Lu­i­gi Ma­ler­ba – Die nack­ten Mas­ken (45)

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wetter | Roman -

Daß die­ser jun­ge Mann mit der ver­stör­ten Mie­ne der Bru­der Fio­ren­z­as war, der jun­gen Hu­re, die seit zwei Jah­ren bei ihr wohn­te, re­gel­mä­ßig Mie­te zahl­te, und ih­ren Be­ruf, nach An­sicht der Kun­den, mit be­trächt­li­cher Ge­schick­lich­keit und Phan­ta­sie aus­üb­te, war kei­ne aus­rei­chen­de Ga­ran­tie, um das Miß­trau­en der Wir­tin ge­gen das ge­sam­te rö­mi­sche und aus­wär­ti­ge nie­de­re Pries­ter­volk zu zer­streu­en. Es han­del­te sich fast im­mer um säu­mi­ge Zah­ler und stö­ren­de Prä­sen­zen un­ter ih­rer Kund­schaft, die zum größ­ten Teil aus Kunst­tisch­lern und Kunst­schmie­den be­stand, wel­che man aus der Tos­ka­na und aus Um­bri­en nach Rom ge­ru­fen hat­te, um in den zahl­lo­sen Be­trie­ben zu ar­bei­ten, die wäh­rend der Re­gie­rungs­zeit Le­os X. ein­ge­rich­tet wor­den wa­ren. Gu­te Kun­den, die­se Kunst­hand­wer­ker, die den gan­zen Tag aus­wärts ar­bei­te­ten und abends so mü­de und aus­ge­hun­gert in die Lo­can­da zu­rück­kehr­ten, daß sie aßen, was im­mer sie ih­nen auf den Tisch stell­te, um dann so­fort ins Bett zu fal­len und wie Sä­cke zu schla­fen, bis sie sich bei Ta­ges­an­bruch wie­der auf die Bei­ne mach­ten, um zur Ar­beit auf ih­re Bau­stel­len oder in ih­re Werk­stät­ten zu ge­hen.

Fio­ren­za war wohl­ge­lit­ten – ei­ne Hu­re ist hilf­reich in ei­ner Lo­can­da, ein zu­sätz­li­cher Di­enst für die ra­ren rei­chen Kun­den und ei­ne an­ge­neh­me Ab­wechs­lung, um die Ein­tö­nig­keit ei­ner rein männ­li­chen Kund­schaft auf­zu­lo­ckern. Aber ein jun­ger Klos­ter­bru­der mit un­trüg­lich lee­ren Ta­schen? Wie es mit den Ta­schen steht, sieht man am Ge­sicht, und dar­in irr­te sich die Wir­tin nie.

Ges­ten und Wor­te des Dia­kon Bal­das­sa­re ver­rie­ten ei­nen Zu­stand von Angst, der kei­ne gu­te Emp­feh­lung war; aber die Wir­tin sah da­von ab, ihm das zu sa­gen, was sie un­er­wünsch­ten Kun­den ge­wöhn­lich sag­te – daß ih­re Lo­can­da kein re­fu­gi­um pec­ca­to­rum sei.

„Wie lan­ge ge­denkt Ihr zu blei­ben?“

„Ich weiß noch nicht.“

„Das Geld für das Zim­mer habt Ihr?“

An die­sem Punkt er­in­ner­te sich der Dia­kon an den Satz, den man dem Kar­di­nal Ot­to­bo­ni zu­schrieb: „Ho­mo si­ne pe­cu­nia im­a­go mor­tis“. Nein, er woll­te kein Bild des To­des bie­ten. Dann lie­ber lü­gen.

„Ich ha­be das Geld für die Lo­can­da, aber ich weiß noch nicht, wie vie­le Ta­ge ich blei­ben wer­de.“

Die Wir­tin war noch nicht über­zeugt und stell­te wei­te­re Fra­gen, je­de von ei­nem in­qui­si­to­ri­schen Blick be­glei­tet.

„Seid Ihr aus dem Klos­ter ge­flo­hen?“

Der Dia­kon fühl­te sich ent­larvt. Die­se er­fah­re­ne Frau hat­te die Be­denk­lich­keit sei­ner La­ge und sei­ne pe­ku­niä­re Schwä­che so­fort er­kannt.

„Sa­gen wir, ich ha­be ei­nen Ur­laub ge­nom­men und es han­delt sich nicht um ei­ne Flucht.“

„Das war nur ei­ne bei­läu­fi­ge Neu­gier, ich in­ter­es­sie­re mich sonst nicht für die pri­va­ten An­ge­le­gen­hei­ten mei­ner Kun­den.“

Ei­ne Lü­ge, wie ih­re Fra­gen be­reits ver­rie­ten. Die Wir­tin be­glei­te­te den Dia­kon die Trep­pe hin­auf zu ei­ner Dach­kam­mer, die sei­ner Zel­le im Klos­ter der Via del­la Scro­fa sehr ähn­lich war.

„Ich wer­de hier auf mei­ne Schwes­ter war­ten“, sag­te er zu der Wir­tin, da­mit sie ihn al­lein­ließ.

„Fio­ren­z­as Zim­mer ist ne­ben­an, aber es ist nicht ge­sagt, daß sie zu­rück­kommt und die Nacht in der Lo­can­da ver­bringt. Bei dem Be­ruf, den sie aus­übt, schläft sie nicht im­mer in ih­rem Bett.“

Bei die­sen Wor­ten fühl­te der Dia­kon ei­nen Druck in der Ma­gen­ge­gend, aber er sag­te nichts. Er leg­te sein Bün­del auf ein Tisch­chen und setz­te sich aufs Bett.

„Vor­läu­fig blei­be ich hier, um mich aus­zu­ru­hen.“„Wie Ihr wollt.“Die Wir­tin ging hin­aus, schloß die Tür hin­ter sich, und ging holz­schuh­klap­pernd die Trep­pe hin­un­ter.

Fio­ren­za kehr­te erst spät in der Nacht in die Lo­can­da del Fi­co zu­rück. Ihr Bru­der hat­te hell­wach und mit lee­rem Ma­gen auf sie ge­war­tet, und war in sei­ner Kam­mer auf- und ab­ge­gan­gen, nach­dem er die fran­zis­ka­ni­schen Holz­san­da­len aus­ge­zo­gen hat­te, um die Gäs­te ein Stock­werk tie­fer nicht zu we­cken.

Durch die an­ge­lehn­te Tür sah er end­lich sei­ne Schwes­ter, die mit ei­ner Ker­ze in der Hand auf Ze­hen­spit­zen zu ih­rem Zim­mer ging. Gott­lob war sie al­lein zu­rück­ge­kom­men.

„Was tust du denn hier?“frag­te Fio­ren­za, als sie ih­rem Bru­der ge­gen­über­stand. Sie hät­te al­les an­de­re er­war­tet, als ih­ren Bru­der nachts in die­ser übel­be­leum­de­ten Wirt­schaft an­zu­tref­fen. „Ich muß mit dir re­den.“„Und du hast hier, in die­ser Lo­can­da, ein Zim­mer ge­nom­men, um mit dei­ner Schwes­ter zu spre­chen?“

„Ich bin aus dem Kar­di­nals­pa­last weg­ge­lau­fen.“„Bist du ver­rückt ge­wor­den?“„Er will schreck­li­che Din­ge von mir. Ich er­klär’ dir das nach­her.“

„Der auch? Die­se Kar­di­nals­sch­wuch­te­lei macht mich ganz krank. Es schien doch, als däch­te er noch an Pal­mi­ra, und jetzt ist auf ein­mal auch er hin­ter den Män­nern her.“

Der Dia­kon er­in­ner­te sich an ei­nen Ver­dacht, der ihm beim Le­sen der Zei­len über den nack­ten Jüng­ling ge­kom­men war, die der Kar­di­nal im Mar­ku­sevan­ge­li­um un­ter­stri­chen hat­te. „War­um? Hast du et­was ge­hört?“„Ich ha­be nichts ge­hört“, sag­te Fio­ren­za, „aber du sagst ja gera­de, daß er dich auf­ge­for­dert hat, mit ihm zu ge­hen.“

„Was hast du da nur ver­stan­den? Es han­delt sich nicht um das, was du denkst. Das wä­re ja gar nichts. Es ist et­was viel viel Schlim­me­res.“

Fio­ren­za schloß ih­re Kam­mer­tür. „Hier hört uns nie­mand. Er­zähl mir al­les.“„Ich will nicht lan­ge drum­her­um re­den. Der Kar­di­nal hat sich in den Kopf ge­setzt, daß ich vom bö­sen Geist be­ses­sen bin.“

Fio­ren­za riß er­schro­cken die Au­gen auf.

„Vom Teu­fel be­ses­sen – du? Ist er wahn­sin­nig ge­wor­den?“„Das hat er ge­sagt.“„Ei­ne är­ger­li­che Sa­che, lie­ber Bru­der. Und du, was spürst du? Geht es dir schlecht?“„Nein. Es kommt vor, daß ich nie­se, wenn ich an ei­ner Kir­che vor­bei­ge­he. Das ist äu­ßerst läs­tig, ver­stehst du, ich weiß nie, wel­che Stra­ße ich be­nüt­zen soll, in Rom gibt es Kir­chen auf Schritt und Tritt. Aber ich füh­le mich nicht be­ses­sen.“

„Das ist ja ei­ne wil­de Tür­ke­rei, die du mir da er­zählst. Und war­um bist du weg­ge­lau­fen?“

„Un­ter dem Vor­wand, daß ich den Teu­fel im Leib ha­be, will der Kar­di­nal mich Din­ge tun las­sen, die ich dir nicht ein­mal zu er­zäh­len wa­ge. Mach dir nichts draus, hat er ge­sagt, schuld ist der Teu­fel.“

„Dann hat­te ich al­so rich­tig ver­stan­den.“

„Ich sag­te dir doch, es han­delt sich nicht um Sch­wuch­te­lei­en.

Wenn es so wä­re, dann könn­te ich mich ver­tei­di­gen. Der Kar­di­nal ist ver­än­dert in letz­ter Zeit, er fühlt sich ver­folgt und ver­zehrt sich in Ra­che­ge­dan­ken. Er hat den Schlaf und den Frie­den ver­lo­ren. »46. Fort­set­zung folgt

Wer als Re­nais­sance-Kar­di­nal ein las­ter- und lot­ter­haf­tes Le­ben in Rom ge­wöhnt war, dem konn­te es nicht in den Kram pas­sen, wenn ein neu­er Papst ge­wählt wird, der auf­räu­men möch­te mit al­len Or­gi­en . . . Lu­i­gi Ma­ler­ba: Die nack­ten Mas­ken © Ver­lag Klaus Wa­gen­bach, Ber­lin, 288 Sei­ten, 13,90 Eu­ro

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