Lu­i­gi Ma­ler­ba – Die nack­ten Mas­ken (42)

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wetter | Roman -

AWer als Re­nais­sance-Kar­di­nal ein las­ter- und lot­ter­haf­tes Le­ben in Rom ge­wöhnt war, dem konn­te es nicht in den Kram pas­sen, wenn ein neu­er Papst ge­wählt wird, der auf­räu­men möch­te mit al­len Or­gi­en . . .

Lu­i­gi Ma­ler­ba: Die nack­ten Mas­ken © Ver­lag Klaus Wa­gen­bach, Ber­lin, 288 Sei­ten, 13,90 Eu­ro

ber er kor­ri­gier­te die­ses Bild gleich wie­der, das sich in sein Ge­hirn ein­ge­schli­chen hat­te, denn wie al­le wis­sen, sind es die Teu­fel, die lan­ge und schar­fe Oh­ren ha­ben, und nicht die Kar­di­nä­le. Als er die Hand des Pri­ors auf sei­ner Schul­ter spür­te, kam er wie­der zu sich.

„Was denkt Ihr von mir, Mon­si­gno­re? Aus wel­chem Grund glaubt Ihr, daß der Teu­fel aus­ge­rech­net mich als Woh­nung ge­wählt hat? Glaubt Ihr, daß er durch mei­ne Hand ir­gend­ei­ne Mis­se­tat aus­füh­ren möch­te?“

„Ich ken­ne mich nicht aus mit den Teu­feln und ich weiß wirk­lich nicht, wel­ches die Kri­te­ri­en ih­rer Wahl sind, wenn sie be­schlie­ßen, in ei­nem von uns zu hau­sen, aber ich muß ge­ste­hen, daß ich mir bis ges­tern nicht vor­stel­len konn­te, daß sie es wa­gen wür­den, in den Kör­per ei­nes Dia­kons ein­zu­drin­gen, der sei­ne Zeit teils im Haus ei­nes Kar­di­nals, teils in ei­nem Fran­zis­ka­ner­klos­ter ver­bringt.

Auch un­se­rem Or­den ge­reicht ei­ne Tat­sa­che wie die­se nicht zur Eh­re, wenn sie durch ei­nen Ex­or­zis­mus be­stä­tigt wird. Des­halb emp­feh­le ich dir die größ­te Ver­schwie­gen­heit, wie im­mer dei­ne Ent­schei­dung aus­fällt.“

„Wollt Ihr mir kei­nen Rat ge­ben, Mon­si­gno­re, was Eu­rer Mei­nung nach für mei­ne Per­son und für den Or­den, dem ich an­ge­hö­re, das Bes­te ist?“

„Er­lau­be mir, auf dei­ne Fra­ge nicht zu ant­wor­ten. Schwei­gen ist die Ver­tei­di­gung der Schwa­chen.“

„Wir sind al­lein, Mon­si­gno­re, und was im­mer Ihr mir sagt, ist zwi­schen uns bei­den be­gra­ben, ich ge­be Euch mein Eh­ren­wort.“

Der Dia­kon ver­such­te den Blick des Pri­ors zu er­ha­schen, der den Kopf schüt­tel­te, als wol­le er die Ver­su­chung zu re­den ver­scheu­chen.

„Ihr könn­tet ja ver­su­chen, den Kar­di­nal del­la Tor­re zu über­re­den“, sag­te der Dia­kon, „daß er mich zu ei­nem Ex­or­zis­ten schickt, der mich von die­sem see­li­schen und leib­li­chen Ge­bre­chen be­freit. Ich weiß, daß der Kar­di­nal viel auf Eu­re Freund­schaft gibt.“

Der Pri­or ent­schloß sich, of­fen zu ant­wor­ten.

„Ich kenn den Kar­di­nal seit vie­len Jah­ren. Er ist ein Mann, der zur Groß­zü­gig­keit fä­hig ist, aber er ist auch sehr dick­köp­fig, und wenn er sich ein Ziel setzt, dann gibt es kei­ne Hin­der­nis­se für ihn. Du ge­hörst zu sei­ner fa­mi­lia, und des­halb ist es am bes­ten, du ap­pel­lierst selbst an sein wohl­wol­len­des Ver­ständ­nis, auch wenn ich be­zweif­le, daß dein Wunsch er­hört wird.“

Der Pri­or blick­te auf zu dem stren­gen Ab­bild des Hei­li­gen Fran­zis­kus an der Wand.

„In die­ser Welt ge­sche­hen zu­wei­len auch Wun­der.“

Dann stand er auf und ent­ließ den jun­gen Dia­kon, der sich gleich­falls er­hob und da­bei dach­te, daß nur die Hei­li­gen Wun­der tun, und daß der Kar­di­nal del­la Tor­re ge­wiß kein Hei­li­ger war.

AMord und Tot­schlag

m schwar­zen und be­droh­li­chen Him­mel war plötz­lich ein Ge­wit­ter von bi­bli­scher Ge­walt aus­ge­bro­chen. Blit­ze, Don­ner, Wind und Re­gen­güs­se zer­wühl­ten die Stadt, über­flu­te­ten die Plät­ze und ver­wan­del­ten die Stra­ßen in rei­ßen­de Flüs­se. Der Ti­ber, durch den Re­gen in Um­bri­en be­reits ge­stie­gen, über­schwemm­te die Län­de des Ri­pet­ta­ha­fens und setz­te die Wein und Ge­mü­se­gär­ten an bei­den Ufern un­ter Was­ser. Die Stra­ßen der Vier­tel Ri­pa und Pa­rio­ne, der Cir­cus Ago­na­lis und al­les rings­um hat­te sich in ei­nen Sumpf ver­wan­delt; im Sü­den war das Was­ser in die Ma­ga­zi­ne der Por­ta Por­te­se und des Testac­cio ein­ge­drun­gen und hat­te ei­nen See rings um die Ces­ti­us­py­ra­mi­de ge­bil­det. Zu­sam­men mit die­ser som­mer­li­chen Sint­flut war, mit lang ge­zo­ge­nem Ge­heul, ei­ne Wind­ho­se ein­ge­bro­chen und hat­te Bäu­me ent­wur­zelt, Dä­cher von den Häu­sern ge­ho­ben, Kut­schen, die sich im Frei­en be­fan­den, um­ge­wor­fen und bei drei schwan­ge­ren Frau­en, sechs Zie­gen und zwei Pfer­den Fehl­ge­bur­ten aus­ge­löst. Den Dia­kon Bal­das­sa­re über­rasch­te der pras­seln­de Re­gen in der Nä­he von San Sal­va­to­re in Lau­ro; er hät­te sich gern in die Kir­che ge­flüch­tet, aber ein hef­ti­ger Nie­s­an­fall zwang ihn, das Wei­te zu su­chen, die Fü­ße bis zum Knö­chel im schlam­mi­gen Was­ser. Schließ­lich er­reich­te er den Pa­last des Kar­di­nals del­la Tor­re, völ­lig durchnäßt und schlamm­be­deckt und noch im­mer vom Nies­reiz und ein paar Hus­ten­an­fäl­len ge­plagt, die er lie­ber dem Re­gen zu­schrieb als dem tü­cki­schen Teu­fel, der seit ei­ner Wei­le sein un­lieb­sa­mer Gast war. Bei sei­nem Gang durch die Hal­le und über die Trep­pe hin­ter­ließ er ein Rinn­sal schlam­mi­gen Was­sers. Schließ­lich be­trat er sei­ne Kam­mer, wo er sich von al­lem, was er am Leib hat­te, be­frei­te und tro­cke­ne Klei­der an­zog.

Nach die­sem To­ben des Him­mels, in der Stil­le, die dem Sturm ge­folgt war, ver­sam­mel­ten sich in ihm sei­ne gan­ze Rat­lo­sig­keit und sei­ne Ängs­te, sei­ne Reue und sei­ne Ver­su­chun­gen, die Sün­den der Hei­li­gen, das Mäd­chen von Vi­ter­bo, die blon­de Ge­lieb­te Mar­got­ta und der un­ver­schäm­te Teu­fel, der jetzt in sei­nem Un­ter­schlupf saß, un­ter den tro­cke­nen und sau­be­ren Klei­dern.

Soll­te er mit dem Kar­di­nal del­la Tor­re re­den, wie der Pri­or ihm ge­ra­ten hat­te? Oder di­rekt zu ei­nem Ex­or­zis­ten ge­hen und sich dem Kar­di­nal als be­reits vom Teu­fel be­freit prä­sen­tie­ren? Aber wo ei­nen dis­kre­ten und ver­trau­ens­wür­di­gen Ex­or­zis­ten fin­den? Er dach­te dar­an, den al­ten Pfar­rer in Vi­ter­bo auf­zu­su­chen, der ihm Latein­un­ter­richt ge­ge­ben hat­te, aber ehe er die Rei­se an­trat, kon­sul­tier­te er die Re­gis­ter der Da­ta­rie und ent­deck­te, daß der ar­me Mann schon seit vier Jah­ren tot war. Noch ein­mal kehr­te das Brom­beer­mäd­chen in sein Ge­dächt­nis zu­rück – die­se un­glück­li­che Er­in­ne­rung, die er aus Stolz ver­dräng­te, und die von den über­stürz­ten Er­eig­nis­sen über­holt war, aber in Mo­men­ten der Trau­rig­keit im­mer noch le­ben­dig. End­lich be­schloß er, den schwie­rigs­ten Weg zu wäh­len und mit dem Kar­di­nal zu re­den. Er muss­te nicht war­ten wie beim Pri­or. Der Kar­di­nal emp­fing ihn in sei­nem Ar­beits­zim­mer mit ei­nem hal­ben Lächeln, das ihn so­fort miß­trau­isch mach­te. Es gab kei­ner­lei Grund zu lächeln.

„Ich ha­be er­fah­ren, daß du vom Ge­wit­ter über­rascht wur­dest, und daß dich die Wind­ho­se, die über die Stadt her­ein­ge­fal­len ist, bei­nah in den Him­mel ge­tra­gen hät­te. Wer weiß, ob die Pfor­ten des Pa­ra­die­ses sich bei dei­ner An­kunft ge­öff­net hät­ten? Schlamm­be­deckt, wie du warst, hät­test du zu­nächst ein­mal die himm­li­schen Trep­pen be­schmutzt, so wie du es hier ge­tan hast, und dort oben herrscht Sau­ber­keit und Ord­nung. Und dann hät­te mit dir ja auch ein Teu­fel das Pa­ra­dies be­tre­ten, und das ent­spricht nicht den Re­geln je­nes hei­li­gen Orts.“

Der Kar­di­nal ki­cher­te ein we­nig, um die Iro­nie sei­ner Wor­te zu un­ter­strei­chen. Der jun­ge Dia­kon ge­riet so­fort in Schwie­rig­kei­ten. In sei­ner La­ge konn­te er sich nicht er­lau­ben zu scher­zen, und der Kar­di­nal hat­te das Ge­spräch auf ei­nem Re­gis­ter be­gon­nen, des­sen er sich nicht be­die­nen durf­te.

»43. Fort­set­zung folgt

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