Das Schwei­gen der Wis­sen­schaft­ler

In­ter­view Das The­ma Flücht­lin­ge be­stimmt die po­li­ti­sche De­bat­te. Wir spra­chen mit Pro­fes­sor Pe­ter A. Kraus von der Uni­ver­si­tät Augs­burg über Lö­sungs­an­sät­ze und war­um so we­nig von den For­schern zu hö­ren ist

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Campus Augsburg - Dr. Pe­ter A. Kraus ist Pro­fes­sor für Po­li­tik­wis­sen­schaft an der Uni Augs­burg und lei­tet das In­sti­tut für Ka­na­da-Stu­di­en.

Pro­fes­sor Kraus, was wä­re aus Ih­rer Sicht als Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler wich­tig, da­mit die In­te­gra­ti­on der Flücht­lin­ge in Deutsch­land klappt?

Kraus: Wir brau­chen ein neu­es Selbst­ver­ständ­nis, in dem sich so­wohl Deut­sche als auch Mi­gran­ten und Flücht­lin­ge wie­der­fin­den. In den USA re­den sie in dem Zu­sam­men­hang bei­spiels­wei­se vom Schmelz­tie­gel oder der Sa­lat­schüs­sel der Kul­tu­ren und in Ka­na­da vom mul­ti­kul­tu­rel­len Mo­sa­ik. Wie die­ses ver­bin­den­de Ele­ment in Deutsch­land aus­se­hen kann, da­zu kann auch die Wis­sen­schaft durch­aus ih­ren Bei­trag leis­ten. Es gibt bis­lang kei­ne plau­si­blen Antworten dar­auf, was es be­deu­tet, Deut­scher zu sein. Es geht da­bei nicht um ein star­res völ­ki­sches Ver­ständ­nis des Be­grif­fes, son­dern dar­um, ei­nen gro­ben Rah­men zu de­fi­nie­ren, in dem dann kri­ti­sche De­bat­ten über mög­li­che Fehl­ent­wick­lun­gen und ge­sell­schaft­li­che Ve­rän­de­run­gen mög­lich sind.

War­um fehlt ein sol­cher Rah­men bis­lang?

Kraus: Ein Grund ist die his­to­ri­sche Ver­gan­gen­heit mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Die Iden­ti­täts­fra­ge ist et­was, das die po­li­ti­sche Lin­ke in Deutsch­land in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ta­bui­siert und die So­zi­al­wis­sen­schaf­ten groß­teils aus­ge­blen­det ha­ben. Die Dis­kus­si­on dar­über wur­de den Rech­ten über­las­sen. In der ak­tu­el­len De­bat­te und an den Wah­l­er­geb­nis­sen der AfD se­hen wir aber, dass die Fra­ge vie­le Men­schen um­treibt. Die­se Sor­gen müs­sen ernst­ge­nom­men wer­den. Viel­leicht soll­te der his­to­ri­sche Aspekt in der Dis­kus­si­on stär­ker be­ach­tet wer­den. Vie­le Deut­sche wan­der­ten nach Nord- und Süd­ame­ri­ka aus und es gab vor dem Ers­ten Welt­krieg gro­ße Ein­wan­de­rungs­be­we­gun­gen aus dem heu­ti­gen Po­len und nach 1945 von den so­ge­nann­ten Aus­sied­lern.

Und ei­ne neue Iden­ti­tät schafft mehr Ak­zep­tanz für Men­schen an­de­rer Her­kunft?

Kraus: Mi­gran­ten be­rei­chern un­ser Le­ben nicht nur ku­li­na­risch und kul­tu­rell, sie tra­gen auch er­heb­lich zur Krea­ti­vi­tät und Pro­duk­ti­vi­tät des Lan­des bei. Das könn­te aber noch viel bes­ser funk­tio­nie­ren, wür­den im Aus­land er­wor­be­ne Qua­li­fi­ka­tio­nen hier auch an­er­kannt.

Das se­hen vie­le Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler, die sich in der Flücht­lings­de­bat­te zu Wort ge­mel­det ha­ben, skep­ti­scher. Sie ver­wei­sen bei­spiels­wei­se auf die Aus­wir­kun­gen von Zu­wan­de­rung auf das So­zi­al­sys­tem oder die Pro­ble­me bei der In­te­gra­ti­on in den Ar­beits­markt.

Kraus: Wenn Sie sich die Aus­sa­gen und Pro­gno­sen der Öko­no­men ein Jahr spä­ter an­se­hen, stel­len Sie fest, dass sich die­se häu­fig nicht be­wahr­hei­tet ha­ben. Rich­tig ist aber, dass die Spra­che der Schlüs­sel ist, um in Ar­beits­markt und in Ge­sell­schaft Fuß zu fas­sen. Deutsch­land kann sich hier ein Bei­spiel an Ka­na­da oder Schwe­den neh­men, wo es für die Ver­mitt­lung der Lan­des­spra­che viel um­fas­sen­de­re Pro­gram­me gibt.

War­um ist so we­nig von Wis­sen­schaft­lern zu hö­ren in der ak­tu­el­len De­bat­te, die die Ge­sell­schaft spal­tet?

Kraus: Es gibt Aus­nah­men, aber die Wis­sen­schaft hat in der Ver­gan­gen­heit zu we­nig über den Tel­ler­rand ge­blickt. Leh­re und For­schung fan­den sehr lan­ge pri­mär im na­tio­na­len Rah­men statt. Es ging sehr lan­ge um den deut­schen Rechts­staat, das deut­sche Bil­dungs­sys­tem oder das po­li­ti­sche Sys­tem Deutsch­lands. Ei­ne eu­ro­päi­sche oder glo­ba­le For­schung fin­det hin­ge­gen zu sel­ten statt. Das än­dert sich lang­sam. Das ist ein Grund, war­um auch die Wis­sen­schaft oft über­for­dert ist, wenn es dar­um geht, fun­dier­te Antworten zur ak­tu­el­len Si­tua­ti­on zu ge­ben.

Al­so müss­te die Fra­ge der Flücht­lin­ge auf eu­ro­päi­scher oder glo­ba­ler Ebe­ne ge­re­gelt wer­den?

Kraus: Das wä­re der rich­ti­ge Rah­men da­für ge­we­sen. Die Eu­ro­päi­sche Uni­on hat bei dem The­ma ver­sagt und der Na­tio­na­lis­mus in den Mit­glieds­staa­ten scheint un­auf­halt­sam zu wach­sen. Das ist ein Phä­no­men, das sich seit der EU-Os­ter­wei­te­rung im­mer mehr ver­dich­tet. Die Schwä­che der EU und der deut­schen Re­gie­rung ist nicht zu­letzt des­we­gen pro­ble­ma­tisch, weil sie den Rechts­po­pu­lis­ten in die Hän­de spielt. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel sagt „Wir schaf­fen das“, ver­rät aber nicht wie. Das ist ein­fach zu we­nig. Die Men­schen er­war­ten Antworten und Kon­zep­te.

Sie ha­ben kürz­lich über das The­ma mit Kol­le­gen bei ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on in Augs­burg dis­ku­tiert. Was neh­men Sie aus der Ver­an­stal­tung mit?

Kraus: Po­li­ti­ker soll­ten den Leu­ten an der Ba­sis, die täg­lich in dem The­men­be­reich ar­bei­ten, zu­hö­ren. Die wis­sen, wo­von sie re­den, und Vie­les läuft bei der In­te­gra­ti­on bes­ser, als es die De­bat­te ver­mu­ten lässt.

In­ter­view: Chris­ti­an Mühlhause »Mei­nung

Fo­to: dpa

Die Flücht­lings­fra­ge ist das wohl am häu­figs­ten dis­ku­tier­te po­li­ti­sche The­ma der ver­gan­ge­nen zwei Jah­re. Stim­men aus der Wis­sen­schaft wa­ren da­zu al­ler­dings bis­lang we­nig zu hö­ren.

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