – und zur Be­loh­nung, als Bo­gen zu­rück zum An­fang, noch ein­mal Mah­ler, dies­mal pur, das „Ur­licht“-So­lo aus der 2. Sin­fo­nie: er­neut Sal­ly du Randt, mit ge­heim­nis­vol­lem Volks­ton, wie­der ein un­ge­mein nu­an­cier­ter, so­lis­tisch en­ga­gier­ter, herbst­far­ben leuch­ten­der Klang­kör­per.

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