Der Haus­meis­ter vom Müns­ter

Be­ruf Ernst-Eber­hard Rol­ler ist Mes­ner in der Kir­che mit dem höchs­ten Kirch­turm der Welt. Er passt auf, dass al­les or­dent­lich ist. Und er darf et­was tun, was sonst kei­ner darf

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Bayern - VON FELICITAS MACKETANZ

Ernst-Eber­hard Rol­ler hat ei­nen ganz be­son­de­ren Ar­beits­platz. Dort, wo man­che Men­schen zum Be­ten hin­ge­hen, muss er put­zen, Glo­cken läu­ten oder so­gar un­ge­be­te­ne Gäs­te ver­scheu­chen. Der 59-Jäh­ri­ge ar­bei­tet näm­lich als Mes­ner im Ul­mer Müns­ter.

Ein Mes­ner ist ein Kir­chen­die­ner oder ganz ein­fach ge­sagt: Er ist der Haus­meis­ter vom Ul­mer Müns­ter. Herr Rol­ler hält die Kir­che in Schuss, putzt sie zu­sam­men mit ei­ner Putz­frau und küm­mert sich um die Vor­be­rei­tun­gen für den Got­tes­dienst. Doch das ist längst nicht al­les, was er in sei­nem Ar­beits­all­tag er­le­di­gen muss.

„Für die­sen Be­ruf muss man fle­xi­bel sein, das ist ganz klar“, sagt der ge­lern­te Or­gel­bau­er und Schrei­ner. Denn Herr Rol­lers Ar­beits­tag be­ginnt schon sehr früh und am Wo­che­n­en­de, wenn man­che Men­schen noch schla­fen, be­rei­tet er die Kir­che schon auf be­vor­ste­hen­de Got­tes­diens­te vor. „Am Sonn­tag be­gin­ne ich mei­ne Ar­beit um 6.30 Uhr“, er­zählt er. Sonn­tags fin­den im Ul­mer Müns­ter min­des­tens drei Got­tes­diens­te zwi­schen 8 Uhr und 18 Uhr statt. „Je nach An­zahl von Got­tes­diens­ten bin ich dann schon von 6.30 Uhr bis

19.30 Uhr in der Kir­che“, sagt Rol­ler. Da­für hat der Kir­chen­Haus­meis­ter mon­tags frei.

Doch oft wer­de er auch kurz­fris­tig ge­ru­fen. Zum Bei­spiel, wenn die Po­li­zei wie­der je­man­den in der Kir­che ver­mu­tet, der da gar nichts zu su­chen hat. „Als die Turm­klet­te­rer da wa­ren, ha­ben mich die Po­li­zis­ten an­ge­ru­fen, da­mit ich den Be­am­ten die Tü­ren zum Turm öff­ne.“Turm­klet­te­rer sind Men­schen, die ver­bo­ten auf Ge­bäu­de kra­xeln und Fo­tos oder Vi­de­os von die­ser le­bens­ge­fähr­li­chen Ak­ti­on ins In­ter­net stel­len.

Aber Herr Rol­ler hat auch mit ganz all­täg­li­chen Din­gen zu tun: Ge­ra­de läuft sei­ne Putz­frau vor­bei und sagt ihm, dass ein Be­trun­ke­ner auf ei­ner Bank im Müns­ter sitzt. Herr Rol­ler küm­mert sich um den Mann, bringt ihn nach drau­ßen. „Auch Bett­ler kom­men in die Kir­che. Das ist aber ver­bo­ten. Die schi­cken wir wie­der raus“, sagt er.

Das ist im Ul­mer Müns­ter al­ler­dings nicht im­mer ganz ein­fach. Tau­sen­de Men­schen kom­men je­des Jahr hier­her, um den höchs­ten Kirch­turm der Welt zu se­hen. So­gar jetzt im No­vem­ber schlen­dern ei­ni­ge Tou­ris­ten durch das lan­ge Mit­tel­schiff – so nennt man den Haupt­raum ei­ner Kir­che. Nor­ma­ler­wei­se gibt es im Ul­mer Müns­ter et­wa 2000 Sitz­plät­ze.

Der 59-jäh­ri­ge Mes­ner darf je­doch et­was tun, das sonst kei­ner darf: Er läu­tet die Kir­chen­glo­cken. Die Glo­cken, die die Uhr­zeit an­kün­di­gen, läu­ten au­to­ma­tisch. Aber die Glo­cken, die ei­nen Got­tes­dienst an­kün­di­gen, die be­dient Herr Rol­ler. Du denkst jetzt viel­leicht, der Mes­ner hängt sich da­bei mit al­ler Kraft an ein Seil in der Glo­cke. Das ist falsch. Ob­wohl der Bau der Kir­che im Mit­tel­al­ter be­gon­nen wur­de, wer­den die Glo­cken mitt­ler­wei­le mit klei­nen, elek­tri­schen Schal­tern be­dient. Je­de Glo­cke hat ei­ne Num­mer von eins bis neun. „Die Eins ist die Glo­cke, mit dem tiefs­ten Klang“, er­klärt Herr Rol­ler. Tippt er an den Schal­ter mit der „Eins“wird die Glo­cke durch ei­nen Elek­tro­mo­tor be­trie­ben und läu­tet. Oh­ne mensch­li­che Kraft.

Wenn die Glo­cke läu­tet, klin­gen die Tö­ne meist noch ei­ne Mi­nu­te nach. Des­we­gen muss Herr Rol­ler ge­nau ein­pla­nen, wann er die Glo­cken läu­tet. „Die Tö­ne sol­len nicht län­ger als ei­ne hal­be Vier­tel­stun­de, al­so sie­ben­ein­halb Mi­nu­ten zu hö­ren sein.“

Heute ist das Müns­ter üb­ri­gens von ei­nem Ge­rüst ein­ge­zäunt. Der Grund: Der Kal­kund Sand­stein, aus dem die Kir­che ge­baut wur­de, ist so alt, dass die St­ei­ne er­neu­ert wer­den. Das dau­ert wohl noch zehn Jah­re, ver­mu­tet Herr Rol­ler.

Fo­to: Alex­an­der Ka­ya

Das ist das Ul­mer Müns­ter von oben be trach­tet. Es hat den höchs­ten Kirch­turm der Welt.

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