Die stil­le Re­ser­ve der CSU

Hin­ter­grund Man­fred We­ber ist kein Laut­spre­cher. Trotz­dem dürf­te der Eu­ro­pa-Po­li­ti­ker schon bald noch mäch­ti­ger wer­den. Wä­re er auch ein Mann für die Zeit nach Horst See­ho­fer?

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Politik - VON MICHA­EL STIFTER

Augs­burg Man­fred We­ber macht es so, wie er es im­mer macht: Er nimmt sich selbst nicht so wich­tig. Da­bei scheint die Sa­che auf den ers­ten Blick doch völ­lig klar zu sein: Wer, wenn nicht er, soll nächs­ter EU-Par­la­ments­prä­si­dent wer­den? Doch der 44-Jäh­ri­ge ist kei­ner, der die Of­fen­si­ve sucht. Ob­wohl We­ber als gro­ßer Fa­vo­rit auf die Nach­fol­ge von Mar­tin Schulz gilt, will das in sei­nem Um­feld nie­mand be­stä­ti­gen – und er selbst schon gar nicht. Für die­se de­mons­tra­ti­ve Zu­rück­hal­tung gibt es gleich meh­re­re Grün­de.

We­ber ist als Chef der kon­ser­va­ti­ven EVP-Frak­ti­on so gut ver­netzt wie kaum ein an­de­rer in Brüs­sel. Ein Mann, der zu­hö­ren kann. Des­halb hat er auch ein ziem­lich gu­tes Ge­spür für die Be­find­lich­kei­ten und Stim­mun­gen un­ter den Ab­ge­ord­ne­ten. Und so kennt er na­tür­lich auch das Ar­gu­ment, das die Kol­le­gen zu­min­dest hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand am häu­figs­ten ge­gen ihn vor­brin­gen: Mit We­ber wür­de – schon wie­der – ein Deut­scher an der Spit­ze des Par­la­ments ste­hen. Um­so wich­ti­ger wird es nun sein, dass er nicht do­mi­nant sei­nen ei­ge­nen Macht­an­spruch an­mel­det. An­de­rer­seits: Ein Ge­gen­kan­di­dat aus den ei­ge­nen Rei­hen, der es in Sa­chen Ein­fluss und Be­kannt­heit mit dem bo­den­stän­di­gen Nie­der­bay­ern auf­neh­men könn­te, ist nicht in Sicht. In­si­der sind si­cher: Wenn der weit über die Gren­zen sei­ner ei­ge­nen Frak­ti­on hin­aus ge­schätz­te We­ber das Amt wirk­lich will, wird er es auch be­kom­men. Und nicht nur das: Als Par­la­ments­prä­si­dent wä­re er auch in der bes­ten Aus­gangs­la­ge, um nach der nächs­ten Eu­ro­pa-Wahl als ers­ter Deut­scher so­gar Chef der mäch­ti­gen EU-Kom­mis­si­on zu wer­den. Doch es gibt noch ei­nen zwei­ten Grund, war­um We­ber trotz al­lem zö­gert. Wenn es gut läuft, kann der Pos­ten des Par­la­ments­prä­si­den­ten, wie im Fall von Mar­tin Schulz, zum Sprung­brett für die ei­ge­ne Kar­rie­re in der Hei­mat wer­den. Es könn­te aber auch pas­sie­ren, dass We­ber da­mit für al­le Zei­ten auf das Brüs­se­ler Gleis ab­biegt – oh­ne Rück­fahr­ti­cket nach Mün­chen. Dort, wo er einst im Land­tag saß, sieht ihn man­cher als stil­le Per­so­nal­re­ser­ve der CSU.

Aktuell spielt der stell­ver­tre­ten­de Par­tei­chef in der Dis­kus­si­on um die Nach­fol­ge von Horst See­ho­fer al­len­falls ei­ne Ne­ben­rol­le. Sein Na­me fällt zwar im­mer wie­der, doch die Fa­vo­ri­ten hei­ßen an­ders. Das mag auch dar­an lie­gen, dass er selbst zu den we­ni­gen ver­blie­be­nen Mer­kel­Ver­ste­hern in der CSU ge­hört, ei­ne ra­di­ka­le Ab­gren­zung von Po­si­tio­nen der AfD for­dert und kei­ne Ober­gren­ze für die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen for­dert. An Mar­kus Sö­der und Joa­chim Herr­mann kommt er so kaum vor­bei – je­den­falls nicht zum jet­zi­gen Zeit­punkt.

So spricht ei­ni­ges da­für, dass We­ber in den kom­men­den Wo­chen vie­le Ge­sprä­che hin­ter ver­schlos­se­nen Brüs­se­ler Tü­ren füh­ren wird, bis sich der bes­te Kan­di­dat für die Schulz-Nach­fol­ge her­aus­kris­tal­li­siert hat: näm­lich er selbst. Ei­ne Hin­ter­tür für die Rück­kehr nach Bay­ern blie­be trotz­dem noch of­fen – al­ler­dings eher für den Fall, den sich ein CSU-Po­li­ti­ker kaum wün­schen kann: Hat sei­ne Par­tei bei der Bun­des­tags­wahl im kom­men­den Jahr und bei der Land­tags­wahl ein Jahr spä­ter Er­folg, wird wohl kaum noch je­mand nach dem Mann aus Brüs­sel ru­fen. Soll­te die CSU ih­re Zie­le al­ler­dings ver­feh­len, könn­te doch noch die St­un­de des Man­fred We­ber in Mün­chen schla­gen. Er ist jung ge­nug, um auf sei­ne Chan­ce zu war­ten. Aber das wür­de der lei­se Ge­gen­ent­wurf zu Mar­kus Sö­der na­tür­lich nie­mals laut sa­gen.

Fo­to: dpa

Ich? Ja, er. Man­fred We­ber gilt als Fa­vo­rit auf die Nach­fol­ge von Mar­tin Schulz.

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