Es brennt

Fuß­ball Die Münch­ner Macht­po­si­ti­on in der Bun­des­li­ga ist mit der Nie­der­la­ge in Dort­mund ins Wan­ken ge­ra­ten. Die FCB-Spie­ler re­agie­ren ver­är­gert und schmal­lip­pig. Für ei­ni­ge Fans wird das Spiel auf der Rück­rei­se zur Ne­ben­sa­che

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Sport - VON DA­NI­EL THEWELEIT

Es war ein denk­wür­di­ges Ar­ran­ge­ment, das sich am Sams­tag­abend ge­gen halb neun auf dem Ra­sen des Dort­mun­der West­fa­len­sta­di­ons zu ei­ner in­ter­es­san­ten Mo­ment­auf­nah­me for­mier­te. Vor der Süd­tri­bü­ne führ­ten Dort­mun­der Spie­ler ei­nen wil­den Tanz auf, die schwarz-gel­be Mas­se ließ sich ge­mein­sam mit der Mann­schaft in ein tie­fes Glücks­ge­fühl fal­len. Dr­ü­ben, in der Ecke mit den Bay­ern-Fans, ver­lo­ren sich Ma­nu­el Neu­er, Da­vid Ala­ba, Mats Hum­mels und Tho­mas Mül­ler. Die vier blick­ten sich um, such­ten ver­geb­lich nach ih­ren Mit­spie­lern. Wie zu­vor im Di­ckicht des Dort­mun­der De­fen­siv­kon­strukts.

Dort­mund fei­er­te nach zahl­rei­chen De­mü­ti­gun­gen ein Ge­fühl der Er­lö­sung, wäh­rend die Münch­ner schlecht ge­launt wie lan­ge nicht wirk­ten.

Zwar steht der Re­kord­meis­ter trotz der 0:1-Nie­der­la­ge in Dort­mund noch vor dem BVB, aber die­ses Wo­che­n­en­de könn­te die Li­ga ver­än­dert ha­ben. We­ni­ger im nack­ten Zah­len­werk als im Bild von ei­ner schein­bar star­ren Macht­ord­nung. Und Dort­munds Trai­ner ver­stärk­te die­ses Durch­ein­an­der noch ein we­nig, in­dem er ei­ne klei­ne Pro­phe­zei­ung zum neu­en Ta­bel­len­füh­rer RB Leip­zig for­mu­lier­te. Der Er­folg des Auf­stei­gers sei „kei­ne Ein­tags­flie­ge“, er­klär­te Tu­chel, „wir hat­ten letz­tes Jahr das Phä­no­men mit Leices­ter Ci­ty in En­g­land, und ich wür­de sa­gen, dass Leip­zig den ex­akt glei­chen Weg ge­hen kann“.

Das war ein letz­ter klei­ner Hieb ge­gen den FC Bay­ern, des­sen in­ne­rer Zu­sam­men­halt be­schä­digt zu sein scheint. In die­ser Deut­lich­keit wür­den sie das nie­mals zu­ge­ben, Trai­ner Car­lo An­ce­lot­ti sprach so­gar von ei­ner „gu­ten Per­for­mance“, nur das Er­geb­nis ha­be nicht ge­passt. Aber es gibt zahl­rei­che In­di­zi­en für grund­le­gen­de Pro­ble­me, die sich nicht so ein­fach aus der Welt schaf­fen las­sen.

Die Gleich­gül­tig­keit ge­gen­über den Fans, die Ma­nu­el Neu­er mit dem Satz „Da müs­sen na­tür­lich mehr Spie­ler von uns da hin­ge­hen“kri­ti­sier­te, ist nur ein De­tail. Jen­seits sol­cher Ran­der­schei­nun­gen scheint die­ser wil­de Ehr­geiz, die­ser un­be­ding­te Hun­ger der ver­gan­ge­nen Jah­re ver- schwun­den zu sein. Wo­mög­lich ist es auch kein Zu­fall, dass Tho­mas Mül­ler ge­ra­de jetzt in der tiefs­ten Form­kri­se sei­ner bis­he­ri­gen Kar­rie­re steckt. Und Ka­pi­tän Lahm, der kei­nes­falls schlecht ge­spielt hat­te, wur­de Mit­te der zwei­ten Halb­zeit aus­ge­wech­selt. „Ich ha­be seit mei­nem fünf­ten Le­bens­jahr ge­lernt, dass man die Ent­schei­dun­gen des Trai­ners zu ak­zep­tie­ren hat“, lau­te­te der schmal- lip­pi­ge Kom­men­tar des Ka­pi­täns zu die­ser un­ge­wöhn­li­chen Maß­nah­me. Vor al­lem aber reis­ten die Münch­ner mit der bit­te­ren Er­kennt­nis aus Dort­mund ab, dass sie nach drei Jah­ren mit dem fa­na­ti­schen Op­ti­mie­rer Pep Guar­dio­la in ei­nem Zu­stand der Sta­gna­ti­on fest­ste­cken, wäh­rend der BVB ge­ra­de da­bei ist, sich neu zu er­fin­den.

Vor we­ni­gen Wo­chen hat Tu­chel noch ziem­lich de­spek­tier­lich ge­klun­gen, als er sei­nem Le­ver­ku­se­ner Kol­le­gen nach der 0:2-Nie­der­la­ge bei Bay­er 04 vor­hielt, mit 35 Pro­zent Ball­be­sitz kön­ne man kaum be­haup­ten, die bes­se­re Mann­schaft ge­we­sen zu sein. Nun hat­te Dort­mund mit 34 Pro­zent Ball­be­sitz ge­won­nen, und der Trai­ner sag­te, er ha­be die Münch­ner Do­mi­nanz be­wusst „in Kauf ge­nom­men, um uns nicht zu über­for­dern und um ge­fähr­lich zu blei­ben“. Als Kon­ter­mann­schaft.

Nur in den ers­ten 20 Mi­nu­ten hat­te sein Team ver­sucht, do­mi­nant zu agie­ren, und Pier­re-Eme­rick Auba­meyang traf zum 1:0 (11.).

Dann über­lie­ßen die Dort­mun­der den Bay­ern wei­te Tei­le des Mit­tel­felds. Ma­rio Göt­ze, der das Tor vor­be­rei­tet und sein wohl bes­tes Sai­son­spiel ge­macht hat­te, bil­de­te in der zwei­ten Halb­zeit ei­ne star­ke Dop­pels­echs mit Ju­li­an Weigl. Der BVB re­üs­sier­te mit der Un­der­dog-Tak­tik von Köln, Hof­fen­heim oder Frank­furt, die den Bay­ern auch schon Punk­te klau­en konn­ten.

Es deu­tet sich an, dass ein Merk­mal des neu­en BVB ei­ne Art Rück­be­sin­nung auf die Meis­ter­jah­re An­fang des Jahr­zehnts wer­den könn­te. Das Be­dürf­nis nach Kon­trol­le und Do­mi­nanz ver­liert an Be­deu­tung, statt­des­sen wer­den Bal­le­r­obe­run­gen und Um­schalt­mo­men­te wie­der wich­ti­ger. Und na­tür­lich die gu­te al­te „Gier“, von der Tu­chels Vor­gän­ger Jürgen Klopp jah­re­lang ge­spro­chen hat­te. Sel­bi­ge muss Dort­munds Tor­hü­ter Ro­man Bür­ki fürs Ers­te zü­geln. Der Schwei­zer brach sich im Spiel den Mit­tel­hand­kno­chen und muss vor­aus­sicht­lich zwei Mo­na­te pau­sie­ren. Auch für ei­ni­ge Münch­ner Fans war am En­de die­ses Ta­ges die Vor­stel­lung ih­rer Mann­schaft nicht mehr das gro­ße The­ma. Bei der Rück­fahrt nach Mün­chen ge­riet ihr Bus in Brand. Ur­sa­che war wohl ein Mo­tor­de­fekt. Die Fans konn­ten sich ret­ten, der Bus brann­te kom­plett aus. We­ni­ger glimpf­lich ging der Dort­mund-Be­such für ei­ni­ge Bay­ern-Fans ab, die laut Po­li­zei von et­wa 20 An­hän­ger der BVB-Ul­tra­grup­pie­rung „De­spe­ra­dos“, an ei­ner Hal­te­stel­le at­ta­ckiert wur­den. Die Ul­tras ver­letz­ten vier FCB-An­hän­ger, ei­nen da­von schwer. Die Po­li­zei durch­such­te kurz nach der Tat die Räu­me der Grup­pie­rung in Dort­mund und stell­te 46 Per­so­na­li­en fest.

Dort­mund Bür­ki – Gin­ter, So­kra­tis, Bar­tra – Pisz­c­zek, Weigl, Schmel­zer (88. Pu­li­sic) – M. Göt­ze (77. Cas­tro), Schürr­le (68. Durm) – Auba­meyang, Ra­mos Mün­chen Neu­er – Lahm (68. Ra­fin­ha), Boateng, Hum­mels, Ala­ba – Xa­bi Alon­so (74. San­ches) – Kim­mich (58. Dou­glas Cos­ta), Thia­go – Mül­ler, Ri­bé­ry – Le­wan­dow­ski

Tor 1:0 Auba­meyang (11.) Zu­schau­er 81360 (aus­ver­kauft)

Fo­to: Wit­ters

Nur Tho­mas Mül­ler, Da­vid Ala­ba, Ma­nu­el Neu­er und Mats Hum­mels (von links) fan­den sich nach dem Spiel in der Kur­ve vor den mit­ge­reis­ten Münch­ner Fans ein.

Fo­to: Mehl­mann

Die Bay­ern-Fans, die in die­sem Bus sa­ßen, hat­ten Glück im Un­glück: Sie ka­men auf der Rück­rei­se nach Mün­chen noch recht­zei­tig aus dem Fahr­zeug, ehe die­ses völ­lig aus­brann­te.

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