Der Su­per­star der fal­schen Tö­ne

Ge­sang Sie stürz­te sich in die schwie­rigs­ten Ari­en, traf aber nur aus­nahms­wei­se die No­ten: Flo­rence Fos­ter Jenk­ins. Jetzt er­in­nern gleich zwei Fil­me an die bei­spiel­lo­se Kar­rie­re der Di­va

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Feuilleton - VON STE­FAN DOSCH

Wie wird man „die schlech­tes­te Sän­ge­rin der Welt“? Das geht nur, in­dem man das Sin­gen mit äu­ßers­tem Ernst be­treibt. So wie Flo­rence Fos­ter Jenk­ins.

Um ei­nen Ein­druck da­von zu be­kom­men, wie man zur un­an­ge­foch­te­nen Trä­ge­rin die­ses Ne­ga­tiv-Su­per­la­tivs wer­den kann, hö­re man sich – Youtube macht’s mög­lich – ei­ne der er­hal­te­nen Ton­auf­nah­men an. Am bes­ten den ewi­gen Fos­terJenk­ins-Klas­si­ker, die Ra­che-Arie der Kö­ni­gin der Nacht aus Mo­zarts „Zau­ber­flö­te“. Ein hei­kel zu sin­gen­des Stück, ge­wiss, aber Flo­rence Fos­ter Jenk­ins hat sich dar­um nicht ge­schert. Man hört al­so hin­ein in die Auf­nah­me vom An­fang der 1940er Jah­re – und er­starrt: Kurz­at­mig und schrill schwankt die Sän­ge­rin vor­an, ihr Be­gleit­pia­nist hum­pelt ir­ri­tiert hin­ter­drein, bis die be­rühm­ten Ko­lo­ra­tu­ren er­reicht sind – doch so wil­lens­stark Fos­ter Jenk­ins die Spit­zen­no­ten auch an­springt, sie liegt fast im­mer da­ne­ben, und die An­stren­gung schleift ihr je­den Ton zu ei­nem mes­ser­schar­fen Pfeil. Wenn nach drei­ein­halb Mi­nu­ten der Spuk vor­über ist, weiß man nicht: Soll man la­chen oder wei­nen?

Flo­rence Fos­ter Jenk­ins ist 44 Jah­re alt, als sie 1912 in New York erst­mals mit Opern­ari­en vor ein Pu­bli­kum tritt. Von da an tut sie es durch drei Jahr­zehn­te hin­durch, und es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass ihr Ge­sang nie an­ders ge­klun­gen hat. Wer ei­nen der­art, sa­gen wir mal: ex­tra­va­gan­ten Vor­trag pflegt und nicht merkt – oder nicht be­mer­ken will –, dass das Pu­bli­kum sich vor La­chen kaum auf den Stüh­len zu hal­ten ver­mag, bei dem muss es sich selbst um ei­ne höchst ei­gen­wil­li­ge Per­son han­deln.

Das war Flo­rence Fos­ter Jenk­ins auch. 1868 in der US-Pro­vinz ge­bo­ren, be­kun­det sie früh die Ab­sicht, Ge­sang zu stu­die­ren, doch der Va­ter, ein rei­cher Ge­schäfts­mann, ver­wei­gert ihr das ka­te­go­risch. Al­so büxt Flo­rence mit gera­de mal 16 Jah­ren aus und hei­ra­tet ei­nen Arzt. Der steckt sie mit Sy­phi­lis an, die Be­hand­lun­gen ha­ben gra­vie­ren­de Ne­ben­wir­kun­gen, für den Rest ih­res Le­bens muss sie Pe­rü­cke tra­gen. Sie ver­lässt ih­ren Mann, schlägt sich als Kla­vier­leh­re­rin durch und wird 1909, als der Va­ter stirbt, zur rei­chen Er­bin. Zeit­gleich lernt sie ei­nen mit­tel­lo­sen Schau­spie­ler ken­nen, der ihr Le­bens­part­ner und ein­fühl­sa­mer Ma­na­ger wird. Jetzt, fi­nan­zi­ell un­ab­hän­gig, tut Flo­rence Fos­ter Jenk­ins, was ihr in der Ju­gend ver­sagt blieb: Sie nimmt Ge­s­angs­un­ter­richt und star­tet, zu­nächst im Rah­men der da­mals zahl­rei­chen New Yor­ker Frau­en­klubs, ei­ne Kar­rie­re als In­ter­pre­tin. Es dau­ert nicht lan­ge, da wer­den ih­re mu­si­ka­lisch ver­un­glück- ten und mit Ko­s­tüm-Ex­tra­va­gan­zen gar­nier­ten Dar­bie­tun­gen zu Kul­tEr­eig­nis­sen für die ge­ho­be­ne Ge­sell­schaft. Welch ein Le­ben für ei­ne Frau in je­ner Zeit! Kein Wun­der, dass die Ge­schich­te der Flo­rence Fos­ter Jenk­ins im­mer wie­der er­zählt wur­de, in Bü­chern, Thea­ter­stü­cken und, ver­setzt nach Pa­ris, in dem Film „Ma­dame Mar­gue­ri­te oder die Kunst der schie­fen Tö­ne“. Nicht ge­nug da­mit, gibt es jetzt zwei wei­te­re Fil­me fürs Ki­no. Be­reits an­ge­lau­fen ist die do­ku­men­ta­ri­sche „Flo­rence Fos­ter Jenk­ins Sto­ry“, in der die Star-So­pra­nis­tin Joy­ce DiDo­na­to nicht nur in Spiel­sze­nen agiert, son­dern auch be­wusst fal­sche Tö­ne pro­du­ziert. Und die­sen Don­ners­tag star­tet Ste­phen Fre­ars’ Spiel­film „Flo­rence Fos­ter Jenk­ins“mit der eben­falls selbst sin­gen­den Me­ryl Streep in der Haupt­rol­le. Im Üb­ri­gen bei­des Fil­me, die die rea­le Fi­gur nicht de­nun­zie­ren, ihr viel­mehr mit Ver­ständ­nis zu be­geg­nen ver­su­chen. Denn die ent­schei­den­de Fra­ge, die bis heu­te be­wegt: Was hat Flo­rence Fos­ter Jenk­ins über­haupt mit­be­kom­men von ih­rem Ge­sang? Wuss­te sie um ih­re ka­ta­stro­pha­le In­to­na­ti­on? Ihr sehr wohl scharf hö­ren­der Pia­nist hat nach ih­rem Tod die An­sicht ge­äu­ßert, dass die Sän­ge­rin ih­re Ver­feh­lun­gen gar nicht hö­ren konn­te; und auch heu­te nei­gen Ken­ner ih­res Le­bens zu der An­sicht: Flo­rence Fos­ter Jenk­ins hat­te ei­ne Wahr­neh­mungs­stö­rung, wahr­schein­lich aus­ge­löst durch die Sy­phi­lis oder de­ren Be­hand­lung. Wenn al­so al­le an­de­ren sie rich­tig falsch hör­ten – sie selbst hör­te sich völ­lig kor­rekt sin­gen.

Ihr Man­ko wur­de zum Mar­ken­zei­chen. Als sie bei ei­ner Plat­ten­auf­nah­me mein­te, da sei noch dies oder je­nes zu kor­ri­gie­ren, wink­te der Ton­meis­ter ab: Bloß nicht, Mrs. Fos­ter Jenk­ins! 1944 dann der Gip­fel die­ser bei­spiel­lo­sen Kar­rie­re: Auf­tritt in der Car­ne­gie Hall, im Tem­pel des US-Mu­sik­le­bens. Die 2500 Plät­ze sind in kür­zes­ter Zeit aus­ver­kauft, Flo­rence Fos­ter Jenk­ins, nun 76 Jah­re alt, stimmt ihr üb­li­ches Pro­gramm an – dar­un­ter wie­der Mo­zarts Ra­che-Arie –, das Pu­bli­kum johlt, die ver­blen­de­te Di­va nimmt’s wie im­mer für Hul­di­gung. Doch tags dar­auf gibt es, of­fen­sicht­lich erst­mals, pro­fes­sio­nel­le Kri­ti­ken: „Sie kann al­les sin­gen, nur kei­ne No­ten“, steht da zu le­sen. Die Le­gen­de will, dass sie des­halb kurz nach dem Car­ne­gie-Hall-Auf­tritt ei­nen Herz­an­fall er­lei­det. We­ni­ge Wo­chen da­nach ist sie tot.

Dass da je­mand mit gro­ßem Ernst auf die Büh­ne tritt und die Leu­te da­vor sich irr­wit­zig amü­sie­ren: Ist das Ko­mö­die? Tra­gö­die? In ei­nem Punkt im­mer­hin tref­fen sich die Sän­ge­rin und ihr Pu­bli­kum. Flo­rence Fos­ter Jenk­ins war fest da­von über­zeugt, mit ih­rem Ge­sang zu er­freu­en. Das ge­lang ihr auch. Wenn­gleich auf be­son­de­re Wei­se.

Fo­to: akg-images

Pfeil­scharf da­ne­ben: Me­ryl Streep in der Haupt­rol­le des Spiel­films „Flo­rence Fos­ter Jenk­ins“.

Fo­to: Ar­chiv

Das Ori­gi­nal: Flo­rence Fos­ter Jenk­ins (1868 – 1944).

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