Mensch Lu­ther

In­ter­view Wie war der Re­for­ma­tor pri­vat? Die Ox­ford-His­to­ri­ke­rin Lyn­dal Roper hat sich da­mit be­schäf­tigt. Und da­bei her­aus­ge­fun­den, was Fä­kal­spra­che mit Glau­ben zu tun hat

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Feuilleton -

Was für ein Mensch war Lu­ther?

Lyn­dal Roper: Ein wi­der­sprüch­li­cher Mensch. Er muss ei­ne cha­ris­ma­ti­sche Aus­strah­lung ge­habt ha­ben. Oft wer­den Lu­thers dunk­le Au­gen be­schrie­ben und sein boh­ren­der Blick. Er hat­te die Fä­hig­keit, sich in die La­ge an­de­rer Men­schen hin­ein­zu­ver­set­zen. Er kann­te ih­re Schwach­stel­len. Er konn­te ein wun­der­ba­rer Trös­ter sein, aber Men­schen aber auch rich­tig nie­der­ma­chen.

Sie ha­ben die Ge­schich­te der Re­for­ma­ti­on als Kör­per­ge­schich­te Lu­thers neu ge­schrie­ben und Lei­bes­fül­le, Ver­stop­fung und an­de­re kör­per­li­chen Aspek­te ein­be­zo­gen. Was ha­ben Darm­träg­heit und Kopf­schmer­zen mit sei­ner Leh­re und sei­nem Den­ken zu tun?

Roper:

Lu­ther be­ton­te die in der christ­li­chen Theo­lo­gie üb­li­che Un­ter­schei­dung zwi­schen Fleisch und Geist nicht so stark. Er ver­ein­te Leib und Geist und lehn­te das Fleisch­li­che nicht ab. Er dach­te zum Teil mit dem Kör­per und durch den Kör­per. Sei­ne Er­fah­rung mit Gott ist ei­ne kör­per­li­che. Vor al­lem die An­grif­fe des Teu­fels wer­den kör­per­lich er­fah­ren.

Ist Ver­stop­fung ein An­griff des Teu­fels?

Roper:

Ver­stop­fung hat­te Lu­ther auf der Wart­burg. Das schob er da aber nicht auf den Teu­fel. Auf der Wart­burg war Lu­thers Krea­ti­vi­tät blockiert. Vor­her war er in al­ler Öf­fent­lich­keit und nun plötz­lich al­lein. Sei­ne Wer­ke konn­te er nicht zum Dru­cker brin­gen, er war auf sei­nen Freund Spa­la­tin an­ge­wie­sen. Aber der mach­te das nicht. So ka­men die wich­tigs­ten Schrif­ten nicht her­aus. Lu­ther muss­te selbst nach Wit­ten­berg ge­hen, und das war ge­fähr­lich. Die­ser kör­per­li­che Zu­stand hängt be­stimmt mit den Er­fah­run­gen in der Wart­burg zu­sam­men, völ­lig ab­ge­schie­den von der Welt zu sein, oh­ne die Füh­rungs­rol­le in der Re­for­ma­ti­on.

Wel­che Be­deu­tung hat­te der Lei­bes­um­fang Lu­thers für die Re­for­ma­ti­on? Er wur­de im­mer kor­pu­len­ter und nann­te sich „der feis­te Doc­tor“.

Lu­ther nahm zu. Das sieht man auch auf den Cra­nach-Bil­dern. Das war pro­ble­ma­tisch, denn die meis­ten Hei­li­gen wa­ren ma­ger und As­ke­ten. Das war Lu­ther eben nicht: Er war an­ti-as­ke­tisch durch und durch und er kämpf­te ge­gen das Mönch­tum. Die­se Lei­bes­fül­le wur­de auch ein Zei­chen sei­ner Au­to­ri­tät. Die Künst­ler deu­te­ten sie um und mach­ten aus et­was Ne­ga­ti­vem et­was Po­si­ti­ves.

Roper:

Sie sind auch tief in Lu­thers See­len­land­schaft ein­ge­taucht. Was ha­ben Sie dort ge­fun­den?

Er hat­te sehr viel Hu­mor, und er war je­mand, der im­mer mit dem Glau­ben ringt. Man kann Lu­ther viel ver­zei­hen, weil er nicht die­se Selbst­si­cher­heit hat­te, die kein Wenn und Aber er­laubt. Er war je­mand, der dau­ernd an An­fech­tun­gen litt, bis zu sei­nem Tod. Man könn­te das als Me­lan­cho­lie be­zeich­nen, aber es hat mit dem Glau­ben zu tun. Das macht ihn zu ei­ner Per­sön-

Roper:

lich­keit mit ei­ner ge­wis­sen Tie­fe. Auch wenn er ab­so­lut un­mög­lich sein konn­te und sehr hart und grob war. Aber die Di­rekt­heit hing auch mit sei­nem Hu­mor zu­sam­men.

Lu­ther war grob, sa­gen Sie. Er ist ja auch be­rühmt für sei­ne Fä­kal­spra­che, sei­ne der­ben und se­xis­ti­schen Wit­ze, die er gern bei sei­nen Tisch­ge­sprä­chen mach­te. Wie kam das bei sei­nen Zu­hö­rern an?

Fä­kal­spra­che war da­mals nicht un­üb­lich. Wir fin­den das heute

Roper:

ab­so­lut un­mög­lich und pa­tho­lo­gi­sie­ren es. Das kommt von ei­ner prü­den Psy­cho­ana­ly­se. Bei Lu­ther hat der Be­zug auf Ana­les viel mit Spiel und Krea­ti­vi­tät zu tun.

Ha­ben Sprü­che wie „Aus ei­nem ver­zag­ten Arsch kommt kein fröh­li­cher Furz“et­was mit Lu­thers Glau­ben zu tun?

Roper:

Ja. Er be­schreibt, wie man den Teu­fel mit ei­nem Furz weg­ja­gen kann. Er meint, dass man das Schmut­zi­ge im Kör­per ge­gen den Teu­fel an­wen­den kann.

Den Teu­fel gab es für Lu­ther al­so wirk­lich?

Als Prä­senz ja. Lu­ther be­schreibt nicht, wie der Teu­fel aus­sieht, aber wie er mit ihm ringt. Und das fin­det zum Teil in sei­nem Kör­per statt. Zahn­weh, Kopf­schmer­zen, das wa­ren für Lu­ther die Schlä­ge des Teu­fels.

Roper:

Wel­che Rol­le spiel­te die Hei­rat Lu­thers mit der Non­ne Kat­ha­ri­na von Bo­ra 1525?

Er be­schreibt es so, dass er mit der Ehe dem Teu­fel trot­zen woll­te. Aber es war ein Wag­nis. Dass ein Mönch ei­ne Non­ne hei­ra­te­te, be­deu­te­te, das Gelüb­de dop­pelt zu bre­chen.

Roper:

Lu­thers schlim­mer An­ti­se­mi­tis­mus ist ei­ne kom­pli­zier­te Erb­schaft für den Pro­tes­tan­tis­mus. Wo­her rühr­te sein Hass auf die Ju­den?

Das ist sehr schwer zu er­klä­ren. Es gibt auch ei­ne Schrift, in der er für die Ju­den ein­trat, aber gleich­wohl soll­ten sie sich be­keh­ren. Man hat ver­sucht, Lu­thers Hass auf Ju­den da­mit zu er­klä­ren, dass er ent­täuscht dar­über war, dass sie sich nicht be­kehrt hät­ten. Aber das stimmt nicht ganz. Ich mei­ne, Lu­thers An­ti­se­mi­tis­mus hängt da­mit zu­sam­men, dass es ge­wis­se Ähn­lich­kei­ten zwi­schen sei­ner und der jü­di­schen Theo­lo­gie gibt und dass er die­se Po­si­ti­on vom aus­er­wähl­ten Volk für die Pro­tes­tan­ten re­ser­vie­ren woll­te.

Roper:

Das Bild ei­nes fro­hen Pro­tes­tan­ten ver­mit­telt Lu­ther uns nicht un­be­dingt. Aber ge­ra­de im jetzt be­gon­ne­nen Re­for­ma­ti­ons­jahr le­gen die evan­ge­li­schen Kir­chen viel Wert auf Fröh­lich­keit.

Na­tür­lich konn­te Lu­ther fröh­lich sein und hat­te ei­ne Fä­hig­keit, Ge­sel­lig­keit zu ge­nie­ßen. Fei­ern aber muss man sei­nen er­staun­li­chen Mut. Aber ich fin­de, auch sei­ne Schat­ten­sei­ten brin­gen ihn uns nä­her. Wenn man den Men­schen Lu­ther als Gan­zes ver­ste­hen kann, ver­steht man mehr von sei­nem Glau­ben und dem, was er uns heute zu sa­gen hat.

Roper:

Do­ro­thea Hüls­mei­er, dpa

Fo­to: akg images

Mar­tin Lu­ther sah in vie­lem den Teu­fel am Werk. Den Re­for­ma­tor und die sie­ben Tod sün­den zeich­ne­te Rai­ner Ehrt.

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