Nicht nur El­tern kön­nen Kin­der er­zie­hen

In­ter­view Psy­cho­lo­ge und Best­sel­ler­au­tor Haim Omer er­forscht, wie aus Kin­dern selbst­ver­ant­wort­li­che Men­schen wer­den – und war­um so­gar Nach­barn da­für wich­tig sein kön­nen

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Panorama -

Herr Omer, wie wur­den Sie er­zo­gen?

Mei­ne Mut­ter war ei­ne ziem­lich ängst­li­che jid­di­sche Ma­ma. Das kommt wahr­schein­lich da­her, dass mei­ne El­tern Über­le­ben­de des Ho­lo­caust wa­ren. Manch­mal war mei­ne Mut­ter rich­tig hys­te­risch. Mein Va­ter war in mei­ner Kind­heit we­ni­ger prä­sent, da er im­mer sehr be­schäf­tigt war. Wenn es Kon­takt zum Va­ter gab, war er gut.

Haim Omer:

Wel­che Er­in­ne­run­gen ha­ben Sie an Ih­re ei­ge­ne Pu­ber­tät?

Als ich in die Pu­ber­tät kam, wa­ren mei­ne El­tern eher hilf­los. Viel­leicht auch, weil ich schon früh sehr selbst­stän­dig war. Mei­ne Mut­ter wur­de noch ängst­li­cher, mein Va­ter re­agier­te ein­fach aus dem Ste­g­reif. Ich ha­be dann schon mit 18 Jah­ren Bra­si­li­en ver­las­sen. Ins­ge­samt mach­te ich gu­te Er­fah­run­gen mit el­ter­li­cher Lie­be – aber mei­ne El­tern wa­ren in man­chen Si­tua­tio­nen ziem­lich hilf­los, vor al­lem wenn die Sa­chen kom­pli­zier­ter wur­den.

Omer:

Sie wer­ben für das Kon­zept der „Un­ter­stüt­zer“in der Er­zie­hung. Was heißt das?

Omer:

Ein Bei­spiel, das ich in ei­nem Buch er­zäh­le, ist die Ge­schich­te, wie ich schwimmen ge­lernt ha­be. Ich hat­te gro­ße Angst vor tie­fem Was­ser. Als ich neun oder zehn war, woll­ten mei­ne El­tern un­be­dingt, dass ich schwimmen ler­ne. Al­le Ver­su­che mei­ner Mut­ter schei­ter­ten. Ei­nes Ta­ges sprach mei­ne Mut­ter mit ei­ner Nach­ba­rin. Die­se sag­te: „Kei­ne Sor­ge, wir wer­den Haim das Schwimmen bei­brin­gen.“Mit „wir“mein­te sie sich selbst und ei­ne an­de­re Nach­ba­rin. Am nächs­ten Mor­gen sind sie mit mir ins Schwimm­bad und die ei­ne sag­te: „Halt dich am Be­cken­rand fest. Ich zäh­le bis drei und dann springst du. Ich fan­ge dich auf.“Ich sprang und sie fing mich auf. Ein tol­les Ge­fühl. Da­nach sag­te die an­de­re: „Jetzt schwimm zu mir. Ich fan­ge dich auf.“Am En­de des Ta­ges ha­be ich das gan­ze Schwimm­bad durch­kreuzt.

Die bei­den Frau­en fun­gier­ten al­so als Un­ter­stüt­zer?

Ja. Die­se Schwimm­stun­de ist ein gu­tes Bei­spiel da­für, dass Un­ter­stüt­zer hilf­reich sind in Si­tua­tio­nen, wo die El­tern nicht wei­ter­kom­men –

Omer:

die Kin­der re­agie­ren ein­fach an­ders als bei den El­tern.

Ab wel­chem Al­ter der Kin­der hal­ten Sie Un­ter­stüt­zer für sinn­voll?

Die­se Un­ter­stüt­zung ist schon im Ba­by­al­ter re­le­vant. For­schun­gen be­le­gen, dass Kin­der, die mit Un­ter­stüt­zung von an­de­ren in der Fa­mi­lie auf­wach­sen, mit deut­lich we­ni­ger so­zia­ler Angst auf­wach­sen. Sie ler­nen, dass auch an­de­re Leu­te Ver­ant­wor­tung über­neh­men kön­nen. So ent­steht ein Ge­fühl von Zu­ge­hö­rig­keit. Das ist mit ei­nem iso­lier­ten El­tern­teil un­mög­lich.

Omer:

Was macht ins­ge­samt ei­ne gu­te Kind­heit aus?

Das Ge­heim­nis für ei­ne gu­te Kind­heit wur­de noch nicht ge­lüf­tet. Viel bes­ser ist die Fra­ge, wie El­tern bes­ser für ih­re Kin­der sor­gen kön­nen. Der wich­tigs­te Bei­trag ist die wach­sa­me Sor­ge, die gleich­zei­tig Hal­tung und Hand­lungs­fä­hig­keit ist: „Al­les, was mit dem Kind pas­siert, ist auch mei­ne Sa­che.“

Omer:

Wie funk­tio­niert die wach­sa­me Sor­ge? Wenn al­les gut läuft, üben die

Omer:

El­tern ei­ne of­fe­ne Auf­merk­sam­keit aus. Sie in­ter­es­sie­ren sich für das Kind, fra­gen nach, aber ver­hö­ren nicht. El­tern müs­sen ler­nen, Warn­si­gna­le zu er­ken­nen, bei­spiels­wei­se plötz­li­che Ver­hal­tens­än­de­run­gen, schlech­te­re No­ten, neue Freun­de, die es nicht vor­stel­len will. In die­sem Fall müs­sen die El­tern ih­re wach­sa­me Sor­ge er­hö­hen in die fo­kus­sier­te Auf­merk­sam­keit. Sie wer­den sa­gen: „Die­se Din­ge be­rei­ten uns Sor­gen, wir wer­den das nicht ak­zep­tie­ren, son­dern ver­stärkt nach­fra­gen.“

Und wenn das Kind schon in Schwie­rig­kei­ten steckt?

Dann müs­sen die El­tern na­tür­lich in­ter­ve­nie­ren und ein­sei­ti­ge Schutz­maß­nah­men er­grei­fen. Zwi­schen die­sen drei Gra­den der wach­sa­men Sor­ge pen­deln die El­tern stän­dig. In­ter­view: Bir­git Hof­mann

Omer: Haim Omer,

ge­bo­ren 1949, ist Pro­fes­sor für Psy­cho­lo­gie in Tel Aviv. Sei­ne Rat­ge­ber sind auch in Deutsch­land Best­sel­ler.

Fo­to: Ju­li­an Stra­ten­schul­te, dpa

Wer führt das Kind Rich­tung Ho­ri­zont? Psy­cho­lo­ge Haim Omer nimmt auch Ver­wand­te, Leh­rer oder Nach­barn in die Pflicht.

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