Wie­der­ver­ei­ni­gung, nächs­ter Ver­such

Eu­ro­pa Zy­pern nimmt ei­nen neu­en An­lauf, die Tei­lung der In­sel zu über­win­den. Deutsch­land könn­te dop­pelt Vor­bild sein

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Politik - VON DET­LEF DREWES

Brüs­sel

Die Er­in­ne­rung an Ber­lin vor dem 9. No­vem­ber 1989 be­geg­net dem Be­su­cher Zy­perns auf Schritt und Tritt. Ni­ko­sia ist ei­ne ge­teil­te Haupt­stadt. Das Land wird durch ei­ne mi­li­tä­risch ge­schütz­te Puf­fer­zo­ne in zwei La­ger zer­ris­sen. Noch. „Wir kön­nen es schaf­fen“, sag­te Ni­kos Ana­st­a­sia­des, der Prä­si­dent der Re­pu­blik Zy­pern und zugleich der Volks­grup­pen­füh­rer für die grie­chi­schen Zyp­rer, als er in Mont Pé­le­rin am Gen­fer See ein­traf. Es soll­te die letz­te Pha­se des Rin­gens mit den Ver­tre­tern des tür­ki­schen Nor­dens um ih­re Zu­kunft sein. Noch ges­tern Abend woll­te man den Durch­bruch schaf­fen, von dem aber noch nie­mand weiß, was er wirk­lich brin­gen wird. „Die Din­ge sind kom­pli­ziert“, sag­te der Volks­grup­pen­füh­rer der tür­ki­schen Sei­te, Musta­fa Akin­ci.

1960 wur­de die dritt­größ­te Mit­tel­meer-In­sel, die geo­gra­fisch zu Asi­en ge­hört, von der bri­ti­schen Be­sat­zungs­macht in die Un­ab­hän­gig­keit ent­las­sen, 1974 zer­riss ein mi­li­tä­ri­scher Kon­flikt das Ei­land: Grie­chi­sche Na­tio­na­lis­ten woll­ten die In­sel an At­hen an­schlie­ßen. Tür­ki­sche Trup­pen mar­schier­ten ein. Seit­her ist die Oa­se im Mit­tel­meer ge­teilt – durch ei­ne mi­li­tä­ri­sche Puf­fer­zo­ne, die von UN-Sol­da­ten be­wacht wird, ge­trennt. Die La­ge ent­behrt aber auch nicht ei­ner ge­wis­sen Ku­rio­si­tät.

Als die EU am 1. Mai 2004 Zy­pern als Mit­glied an­er­kann­te, galt dies aus­drück­lich auch für den tür­ki­schen be­setz­ten Nor­den. EURecht kann zwar dort nicht aus­ge­übt wer­den, weil An­ka­ras Trup­pen tür­ki­sche Ge­set­ze durch­set­zen. Eu­ro­päi­sche Päs­se und der Eu­ro ha­ben al­ler­dings längst Ein­zug ge­hal­ten. Doch wie könn­te ein po­li­tisch wie­der­ver­ein­tes Zy­pern aus­se­hen?

Auf dem Tisch der De­le­ga­tio­nen la­gen jetzt Kar­ten, die zei­gen: Zy­pern soll ein fö­de­ra­ler Bun­des­staat wer­den – mit zwei „Bun­des­län­dern“. Qua­si ei­ne Wie­der­ver­ei­ni­gung nach dop­pelt deut­schem Vor­bild. Der tür­ki­sche Teil wür­de von 34 auf 28,5 Pro­zent der Flä­che zu­sam­men­schmel­zen. Die grie­chi­schen Ein­woh­ner be­kä­men ent­spre­chend mehr.

Bei dem Land­tausch geht es dar­um, den 160 000 süd­li­chen Zyp­rern ih­re Häu­ser und Grund­stü­cke wie­der zu­rück­zu­ge­ben, die sie durch die Mi­li­tär­in­ter­ven­ti­on ver­lo­ren ha­ben. Im tür­kisch ge­präg­ten Lan­des­teil gilt das Glei­che für fast 40000 Men­schen. „Da wer­den Ent­schä­di­gun­gen fäl­lig wer­den“, heißt es. Die Sum­me wird auf rund zehn Mil­li­ar­den Eu­ro ge­schätzt. Geld, das das Land nicht hat.

Hin­zu kommt aber noch ei­ne wei­te­re Fra­ge, die bis­her un­ge­löst scheint: Vor al­lem die grie­chi­schen Zyp­rer wün­schen sich nichts mehr, als al­le Schutz­mäch­te los­zu­wer­den. Doch An­ka­ra und auch Lon­don wol­len ver­hin­dern, aus dem Land ge­wor­fen zu wer­den. Denn die Bri­ten be­trei­ben seit 1960 auf der In­sel meh­re­re stra­te­gisch be­deut­sa­me Stütz­punk­te. Wahr­schein­lich ist, dass al­le Par­tei­en an ei­nen Tisch ge­holt wer­den: bei­de Volks­grup­pen der In­sel, Groß­bri­tan­ni­en, die Tür­kei, die Ver­ein­ten Na­tio­nen und die EU. Be­reits im De­zem­ber könn­te die­ser Run­de Tisch zu­sam­men­ge­setzt wer­den. Da­nach muss das Volk die er­reich­ten Ver­ein­ba­run­gen ab­stim­men und bil­li­gen. Es könn­te der här­tes­te Prüf­stein wer­den. Denn 2004 schei­ter­te schon ein­mal ein Plan der UN am Vo­tum vor al­lem der grie­chi­schen Be­völ­ke­rung, die nicht glau­ben woll­te, dass die Tür­kei sich auch wirk­lich an die Ab­ma­chun­gen hal­ten wür­de.

Zu­min­dest die­ser Punkt könn­te auch jetzt wie­der schwie­rig wer­den. Zwar hat An­ka­ra sich weit­ge­hend aus den bis­he­ri­gen Ver­hand­lun­gen her­aus­ge­hal­ten. Ob die Re­gie­rung al­ler­dings be­reit ist, ei­nen Vor­pos­ten zur EU so sang- und klang­los in die Un­ab­hän­gig­keit zu ent­las­sen, wird von vie­len be­zwei­felt.

Fo­to: Ka­tia Chris­to­dou­lou

Der Sü­den grie­chisch, der Nor­den tür­kisch: Die Led­ra­stra­ße in der Alt­stadt der zy­pri­schen Haupt­stadt Ni­ko­sia gilt als ein Sym­bol der Tei­lung.

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