Al­le Jah­re wie­der

Han­del Be­hör­de fin­det er­neut Rück­stän­de von Mi­ne­ral­ölen in Ad­vents­ka­len­der­scho­ko­la­de. Ex­per­ten strei­ten al­ler­dings dar­über, wie ge­fähr­lich die Stof­fe wirk­lich für den Men­schen sind

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wirtschaft - VON ANDREAS SCHNURRENBERGER

Er­lan­gen/Ber­lin

Auch die­ses Jahr gibt es sie wie­der: Ad­vents­ka­len­der mit Mi­ne­ral­öl­be­stand­tei­len in der Scho­ko­la­de. In drei un­ter­such­ten Ka­len­dern hat das baye­ri­sche Lan­des­amt für Ge­sund­heit und Le­bens­mit­tel­si­cher­heit (LGL) ge­rin­ge Men­gen so­ge­nann­ter aro­ma­ti­scher Koh­len­was­ser­stof­fe nach­ge­wie­sen. Die­se ste­hen im Ver­dacht, ge­sund­heits­ge­fähr­den­de Stof­fe zu ent­hal­ten. Das teil­te die Be­hör­de ges­tern auf Drän­gen der Ver­brau­cher­or­ga­ni­sa­ti­on Food­watch mit. Wäh­rend Food­watch vor dem Ver­zehr der be­las­te­ten Pro­duk­te warnt, ge­ben die Be­hör­de und Ver­tre­ter der Le­bens­mit­tel­in­dus­trie Ent­war­nung.

Der Ver­zehr von Ad­vents­ka­len­der­scho­ko­la­de ge­be auf Grund­la­ge der vor­lie­gen­den Er­geb­nis­se „kei­nen An­lass zur Be­sorg­nis“, teil­te das LGL auf sei­ner In­ter­net­sei­te mit und ver­wies da­bei auf die üb­li­che Ver­zehr­men­ge: ein Stück pro Tag an 24 Ta­gen im Jahr. Un­ter­sucht hat­te das Amt ins­ge­samt fünf Ka­len­der, die be­reits im ver­gan­ge­nen Jahr mit Mi­ne­ral­öl ver­un­rei­nigt wa­ren. Mi­ne­ral­öl­rück­stän­de in Le­bens­mit­teln sind nach Ein­schät­zung des Bun­des­in­sti­tuts für Ri­si­ko­be­wer­tung grund­sätz­lich un­er­wünscht. Ei­nen ge­setz­li­chen Grenz­wert gibt es bis­her aber noch nicht.

Doch wie kann ei­gent­lich Mi­ne­ral­öl in Scho­ko­la­de ge­lan­gen? Zum Bei­spiel aus re­cy­cel­ten Kar­tons. Für die Her­stel­lung wird be­druck­tes Alt­pa­pier ver­wen­det, die Druck­far­ben kön­nen Mi­ne­ral­öle ent­hal­ten. Die­se kön­nen von der Ver­pa­ckung auf die Scho­ko­la­de über­ge­hen. Im ak­tu­el­len Test wur­den aber nur Frisch­fa­ser­kar­tons ver­wen­det. Es kann aber auch bei der Pro­duk­ti­on zu Ve­r­un­rei­ni­gun­gen kom­men. Et­wa über Schmier­mit­tel von Ma­schi­nen. Und man­che Ju­te­säcke, in de­nen Ka­kao­boh­nen trans­por­tiert kön­nen mit Mi­ne­ral­ölen im­prä­gniert sein.

Nach An­ga­ben von Food­watch wur­de in den fünf un­ter­such­ten Ka­len­dern jetzt er­neut Mi­ne­ral­öl nach­ge­wie­sen. Drei der Pro­duk­te sei­en mit „po­ten­zi­ell krebs­er­re­gen­den und erb­gut­schä­di­gen­den aro­ma­ti­schen Mi­ne­ral­ölen be­las­tet“, teilt die Ver­brau­cher­or­ga­ni­sa­ti­on mit. Es hand­le sich um die Pro­duk­te „San­ta Claus in town“von Net­to so­wie die Ka­len­der „Gol­do­ra Weih­nachts­mann mit Schlit­ten“und „Gol­do­ra Weih­nachts­mann mit Tie­ren“.

Food­watch warnt nun vor dem Ver­zehr der Scho­ko­la­de und for­dert Her­stel­ler, Han­del und Be­hör­den auf, die be­las­te­ten Pro­duk­te aus dem Ver­kauf zu neh­men. Des Wei- te­ren ver­langt die Or­ga­ni­sa­ti­on ei­nen öf­fent­li­chen Rück­ruf der Ka­len­der. „Ei­ne Be­las­tung mit aro­ma­ti­schen Mi­ne­ral­ölen ist ins­be­son­de­re für Kin­der un­zu­mut­bar. Wir er­war­ten jetzt kon­se­quen­tes Han­deln zum Schutz der Ge­sund­heit“, sagt Jo­han­nes Heeg von Food­watch.

Dem LGL wirft Food­watch vor, die Ge­sund­heits­ge­fähr­dung zu ver­harm­lo­sen. „Die Be­schwich­ti­gun­gen der baye­ri­schen Be­hör­de sind von der Wis­sen­schaft nicht ge­deckt und im Sin­ne des Ge­sund­heits­schut­zes in­ak­zep­ta­bel“, sagt Heeg. „Die Tests zei­gen er­neut, dass die Le­bens­mit­tel­bran­che das Mi­ne­ral­öl­pro­blem nicht ent­schie­den ge­nug an­geht, so­lan­ge der Ge­setz­ge­ber sie da­zu nicht zwingt. Si­che­re Grenz­wer­den, wer­te und ge­eig­ne­te Ver­pa­ckungs­ma­te­ria­li­en müs­sen um­ge­hend ge­setz­lich vor­ge­schrie­ben wer­den.“Bun­des­er­näh­rungs­mi­nis­ter Chris­ti­an Schmidt (CSU) spie­le wei­ter­hin die Rol­le des un­be­tei­lig­ten Zu­schau­ers. Dass Jah­re nach Be­kannt­wer­den des Pro­blems im­mer noch be­las­te­te Ad­vents­ka­len­der auf den Markt kom­men, sei ein „ge­mein­schaft­li­ches Ver­sa­gen von Her­stel­lern und Po­li­tik“, sagt Heeg.

Auch der Ver­brau­cher­schutz­ex­per­te der SPD im baye­ri­schen Land­tag, Flo­ri­an von Brunn, for­dert nun, al­le be­las­te­ten Pro­duk­te so­fort vom Markt zu neh­men. Das Pro­blem sei seit min­des­tens 2012 be­kannt. Da­mals hat­te die Stif­tung Wa­ren­test Ve­r­un­rei­ni­gun­gen fest­ge­stellt. Von Brunn kri­ti­siert auch, dass nur fünf Ka­len­der ge­tes­tet wur­den.

Der Bund für Le­bens­mit­tel­recht und Le­ben­mit­tel­kun­de (BLL) weist die Be­den­ken zu­rück. Rich­tig sei zwar, dass Mi­ne­ral­öl-Stoff­ge­mi­sche in Le­bens­mit­teln un­er­wünscht sei­en, da sie ge­sund­heit­lich be­denk­li­che Sub­stan­zen be­inhal­ten könn­ten. „Falsch ist je­doch, dass die we­ni­gen Pro­duk­te, in de­nen nach den er­folg­rei­chen Mi­ni­mie­rungs­maß­nah­men der Le­bens­mit­tel­bran­che über­haupt noch Rück­stän­de nach­weis­bar sind, ei­ne Ge­sund­heits­ge­fähr­dung der Kon­su­men­ten dar­stel­len“, teilt der Spit­zen­ver­band der deut­schen Le­bens­mit­tel­wirt­schaft mit.

„Die Scho­ko­la­de in den Ad­vents­ka­len­dern kann be­den­ken­los von Kin­dern und Er­wach­se­nen ver­zehrt wer­den. Wür­de ei­ne Ge­sund­heits­ge­fahr be­ste­hen, wür­den so­wohl Her­stel­ler als auch die amt­li­che Le­bens­mit­tel­über­wa­chung so­fort mit ei­nem Rück­ruf re­agie­ren“, sagt BLL-Haupt­ge­schäfts­füh­rer Chris­toph Min­hoff. Der Ver­brau­cher­or­ga­ni­sa­ti­on Food­watch wirft er vor, die Kon­su­men­ten un­an­ge­mes­sen zu ver­un­si­chern.

Fo­to: Patrick Pleul, dpa

In fünf Ad­vents­ka­len­dern hat das baye­ri­sche Lan­des­amt für Ge­sund­heit Rück­stän­de von Mi­ne­ral­ölen ge­fun­den.

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