Lu­i­gi Ma­ler­ba – Die nack­ten Mas­ken (48)

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wetter | Roman -

Wer als Re­nais­sance Kar­di­nal ein las­ter und lot­ter­haf­tes Le­ben in Rom ge­wöhnt war, dem konn­te es nicht in den Kram pas­sen, wenn ein neu­er Papst ge­wählt wird, der auf­räu­men möch­te mit al­len Or­gi­en . . .

Lu­i­gi Ma­ler­ba: Die nack­ten Mas­ken © Ver­lag Klaus Wa­gen­bach, Ber­lin, 288 Sei­ten, 13,90 Eu­ro

Viel­leicht schlief der lie­be Gott zu die­ser St­un­de, und auch wenn er nicht schläft, sag­te er sich, dann sieht er viel­leicht die Sün­den nicht, die wir im Dun­keln be­ge­hen.

Arzt der Be­ses­se­nen

Der al­te Co­dron­chi, Ober­hof­me­di­kus und Arzt für die Be­ses­se­nen, be­rühmt, weil er Teu­fel und Kar­di­nä­le vom wis­sen­schaft­li­chen Stand­punkt her er­forscht hat­te, wohn­te am En­de der Via Leu­tri in ei­nem klei­nen Haus, des­sen Fas­sa­de mit Ma­le­rei­en und Graf­fi­ti ge­schmückt war wie bei den Häu­sern der Kur­ti­sa­nen. Der Dia­kon Bal­das­sa­re wur­de von ei­ner schlur­fen­den Be­die­ne­rin emp­fan­gen, die ihn ins Sprech­zim­mer des Arz­tes im Erd­ge­schoß führ­te. Gio­van Bat­tis­ta Co­dron­chi saß in dem ge­räu­mi­gen halb­dunk­len Zim­mer hin­ter ei­nem gro­ßen, mit Bü­chern über­häuf­ten Schreib­tisch. Aber der Blick des Dia­kons fiel so­gleich auf ein Bild, aus dem die ent­geis­ter­ten Au­gen zwei­er Hei­li­ger di­rekt auf die Zim­mer­tür blick­ten. Der Dia­kon er­kann­te so­fort die Hei­li­gen Kos­mas und Da­mi­an, frei­wil­li­ge Hel­fer, Wun­der­tä­ter, Schutz­hei­li­ge der Ärz­te, Zwil­lings­brü­der ara­bi­scher Her­kunft, was auch an den spit­zen Na­sen und den lan­gen und fei­nen Au­gen­brau­en er­sicht­lich war. Der Dok­tor, ganz klein und dürr und noch äl­ter als der Dia­kon er­war­tet hat­te, er­hob sich mit Mü­he und kna­cken­den Kno­chen von sei­nem Ses­sel und kam ihm mit ei­ner Gri­mas­se ent­ge­gen, die ein Lä­cheln sein soll­te.

„Al­so, wel­ches Übel hat dich in mein Haus ge­führt?“

Der Dia­kon war froh, das The­ma, das ihm am Her­zen lag, oh­ne die Hür­de ei­ner gro­ßen Ein­lei­tung an­zu­ge­hen.

„Mir ge­schieht die­se selt­sa­me Sa­che, Dok­tor, daß ich je­des­mal nie­sen muß, wenn ich an ei­ner Kir­che vor­bei­ge­he. Wenn ich dann ein­tre­te und mich dem Al­ler­hei­ligs­ten nä­he­re, packt mich ein so tief­sit­zen­der und er­bit­ter­ter Hus­ten, daß es mir vor­kommt, als spuck­te ich mei­ne See­le aus dem Leib. We­gen die­ses Nie­sens und Hus­tens hat der Pri­or mei­nes Klos­ters ge­sagt, daß viel­leicht ein Teu­fel in mei­nen Kör­per ein­ge­drun­gen sei. Aber ich spü­re die­sen Teu­fel nicht, und eben des­we­gen bin ich jetzt zu Euch ge­kom­men, da­mit Ihr mir auf­grund Eu­res Wis­sens und Eu­rer Er­fah­rung sagt, ob die­se kör­per­li­chen Zwi­schen­fäl­le ge­nü­gen, um mich als ei­nen Be­ses­se­nen zu be­zeich­nen.“

„Ich bin Arzt, und be­schäf­ti­ge mich des­halb mit dem Leib und nicht mit der See­le. Als ers­te Re­ak­ti­on auf das, was du sagst, bin ich ge­neigt zu glau­ben, daß dein Nie­sen auf kal­te Luft­zü­ge oder plötz­li­che Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen zu­rück­zu­füh­ren ist. Be­kannt­lich ist in Rom die Luft zu al­len Jah­res­zei­ten un­stet wie ei­ne Bal­let­tän­ze­rin. Der Hus­ten al­ler­dings ist ein tie­fer sit­zen­des Phä­no­men und glei­cher­ma­ßen in­dis­zi­pli­niert, ob er nun von ei­ner Hals­ent­zün­dung oder von ei­nem Lun­gen­krampf aus­ge­löst wird, aber es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, daß das ei­ne wie das an­de­re Phä­no­men auf der Prä­senz ei­nes oder meh­re­rer Teu­fel im Kör­per be­ruht. Dar­um be­steht mei­ne Auf­ga­be da­rin zu er­for­schen, ob es noch an­de­re Sym­pto­me gibt, die ei­ne sol­che Prä­senz ver­ra­ten.“

Der Arzt er­griff das Hand­ge­lenk des Dia­kons und kon­zen­trier­te sich dar­auf, den Rhyth­men sei­nes Puls­schlags zu fol­gen. Nach ei­ni­gen Mi­nu­ten hob er den Blick zu sei­nem Pa­ti­en­ten und mach­te ei­ne ge­hö­ri­ge Pau­se, so als müs­se er noch über­le­gen, be­vor er ein Ur­teil fäll­te.

„An den Puls­schlä­gen spürt man kei­ner­lei teuf­li­sche Prä­senz.

Ge­wöhn­lich ge­nügt ein ein­zi­ger Teu­fel, um den gan­zen Kör­per in Un­ru­he zu ver­set­zen. Der Puls re­flek­tiert die in­ne­ren Stür­me durch plötz­li­ches Stol­pern und un­re­gel­mä­ßi­ge Be­schleu­ni­gung oder Ver­lang­sa­mung. Nichts von al­le­dem ist bei dir zu spü­ren.“

Der Dia­kon freu­te sich im stil­len über die­sen ers­ten Be­scheid. Dann pack­te der Dok­tor ihn am Arm und zog ihn zu sich her­ab, um ihm von na­hem in die Au­gen zu se­hen.

„Hier ist et­was, das mir nicht ge­fällt“, sag­te er und hob für ei­ne kur­ze Wei­le den Blick.

Dann sah er wie­der zu­erst in das ei­ne, dann in das an­de­re Au­ge, wo­bei er die Li­der mit den Fin­gern hoch­hob und ihm sei­nen war­men Atem in die Au­gen blies.

„Da ist es“, sag­te der Dok­tor, „ich se­he da et­was wie ei­ne ro­te Fi­gur, die auch die­je­ni­ge des Bö­sen sein könn­te. Ei­ne Rö­tung im Au­ge und grü­ne Stri­che in der Pu­pil­le sind ge­wöhn­lich ein Si­gnal, das aus den Schwe­fel­flam­men kommt, in die Sa­tan sich hüllt. Spürst du ein Bren­nen in den Au­gen?“

„Ich spü­re ein Bren­nen, Dok­tor, aber ich bin durch den Wind ge­lau­fen und mir ist Staub in die Au­gen ge­kom­men. Es kann der Bö­se sein, wie Ihr sagt, aber eher noch könn­te es der Stra­ßen­staub sein.“

„Wind und Staub sind ele­men­ta­re Fol­gen des stür­mi­schen Wet­ters, aber es sind auch In­stru­men­te, de­rer sich der Bö­se zu­wei­len be­dient.“

Der Dok­tor schloß ei­nen Mo­ment lang die Au­gen, dann fuhr er fort, den Dia­kon aus­zu­fra­gen.

„Ver­ur­sacht das Aus­spre­chen des Na­mens Got­tes bei dir see­li­sche Er­schüt­te­run­gen und in­ne­re Stür­me?“„Nein.“„Und das Zei­chen des Kreu­zes?“„Nur wenn ich mich ei­ner Kir­che nä­he­re oder sie be­tre­te. Es sind die Or­te Got­tes und nicht sein Na­me, die mir die Be­schwer­den ver­ur­sa­chen, von de­nen ich ge­spro­chen ha­be.“Der Dok­tor sah ihn mit der ei­si­gen Mie­ne ei­nes In­qui­si­tors an.

„Ein ge­mein­sa­mes Sym­ptom der Be­ses­se­nen ist ein läs­ti­ges Krib­beln un­ter der Haut, wie von Amei­sen, die un­ter der Haut durch­lau­fen, hin­ter den Oh­ren oder an Ar­men und Hän­den.“

„Nein, ich glau­be die­ses Amei­senkrib­beln ha­be ich nicht.“

„Pal­pi­ta­tio­nen auf der Haut? Plötz­li­ches Klop­fen da oder dort an der Ober­flä­che des Kör­pers?“

„Ich wür­de sa­gen nein, so­weit ich mich er­in­ne­re.“

„Plötz­li­che Wär­me, auch im Win­ter, die vom Kopf aus zu den Fü­ßen ab­sinkt und von den Fü­ßen wie­der in den Kopf steigt?

Wie ein grund­lo­ses Fie­ber von kur­zer Dau­er?“

„Ich füh­le die Wär­me des Fie­bers, wenn ich Fie­ber ha­be, sonst nicht.“

„Ge­schieht es dir, daß du ei­nen Kloß im Hals spürst, der sich aus­dehnt und dir in­fol­ge von Über­at­mung fast die Luft­röh­re ver­schließt und dann so tro­cken und hart wird, daß dei­ne Stim­me sich trübt?“

Den Dia­kon durch­lief ein Schau­er. Daß den Hals ein er­sti­cken­der Kloß ver­schloß, das hat­te er dem Kar­di­nal del­la Tor­re durch je­ne Ver­he­x­ung an­ge­tan. Ob der Bö­se in je­ner Nacht in den Leib des Kar­di­nals trans­mi­griert war? Aber mehr als ein Ge­dan­ke war es der Wunsch, daß die Rol­len jetzt ver­tauscht sei­en und der Kar­di­nal nun für sich selbst ei­nen Ex­or­zis­ten su­chen müs­se.

„Ich ha­be nie ei­nen sol­chen Kloß im Hals ge­habt, Dok­tor“, sag­te der Dia­kon.

„Ei­ne ge­schwol­le­ne Zun­ge, die aus dem Mund tritt und sich drau­ßen ver­län­gert wie bei ei­nem Er­häng­ten?“»49. Fort­set­zung folgt

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