Wer for­dert die Dau­er-Kanz­le­rin?

Bun­des­tags­wahl Ga­b­ri­el oder Schulz? Bei den So­zi­al­de­mo­kra­ten bleibt die K-Fra­ge bis Ja­nu­ar of­fen. Aber auch in der Uni­on ist mit An­ge­la Mer­kels Zu­sa­ge nicht al­les ge­re­gelt.

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Politik - VON RU­DI WAIS

Zwei Mo­na­te sind ei­ne lan­ge Zeit in der Po­li­tik – es sei denn, man heißt Ralf Steg­ner und ist stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der SPD. Am Mon­tag­mor­gen ant­wor­tet der im ZDF auf die Fra­ge, wann sei­ne Par­tei denn nun ih­ren Kanz­ler­kan­di­da­ten aus­ru­fe, mit ei­ner eben­so un­miss­ver­ständ­li­chen wie un­prä­zi­sen For­mu­lie­rung: „Na­tür­lich wird das bald ge­sche­hen.“Bald: Das klingt, als sei es nur ei­ne Fra­ge von Ta­gen, viel­leicht von ein, zwei Wo­chen. Tat­säch­lich je­doch steht die­ses „bald“für sat­te zwei Mo­na­te.

Ob Par­tei­chef Sig­mar Ga­b­ri­el selbst An­ge­la Mer­kel her­aus­for­dert oder doch der Eu­ro­pa­po­li­ti­ker Mar­tin Schulz, will die SPD erst nach ei­ner Vor­stands­klau­sur En­de Ja­nu­ar be­kannt ge­ben. „Wir ha­ben ei­nen Fahr­plan“, sagt Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Kat­ha­ri­na Bar­ley. Auch An­ge­la Mer­kels Ent­schei­dung, noch ein vier­tes Mal als Spit­zen­kan­di­da­tin zu ei­ner Bun­des­tags­wahl an­zu­tre­ten, än­de­re dar­an nichts. „An­ders als die CDU wer­den wir Per­son und Pro­gramm und In­hal­te mit­ein­an­der ver­bin­den.“We­der im Prä­si­di­um noch im Par­tei­vor­stand gibt es am Tag da­nach Wi­der­stand ge­gen die­sen Fahr­plan. Den Te­nor ha­ben Par­tei- und Frak­ti­ons­obe­re noch am vor­ge­ge­ben: Wir las­sen uns von der Uni­on doch nicht die Ta­ges­ord­nung dik­tie­ren.

Da­mit bleibt die K-Fra­ge in der SPD eben­so of­fen wie die nach den the­ma­ti­schen Schwer­punk­ten des Wahl­kamp­fes. Von Ga­b­ri­el weiß man nur, dass er nicht die per­sön­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit der Bun­des­kanz­le­rin su­chen will, son­dern die in­halt­li­che – so­fern er kan­di­diert. Er möch­te die Mit­glie­der der SPD über das Wahl­pro­gramm mit­ent­schei­den las­sen und das am liebs­ten in grif­fi­ger Form auf zwei, drei Sei­ten zu­sam­men­fas­sen. Nach den Wor­ten von Frak­ti­ons­chef Tho­mas Op­per­mann sol­len sich dar­in un­ter an­de­rem Steu­er­er­leich­te­run­gen für Be­schäf­tig­te mit klei­nen und mitt­le­ren Ein­kom­men fin­den, ei­ne stär­ke­re Be­steue­rung für Ka­pi­tal­ein­künf­te und die Ab­schaf­fung der so­ge­nann­ten Mö­ven­pick-Steu­er, ei­nem von An­fang an um­strit­te­nen Ra­batt für die Ho­tel­le­rie auf die Mehr­wert­steu­er. Be­schlos­sen aber ist noch nichts in der SPD.

Bei der Uni­on hat An­ge­la Mer­kel am Sonn­tag­abend zwar an­ge­kün­digt, sie wer­den dies­mal ei­nen ganz an­de­ren Wahl­kampf füh­ren als bis­her – gleich­zei­tig al­ler­dings ver­fährt ihr Ge­ne­ral­se­kre­tär Pe­ter Tau­ber wie im­mer. In ei­nem so­ge­nann­ten Leit­an­trag für den Par­tei­tag An­fang De­zem­ber in Es­sen hat er von zu­sätz­li­chen Mit­teln für die Bun­des­wehr über Sank­tio­nen für In­te­gra­ti­ons­ver­wei­ge­rer bis zur Steu­er­ent­las­tung für Fa­mi­li­en al­les zu­sam­men­ge­tra­gen, was der CDU lieb und teu­er ist, und dar­aus ei­ne Art Blau­pau­se für das Wahl­pro­gramm ge­macht. Be­schlie­ßen die Christ­de­mo­kra­ten die­ses Pa­pier in Es­sen, ist die Uni­on zwar schon ei­nen Schritt wei­ter als die SPD. Ei­nen nicht zu un­ter­schät­zen­den Schön­heits­feh­ler al­ler­dings hat auch Tau­bers Leit­an­trag mit dem pa­the­ti­schen Ti­tel „Ori­en­tie­rung in schwie­ri­gen Zei­ten“: Er ist mit Horst See­ho­fer und der CSU noch nicht ab­ge­stimmt.

Über­haupt hält sich die Be­geis­te­rung in der Schwes­ter­par­tei über den Auf­tritt der Kanz­le­rin am Sonn­tag­abend in Gren­zen. „Wir ak­zep­tie­ren das“, sagt der ehe­ma­li­ge In­nen­und Agrar­mi­nis­ter Hans-Pe­ter Fried­rich schmal­lip­pig. „Aber Eu­pho­rie kommt des­we­gen nicht auf.“Selbst wenn bei ihm auch ei­ne Por­tiSonn­tag­abend on per­sön­li­che Ver­bit­te­rung mit im Spiel ist, weil er im Zu­ge der Eda­thy-Af­fä­re auf An­ge­la Mer­kels Be­trei­ben sei­nen Platz am Ka­bi­netts­tisch ver­lo­ren hat: So ein­deu­tig wie Lan­des­grup­pen­che­fin Ger­da Has­sel­feldt be­ken­nen sich im Mo­ment nur we­ni­ge Christ­so­zia­le zur Kanz­le­rin. „Wir brau­chen ei­ne star­ke Uni­on mit der Bun­des­kanz­le­rin an der Spit­ze“, sagt die. An­ge­la Mer­kel sei ei­ne „gu­te Kanz­le­rin“und es sei „gut, dass sie es blei­ben will“.

Da­für feixt sich Frau­ke Pe­try ei­nes. Als Bür­ge­rin, be­teu­ert die Vor­sit­zen­de der AfD in ei­nem Ge­spräch mit der Deut­schen Pres­se-Agen­tur, emp­fin­de sie zwar Un­be­ha­gen über An­ge­la Mer­kels Kan­di­da­tur. Als po­li­ti­sche Kon­kur­ren­tin ge­he sie aber da­von aus, dass die­se der AfD nut­ze. Wie schmal der Grat ist, auf dem sich die eta­blier­ten Par­tei­en im Um­gang mit ihr be­we­gen, zeigt ei­ne klei­ne Rand­no­tiz aus den Ar­bei­ten am Leit­an­trag der CDU: Den Be­griff „Mo­der­ni­sie­rungs­ver­lie­rer“hat Tau­ber wie­der strei­chen las­sen. Oh­ne Pe­try und ih­re Par­tei beim Na­men zu nen­nen, hat­te es im ur­sprüng­li­chen Text ge­hei­ßen, die CDU wol­le auch um Men­schen wer­ben, „die sich als Mo­der­ni­sie­rungs­ver­lie­rer se­hen und der­zeit noch bei po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en von rechts und links ih­re Zuflucht su­chen.“

„Wir ak­zep­tie­ren das. Aber Eu­pho­rie kommt des­we­gen nicht auf.“Ex-Mi­nis­ter Hans-Pe­ter Fried­rich (CSU)

Fo­to: im­a­go

Ganz in Schwarz zur ers­ten Amts­zeit: Am 22. No­vem­ber 2005 – al­so auf den Tag vor elf Jah­ren – ver­ei­dig­te Bun­des­tags­prä­si­dent Norbert Lam­mert die neue Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel. Ein ähn­li­ches Bild­mo­tiv könn­te sich bald wie­der er­ge­ben.

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