Plan B fürs ach­te Welt­wun­der

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Reise & Urlaub - VON FLO­RI­AN SANKTJOHANSER Ab­seits der Mas­sen un­ter­wegs im Na­tio­nal­park Tor­res del Pai­ne in Chi­le

Man­che Gäs­te sind ent­täuscht, wenn Ar­man­do Igle­si­as sie zum ach­ten Welt­wun­der führt. Nicht we­gen der Land­schaft, die Gra­nitzacken von Tor­res del Pai­ne sind schö­ner als auf je­dem Fo­to. „Den Leu­ten fehlt das Wild­nis­ge­fühl“, sagt Igle­si­as. Der 46-Jäh­ri­ge trägt Gaucho-Ba­rett zum Pfer­de­schwanz, er kann rei­ten wie ein Cow­boy der Pam­pa, aber sein Geld ver­dient er als Tou­ris­ten­gui­de. Trotz­dem sagt er: „Wir müss­ten die Zahl der Be­su­cher be­schrän­ken. In der Hoch­sai­son sind jetzt zu vie­le Leu­te hier.“Vor ein paar Jahr­zehn­ten war Tor­res del Pai­ne nur ei­ner von vie­len Na­tio­nal­parks ir­gend­wo im wei­ten Pa­ta­go­ni­en. Der ra­san­te Auf­stieg be­gann, als 1994 der W-Trek mar­kiert wur­de. Der 70 Ki­lo­me­ter lan­ge Rund­weg führt in vier bis fünf Ta­gen an Glet­scher­se­en und dem Pai­ne-Mas­siv ent­lang, auf der Kar­te äh­nelt er tat­säch­lich ei­nem W. Je­der Tou­rist will ihn ein­mal se­hen. Und so schiebt sich nun je­den Süd­som­mer ei­ne lan­ge Ka­ra­wa­ne über den Weg. An die 220 000 Be­su­cher zähl­te der Na­tio­nal­park im ver­gan­ge­nen Jahr. Die meis­ten von ih­nen kom­men zum Wan­dern. Oder um ein­fach im Au­to zu den Aus­sichts­punk­ten zu fah­ren. Den Mas­sen zu ent­kom­men, ist nicht ein­fach. Denn au­ßer dem W und sei­ner Ver­län­ge­rung, der Run­de ums ge­sam­te Mas­siv mit dem sin­ni­gen Na­men O, gibt es kei­ne Mehr­ta­ges­rou­ten. Doch al­lein sein ist noch mög­lich. Auf dem Pferd, im Ka­jak – und in der Ne­ben­sai­son so­gar beim Wan­dern.

Schutz vor Staub und Son­ne

Von Pu­er­to Na­ta­les aus rollt der Mi­ni­bus durch die Pam­pa, hin­ter dem Mon­te Bal­mace­da gleißt in der Fer­ne das süd­li­che Eis­feld, die Tür­me des Pai­ne-Mas­sivs ra­gen auf wie die Zäh­ne ei­nes gi­gan­ti­schen Raub­tiers. Igle­si­as parkt an ei­ner Hüt­te. Im kar­gen In­nern sit­zen Da­ni­el Ar­man­do Oyar­zo, 33, und Mon­cho Bal­ca­zar, 44, an ei­nem Holz­ofen. Sie trin­ken na­tür­lich Ma­te-Tee, als ech­te Gauchos, pa­cken Lamm­de­cken auf die Sät­tel und le­gen den Tou­ris­ten le­der­ne Über­ho­sen an. Auf die Na­se kommt Sun­blo­cker. Die Gauchos lä­cheln spöt­tisch. Schon bei der Mit­tags­pau­se an der La­gu­na Azul schmer­zen Rü­cken und Hin­tern. Am Abend, bei Rot­wein und über dem Feu­er ge­grill­ten Asa­do-Lamm, ist all das schon fast ver­ges­sen. Und am Mor­gen, wenn die Fels­spit­zen rot glü­hen, end­gül­tig. Der Bus star­tet um 6 Uhr, das Ziel ist der Mi­ra­dor de los Tor­res, ei­ne lan­ge Ta­ges­tour durch das Val­le del Si­len­cio steht be­vor. Es geht auf ei­ner Hän­ge­brü­cke über den Río As­cen­sio, und hin­auf durch Len­ga-Süd­buchen. Am We­ges­rand lie­gen das Re­fu­gio Chi­le­no und das Cam­pa­men­to Tor­res. In die­ser Sai­son müs­sen Wan­de­rer erst­mals am Ein­gang zum Na­tio­nal­park ih­re Re­ser­vie­rung für ei­ne Hüt­te oder ei­nen Zelt­platz vor­zei­gen. Das letz­te Stück führt über ei­ne Schot­ter­hal­de zwi­schen ga­ra­gen­gro­ßen Fels­bro­cken hin­durch, die der Glet­scher her­ge­tra­gen hat. Und dann öff­net sich ei­ner der be­rühm­tes­ten Aus­bli­cke: über ei­ne La­gu­ne auf den Glet­scher und die drei Tür­me da­hin­ter. Die mitt­le­re Gra­nitspit­ze ragt fast 2000 Me­ter vom grau­en Ei­s­pan­zer senk­recht in den Him­mel. „Noch ru­hi­ger ist es hier nur im Win­ter“, sagt Igle­si­as. Dann ist zwar nur ei­ne Hüt­te ge­öff­net, das Re­fu­gio Pai­ne Gran­de. Aber mit Steig­ei­sen und Ga­ma­schen kann man das ge­sam­te W wan­dern. Der 32-jäh­ri­ge Jo­sé Lu­is Oje­da ist Ka­jak­gui­de, er pad­delt mit sei­nen Gäs­ten auf dem La­go Grey – durch Eis­ber­ge und Wel­len bis in den Río Grey durch ei­ne Schlucht und den Len­ga-Wald. Pa­tago­ni­sche Stil­le und da­zu die­se fan­tas­ti­schen Ber­ge. Nein, ent­täu­schend ist et­was an­de­res.

Fo­to: Chi­le Na­tivo, tmn

Ritt durch die Step­pe: Wenn die Tou­ris­ten auf Pfer­de stei­gen, kön­nen sie sich wie ech­te Gauchos füh­len – oder zu­min­dest so tun.

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