„Das Schlimms­te sind die Kin­der­au­gen“

Ge­walt Pe­tra St­üb­ler ist Ärz­tin. Im Li­ba­non half sie Flücht­lin­gen und miss­han­del­ten Frau­en, ih­re Trau­ma­ta zu ver­ar­bei­ten. Da­bei stieß sie an ih­re Gren­zen und kam den­noch zu­frie­den heim

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Panorama -

Frau St­üb­ler, seit län­ge­rem be­trei­ben Sie Ih­re Pra­xis in Mann­heim nicht mehr. Statt­des­sen en­ga­gie­ren Sie sich eh­ren­amt­lich für die Ca­ri­tas. Schon zwei Mal wa­ren Sie im Li­ba­non in Flücht­lings­la­gern – auf ei­ge­ne Kos­ten. Was hat Sie zu die­sem Schritt be­wegt?

Ich ha­be be­reits in Mann­heim am Bahn­hof ge­hol­fen, als Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en, dem Irak und Af­gha­nis­tan an­ge­kom­men sind. Wäh­rend die­ser Flücht­lings­wel­le ist mir klar ge­wor­den, mit wel­chen Pro­ble­men die Men­schen zu kämp­fen ha­ben, und da woll­te ich hel­fen.

St­üb­ler:

War­um im Li­ba­non?

Weil ich glau­be, dass die Hil­fe vor Ort am meis­ten Sinn macht. Ich ha­be mich bei der Ca­ri­tas Aus­land ge­mel­det, die ha­ben mich in den Li­ba­non ver­mit­telt. Dort ha­be ich zu­erst in ei­nem Auf­fang­la­ger für Frau­en ge­ar­bei­tet. Das wa­ren si­che­re Häu­ser vor­wie­gend für Frau­en aus Zen­tral­afri­ka. Teil­wei­se wa­ren die Mäd­chen erst 16 und 17 Jah­re alt.

St­üb­ler:

War­um wa­ren die Frau­en dort?

Sie sind in den Li­ba­non ge­reist, um Geld für ih­re Fa­mi­lie zu er­wirt­schaf­ten, zum Bei­spiel als Haus­mäd­chen. In den Fa­mi­li­en wur­den sie meis­tens miss­han­delt, oft auch ver­ge­wal­tigt. Pass und per­sön­li­che Ge­gen­stän­de wur­den ih­nen ab­ge­nom­men. Häu­fig ha­ben sie auch ihr ver­spro­che­nes Ge­halt nicht be­kom­men. Die Frau­en­häu­ser bie­ten die­sen Frau­en Schutz. Es gibt kei­ne Adres­se, da­mit die Frau­en nicht ge­fun­den wer­den kön­nen.

St­üb­ler:

Wie ha­ben Sie den Frau­en ge­hol­fen?

Ich ha­be ih­nen psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Hil­fe an­ge­bo­ten. Da es oft sprach­li­che Bar­rie­ren gab, ha­be ich ver­sucht, dass sich die Frau­en mit­hil­fe von Spie­len, Sport und Ent-

St­üb­ler:

span­nungs­übun­gen mir ge­gen­über öff­nen.

Wel­che kör­per­li­chen Be­schwer­den hat­ten die Hil­fe­su­chen­den?

Den Frau­en ging es im Ver­gleich zu den Men­schen in den Flücht­lings­la­gern kör­per­lich recht gut. Sie hat­ten in den Häu­sern Bet­ten, Du­schen und be­ka­men Es­sen. Die meis­ten hat­ten klei­ne all­ge­mein-me­di­zi­ni­sche Pro­ble­me wie Hals­schmer­zen, aber eben sehr häu­fig schwe­re psy­chi­sche Trau­ma­ta.

St­üb­ler:

Sie ha­ben auch in Flücht­lings­la­gern an der sy­ri­schen Gren­ze ge­ar­bei­tet. Was wa­ren Ih­re Auf­ga­ben?

Ich war dort, wie in den Frau­en­häu­sern auch, die ein­zi­ge Ärz­tin. Die Men­schen ka­men mit

St­üb­ler:

In­fek­tio­nen, Be­fall von Läu­sen oder Flö­hen und chro­ni­schen Krank­hei­ten wie Dia­be­tes oder Asth­ma zu mir. Die größ­te Grup­pe wa­ren Kin­der und Frau­en. Die Kin­der wa­ren oft von Pa­ra­si­ten be­fal­len. Jun­ge Frau­en frag­ten mich wäh­rend ih­rer Schwan­ger­schaf­ten um Rat. Sie hat­ten oft schon drei oder vier Kin­der, vie­le hat­ten Blu­tun­gen. Gy­nä­ko­lo­gisch bin ich oft an mei­ne Gren­zen ge­sto­ßen.

Was hat Sie am meis­ten be­drückt?

Das war das gren­zen­lo­se Elend. Zu der Zeit, als ich im Li­ba­non war, war das Kli­ma feucht, die Men­schen la­gen in den kal­ten Zel­ten, über­all war Schlamm, Schmutz, und es herrsch­ten sehr schlech­te hy­gie­ni­sche Ver­hält­nis­se. Am

St­üb­ler:

schlimms­ten wa­ren für mich aber die Kin­der­au­gen, die so leb­los schie­nen. Ei­ni­ge Kin­der ha­ben auf gar nichts mehr re­agiert.

Wel­ches Fa­zit zie­hen Sie nach Ih­rer Li­ba­non-Rei­se?

Je­der Tag hat mich trotz al­lem Elend zu­frie­den ge­macht. Ich ha­be mehr Dank­bar­keit zu­rück­be­kom­men, als ich Ein­satz ge­zeigt ha­be. Es war das Ge­fühl, et­was Sinn­vol­les ge­tan zu ha­ben.

St­üb­ler:

Sie ha­ben auch die Ent­wick­lung der Flücht­lings­po­li­tik in Deutsch­land mit­er­lebt. Was muss sich än­dern?

Wir mes­sen der In­te­gra­ti­on zu we­nig Be­deu­tung bei. Das ist Kle­in­st­ar­beit. Je­der Asyl­be­wer­ber hat in­di­vi­du­el­le Pro­ble­me: Die Flücht­lin­ge kom­men aus ei­ner an­de­ren Kul­tur, ha­ben ein an­de­res Rol­len­ver­ständ­nis von Mann und Frau und pfle­gen meist ei­ne an­de­re Re­li­gi­on. Die neu­en Wer­te zu ver­mit­teln ist ein lang­wie­ri­ger Pro­zess mit häu­fi­gen Rück­schlä­gen.

St­üb­ler:

Rück­schlä­ge? Ha­ben Sie ei­ge­ne Er­fah­run­gen ge­macht?

Ja, ich be­treue Asyl­be­wer­ber in Deutsch­land. Ich hel­fe ih­nen bei Be­hör­den- und Arzt­gän­gen und beim Deutsch­ler­nen. Ich be­mü­he mich, Woh­nun­gen für mei­ne Schütz­lin­ge zu fin­den und ih­nen Aus­bil­dungs- oder Stu­di­en­plät­ze zu be­sor­gen. Nicht sel­ten er­le­be ich Stim­mungs­tiefs und Ge­füh­le der Hoff­nungs­lo­sig­keit.

St­üb­ler:

Und was tun Sie dann?

Das Wich­tigs­te in so ei­ner Si­tua­ti­on ist das Zu­hö­ren. Da­nach ver­su­che ich, Schritt für Schritt wei­ter­zu­ma­chen und mei­ne Schütz­lin­ge auf die­sem Weg mit­zu­neh­men.

St­üb­ler:

In­ter­view: Felicitas Macketanz

Fo­to: St­üb­ler

Die Ärz­tin Pe­tra St­üb­ler (links) war die­ses Jahr im Li­ba­non un­ter­wegs und hat dort vor al­lem Frau­en ge­hol­fen, die Op­fer von Ge­walt wa­ren.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.