An­ge­la Mer­kel tritt wie­der an. Aber was macht Sig­mar Ga­b­ri­el?

Leit­ar­ti­kel War­um die Ent­schei­dung über den Kanz­ler­kan­di­da­ten der SPD auch ei­ne Rich­tungs­ent­schei­dung ist. Lan­ge hin­aus­zö­gern soll­te der Par­tei­chef sie nicht mehr

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Meinung & Dialog - VON RU­DI WAIS rwa@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

An­ge­la Mer­kel hat sich ent­schie­den – nun ist die SPD am Zug. Sig­mar Ga­b­ri­el hält zwar trot­zig an sei­nem Plan fest, den so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Kanz­ler­kan­di­da­ten erst En­de Ja­nu­ar zu be­nen­nen. Doch je län­ger er zö­gert, um­so mehr ma­ni­fes­tiert sich der Ein­druck, dass der Par­tei­chef und sei­ne Ge­nos­sen nicht wis­sen, was sie wol­len sol­len, wie­der ein­mal. Ob Ga­b­ri­el nun selbst an­tritt oder sei­nem Freund Mar­tin Schulz den Vor­tritt lässt, dem Prä­si­den­ten des Eu­ro­päi­schen Par­la­men­tes, spielt da­bei noch die ge­rings­te Rol­le. Für ei­nen Her­aus­for­de­rer, egal wie er am En­de heißt, ist das ge­gen­wär­ti­ge Va­ku­um ei­ne denk­bar un­güns­ti­ge Aus­gangs­po­si­ti­on. Er soll­te nicht ab­war­ten, son­dern an­grei­fen.

Mit ih­rem Auf­tritt am Wo­che­n­en­de hat An­ge­la Mer­kel den Bun­des­tags­wahl­kampf de fac­to er­öff­net. Es wird ihr mut­maß­lich letz­ter sein und zwei­fels­oh­ne ihr mit Ab­stand schwie­rigs­ter. Dass sie ver­lo­ren ge­gan­ge­nes Ver­trau­en durch ei­ne Po­li­tik von Maß und Mit­te zu­rück­ge­win­nen will, wie sie selbst sagt, muss für vie­le ih­rer Kri­ti­ker wie der blan­ke Hohn klin­gen. Hat die Kanz­le­rin auf dem Hö­he­punkt der Flücht­lings­wel­le nicht ge­nau das ver­mis­sen las­sen, was sie nun ver­spricht, näm­lich Maß und Mit­te? So­sehr ihr Amts­bo­nus die Uni­on beim letz­ten Mal auf ein Er­geb­nis von mehr als 41 Pro­zent ge­tra­gen hat, so schwer wiegt die Hy­po­thek, die nun auf ihr las­tet.

Ge­mes­sen wird die Re­gie­rungs­che­fin am Wahl­tag nicht an den gu­ten öko­no­mi­schen Da­ten, dem schul­den­frei­en Haus­halt oder an den Steu­er­ent­las­tun­gen, die von der Uni­on in Aus­sicht ge­stellt wer­den, son­dern vor al­lem am Ma­nage­ment der Flücht­lings­kri­se. Soll­ten die Zah­len wie­der stei­gen, der Pakt mit der Tür­kei plat­zen oder gar ein is­la­mis­ti­scher An­schlag das Land er­schüt­tern, wür­de das in ers­ter Li­nie ih­rer Flücht­lings­po­li­tik an­ge­las­tet – und da­mit auch CDU und CSU, die in den Um­fra­gen schon jetzt deut­lich schlech­ter da­ste­hen als die ge­mein­sa­me Kanz­le­rin.

So ge­se­hen trifft Ga­b­ri­el mit der Ent­schei­dung über die Kanz­ler­kan­di­da­tur auch ei­ne Rich­tungs­ent­schei­dung. Tritt er nach lan­gem Zau­dern tat­säch­lich an, ist das ein kla­res Si­gnal, dass die SPD die Gro­ße Ko­ali­ti­on fort­set­zen will, die Deutsch­land in sei­nen Au­gen si­cher durch schwe­re See ge­steu­ert hat – auch um den Preis, dass die SPD auf der Kom­man­do­brü­cke nur den ers­ten Of­fi­zier ne­ben der Ka­pi­tä­nin Mer­kel stellt. Mit ei­ner Kan­di­da­tur von Schulz da­ge­gen wür­den sich die Ko­or­di­na­ten deut­lich wei­ter nach links in Rich­tung Rot-Rot-Grün ver­schie­ben.

Auch des­halb ist der um­trie­bi­ge Eu­ro­pä­er in der Par­tei be­lieb­ter als der Vor­sit­zen­de: Er nährt die Hoff­nung, dass es ei­ne Mehr­heit jen­seits der ge­gen­wär­ti­gen gibt, dass die So­zi­al­de­mo­kra­tie sich aus der Gei­sel­haft der Uni­on be­frei­en und selbst den Kanz­ler stel­len kann. Dass da­bei je­de Men­ge Wunsch­den­ken mit im Spiel ist, dass ei­ne kla­re Fest­le­gung auf Rot-Rot-Grün im Wahl­kampf le­dig­lich den Kon­ser­va­ti­ven in die Hän­de spie­len wür­de und ein lin­ker Drei­er in den Um­fra­gen im Mo­ment kei­ne Mehr­heit hät­te: ge­schenkt. Die Sehn­sucht nach et­was an­de­rem als der Gro­ßen Ko­ali­ti­on ist groß in der SPD.

Nicht von un­ge­fähr hat An­ge­la Mer­kel in ih­rer Be­wer­bungs­re­de von den An­fech­tun­gen von links ge­spro­chen, die sie im Wahl­kampf er­war­te, und von der Mög­lich­keit ei­ner rot-rot-grü­nen Bun­des­re­gie­rung. Das soll, zum ei­nen, die Rei­hen in der Uni­on schlie­ßen, die da­mit ein kla­res Bild von ih­rem Geg­ner hat. Das zeigt, zum an­de­ren, aber auch, wie dünn das Eis ist, auf dem ih­re ei­ge­ne Kan­di­da­tin sich be­wegt. Ge­län­ge es ei­nem Her­aus­for­de­rer Schulz, für die SPD vier oder fünf Pro­zent da­zu­zu­ge­win­nen, wä­re An­ge­la Mer­kels Kanz­ler­schaft ver­mut­lich zu En­de.

Mit Mar­tin Schulz wird Rot-Rot-Grün wahr­schein­li­cher

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