Nah­les ist noch nicht am Ziel

So­zi­al­po­li­tik Die Mi­nis­te­rin will heute ein ei­ge­nes Ren­ten-Kon­zept vor­stel­len. Ges­tern ver­stän­dig­ten sich SPD und Uni­on be­reits auf Re­for­men – be­son­ders um­strit­te­ne Fra­gen lie­ßen sie aber of­fen

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Politik -

Ber­lin

Sig­mar Ga­b­ri­el kam als Letz­ter und fuhr als Ers­ter wie­der ab. Sei­ne Ren­ten­stra­te­gie muss der SPD-Chef durch die zwei­ein­halb St­un­den da­zwi­schen im Kanz­ler­amt nicht um­krem­peln: Der Ein­satz ge­gen künf­ti­ge Al­ters­ar­mut kommt nun wohl un­wei­ger­lich in den Wahl­kampf. Hier gibt es kei­ne ge­mein­sa­men Schrit­te von Uni­on und SPD.

Da­für kommt die „Ren­ten­ein­heit“– al­ler­dings fünf Jah­re spä­ter als ver­spro­chen. Nicht „30 Jah­re nach Her­stel­lung der Ein­heit Deutsch­lands“sol­len die Ren­ten in Ost und West voll­stän­dig an­ge­gli­chen wer­den – son­dern 35 Jah­re da­nach. Das dämpft die Kos­ten und min­dert vor­aus­sicht­lich auch den Är­ger in Ost­deutsch­land dar­über, dass bis da­hin auch die Hö­her­wer­tung der Ost­löh­ne bei der Ren­te en­den soll. Ren­ten­ex­per­ten in der Ko­ali­ti­on be­wer­ten das als „gu­te Lö­sung“– Nach­tei­le für Neu­rent­ner im Os­ten hiel­ten sich so in Gren­zen.

Die Ost-West-An­glei­chung soll An­fang 2018 be­gin­nen. Be­reits bis­her stie­gen die Ost­ren­ten in der Re­gel stär­ker als je­ne im Wes­ten. So re­du­zier­te sich der Ost-West-Ab- stand mit der Ren­ten­er­hö­hung zum 1. Ju­li von 7,4 Pro­zent im zwei­ten Halb­jahr 2015 auf 5,9 Pro­zent im zwei­ten Halb­jahr 2016. Der Ren­ten­wert – die mo­nat­li­che Ren­te für ein Jahr Be­schäf­ti­gung mit Durch­schnitts­lohn – liegt im Os­ten aber im­mer noch nur bei 28,66, im Wes­ten bei 30,45 Eu­ro. Das Ost­ni­veau macht der­zeit 94,1 Pro­zent des West­ni­veaus aus.

Mehr als im Ko­ali­ti­ons­ver­trag vor­ge­se­hen soll es für die Men­schen mit Er­werbs­min­de­rung ge­ben, al­ler­dings ge­streckt erst bis 2024. Dann sol­len Per­so­nen, die we­gen Krank­heit früh aus dem Job aus­stei­gen müs­sen, ren­ten­recht­lich so be­han­delt wer­den, als ob sie bis 65 ge­ar­bei­tet ha­ben.

Am wei­tes­ten ist die Ko­ali­ti­on bei der Be­triebs­ren­te – hier gibt es seit Wo­chen ei­nen Ge­setz­ent­wurf, der mit Zu­schlä­gen, ei­ner Stär­kung der ta­rif­ver­trag­li­chen Mög­lich­kei­ten und dem Weg­fall von Haf­tungs­ri­si­ken für Un­ter­neh­men die­se Form der Zu­satz­vor­sor­ge stär­ken will. Das soll jetzt rasch ins Par­la­ment. Der Bun­des­ver­band der Ver­brau­cher­zen­tra­len ist un­zu­frie­den – er for­dert ei­ne ra­di­ka­le­re Ver­ein­fa­chung der be­trieb­li­chen Al­ters­vor­sor­ge.

Im Kampf ge­gen künf­ti­ge Al­ters­ar­mut gibt es da­ge­gen nichts Neu­es. So­zi­al­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les (SPD) konn­te die Uni­on nicht so schnell von ih­rem Kon­zept ei­ner So­li­dar-Ren­te über­zeu­gen. Auch an­ge­sichts der Mil­li­ar­den­kos­ten für er­wo­ge­ne Auf­schlä­ge auf die Grund­si­che­rung hat sie das aber wohl selbst nicht er­war­tet. Ein Auf­schlag auf die Grund­si­che­rung hat kann sich die SPD dann wohl im Wahl­kampf auf die Fah­nen schrei­ben – eben­so dürf­te die Kern­fra­ge vor der Bun­des­tags­wahl 2017 hit­zig dis­ku­tiert wer­den, wie sich die Ren­ten und die Bei­trä­ge in den kom­men­den 30 Jah­ren ent­wi­ckeln sol­len. Denn die Ba­by­boo­mer-Ge­ne­ra­ti­on geht erst noch in Ren­te.

Und die Nah­les-For­mel von der „dop­pel­ten Hal­t­el­i­nie“für das künf­ti­ge Ren­ten­ni­veau und für die Bei­trä­ge ist mitt­ler­wei­le auch bei der Uni­on als grund­sätz­li­ches Ziel an­er­kannt. Doch über das Ren­ten­ni­veau schweigt sich die Ko­ali­ti­on am spä­ten Don­ners­tag­abend nach dem Gip­fel im Kanz­ler­amt erst ein­mal aus.

Im­mer­hin – auch von ei­ner Ren­ten­kom­mis­si­on ist zu­nächst nicht mehr die Re­de. Zu die­sen Er­wä­gun­gen hat­te es be­reits im Vor­feld ei­ni­gen Spott ge­ge­ben: DGB-Chef Rei­ner Hoff­mann sag­te in ei­nem In­ter­view der Pas­sau­er Neu­en Pres­se, die Par­tei­en büß­ten wei­ter Glaub­wür­dig­keit ein, wenn sie nach dem Mot­to vor­gin­gen: Wenn du nicht mehr wei­ter weißt, dann grün­de ei­nen Ar­beits­kreis.

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