Ver­hält­nis zur Tür­kei er­reicht neu­en Tief­punkt

EU Par­la­ment Bei­tritts­ge­sprä­che sol­len we­gen der Ver­haf­tungs­wel­le „ein­ge­fro­ren“wer­den. Re­gie­run­gen zö­gern, den Ab­ge­ord­ne­ten zu fol­gen

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Erste Seite - »Kom­men­tar (dpa, AZ)

Straß­burg

Die Be­zie­hun­gen der Eu­ro­päi­schen Uni­on zur Tür­kei ha­ben sich dra­ma­tisch ab­ge­kühlt: Mit brei­ter Mehr­heit hat das Eu­ro­pa­par­la­ment ein vor­über­ge­hen­des „Ein­frie­ren“der Bei­tritts­ge­sprä­che ge­for­dert. Die EU-Ab­ge­ord­ne­ten ver­lang­ten am Don­ners­tag in Straß­burg von der EU-Kom­mis­si­on und den Mit­glied­staa­ten, nicht wei­ter mit An­ka­ra über of­fe­ne Ver­hand­lungs­ka­pi­tel zu spre­chen und kei­ne neu­en zu er­öff­nen. Das EU-Par­la­ment re­agier­te da­mit auf die Ver­haf­tungs­wel­le in der Tür­kei nach dem Putsch­ver­such Mit­te Ju­li. Recht­lich bin­dend ist die Auf­for­de­rung nicht.

Des­we­gen konn­ten die Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­ten die tür­ki­sche Füh­rung zu­nächst nur we­nig be­ein­dru­cken. Die Mit­glied­staa­ten der Uni­on ha­ben näm­lich nicht die Ab­sicht, den Emp­feh­lun­gen der Straß­bur­ger Ab­ge­ord­ne­ten zu fol­gen. Die Re­gie­run­gen ha­ben Angst vor ei­ner er­neu­ten Es­ka­la­ti­on der Flücht­lings­kri­se. Ne­ben der Ab­schot­tung der Bal­kan­rou­te ist die en­ge Zu­sam­men­ar­beit mit der Tür­kei ein Grund da­für, dass sich die La­ge an den Gren­zen ent­spannt hat. Ein im März ge­schlos­se­ner Flücht­lings­pakt sieht vor, dass die EU al­le Mi­gran­ten, die il­le­gal über die Tür­kei auf die grie­chi­schen In­seln kom­men, zu­rück­schi­cken darf. Die Tür­kei droht im­mer wie­der da­mit, die Ver­ein­ba­rung auf­zu­kün­di­gen.

Der tür­ki­sche Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan hat­te be­reits vor der Straß­bur­ger Re­so­lu­ti­on er­klärt, dass er sie für wert­los hal­te. Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim be­kräf­tig­te dies am Don­ners­tag. „Die Be­zie­hun­gen mit der Eu­ro­päi­schen Uni­on sind oh­ne­hin nicht so eng“, sag­te er in An­ka­ra. Der tür­ki­sche EU-Mi­nis­ter Ömer Ce­lik nann­te die Ent­schei­dung „kurz­sich­tig und vi­si­ons­los“. Die Maß­nah­men der tür­ki­schen Re­gie­rung wäh­rend des Aus­nah­me­zu­stands zu kri­ti­sie­ren, sei „ei­ne Un­ge­rech­tig­keit ge­gen­über un­se­rem Land“.

Seit dem Putsch­ver­such wur­den bis­her in der Tür­kei nach Me­dien­be­rich­ten mehr als 36 000 Men­schen in Haft ge­nom­men. Mehr als 75 000 zi­vi­le Staats­be­diens­te­te und An­ge­hö­ri­ge der Si­cher­heits­kräf­te wur­den ent­las­sen, tau­sen­de wei­te­re sus­pen­diert. An­ka­ra wirft ih­nen Ver­bin­dun­gen zur Be­we­gung des in den USA le­ben­den Pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len vor, der für den Putsch­ver­such ver­ant­wort­lich sein soll.

Wich­tig war den Eu­ro­pa­po­li­ti­kern, dass es sich um ei­ne tem­po­rä­re For­de­rung han­de­le. Sie wol­len ih­re Po­si­ti­on über­prü­fen, so­bald die Tür­kei den Aus­nah­me­zu­stand auf­hebt. Ent­schei­dend soll dann sein, in­wie­weit wie­der rechts­staat­li­che Ver­hält­nis­se herr­schen und die Menschenrechte ge­ach­tet wer­den.

Im Fal­le ei­ner Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe sol­len die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen al­ler­dings au­to­ma­tisch sus­pen­diert wer­den. Für ei­ne Wie­der­auf­nah­me der Ge­sprä­che bräuch­te es da­nach ei­nen ein­stim­mi­gen Be­schluss der EU-Län­der. Er­do­gan hat mehr­fach die Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe ins Spiel ge­bracht.

Mit der Re­so­lu­ti­on hät­ten die Par­la­men­ta­ri­er deut­lich ge­macht, dass die Grund­wer­te Eu­ro­pas „nicht ver­han­del­bar“sei­en, sag­te der SP­D­Eu­ro­pa­po­li­ti­ker Ar­ne Lietz. Er warb da­für, die Tür zur Tür­kei nicht ganz zu­zu­schla­gen.

Der EU-Ab­ge­ord­ne­te Alex­an­der Graf Lambs­dorff (FDP) for­der­te da­ge­gen, noch ei­nen Schritt wei­ter­zu­ge­hen und den „ge­schei­ter­ten Bei­tritts­pro­zess“zu be­en­den.

Beim jüngs­ten EU-Au­ßen­mi­nis­ter­tref­fen hat­te sich le­dig­lich Ös­ter­reich für den Ab­bruch der Ver­hand­lun­gen aus­ge­spro­chen, an­de­re Staa­ten hat­ten eher für Zu­rück­hal­tung plä­diert.

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