Als zi­vi­ler Un­ge­hor­sam tau­sen­de Ju­den ret­te­te

Ge­schich­te War­um Au­tor und Re­gis­seur Vla­di­mir Da­novs­ky den Ma­ri­on-Sa­mu­el-Preis er­hält

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Augsburg -

Der seit 1999 jähr­lich ver­lie­he­ne Ma­ri­on-Sa­mu­el-Preis der Stif­tung Er­in­ne­rung soll künf­tig stär­ker jun­ge Men­schen an­spre­chen und sie da­zu brin­gen, „nach­zu­den­ken, zu ge­stal­ten und Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men“, wie In­grid Seinsch sag­te, die die Stif­tung ge­mein­sam mit ih­rem Mann, dem ehe­ma­li­gen FCA-Prä­si­den­ten Walt­her Seinsch, ge­grün­det hat­te. Bei der Ver­lei­hung des Prei­ses an den Opern­re­gis­seur und Au­tor Vla­di­mir Da­novs­ky im Gol­de­nen Saal des Rat­hau­ses be­ton­te sie: „Es kommt auf je­den Ein­zel­nen an, da­mit kei­nem Men­schen mehr Leid zu­ge­fügt wer­den kann – nie mehr.“

Da­novs­ky wur­de für sein Thea­ter­pro­jekt „Die Ret­tung“von 2010 aus­ge­zeich­net, das mehr­mals, un­ter an­de­rem beim Frie­dens­fest, in der Augs­bur­ger Sy­nago­ge auf­ge­führt wur­de. Da­novs­ky hat die Ju­gend be­son­ders in sei­ne Ar­beit ein­be­zo­gen. Das Werk be­rich­tet, wie zi­vi­ler Un­ge­hor­sam die De­por­ta­ti­on tau­sen­der bul­ga­ri­scher Ju­den wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs in Ver­nich­tungs­la­ger un­mög­lich mach­te. Laut Lau­da­to­rin und Alt­stadt­rä­tin Ro­se­Ma­rie Kranz­fel­der-Poth zeigt der Fall, dass Ent­schlos­sen­heit und Be­kennt­nis zum Nächs­ten Mäch­ti­ge ent­mach­ten und ei­ne Be­dro­hung wir­kungs­los machen kön­nen.

Der Preis­trä­ger wur­de kurz nach Kriegs­en­de in Bul­ga­ri­ens Haupt­stadt So­fia ge­bo­ren. Nach ei­ner Be­geg­nung mit dem Kom­po­nis­ten Carl Orff er­hielt er Re­gie­auf­trä­ge in Deutsch­land und wur­de 1981 Ober­spiel­lei­ter des Lan­des­thea­ters Schwa­ben. Au­ßer­dem war er Co­Re­gis­seur des Kö­nig-Lud­wig-Mu­si­cals in Füs­sen. Da­novs­ky sag­te, sei­ne El­tern hät­ten selbst vor der Ju­den­ver­fol­gung in Bul­ga­ri­en flie­hen müs­sen. Heute wer­de dort dar­über ge­strit­ten, wer sich das Ver­dienst der Ret­tung von Ju­den an die Brust hef­ten kann.

Er ha­be sich ge­fragt, wie er mit der Wahr­heit durch­drin­gen kön­ne, oh­ne zum Schrei­hals zu wer­den. Die Ge­schich­te der Ret­tung bul­ga­ri­scher Ju­den ist kom­pli­ziert, weil aus Da­novs­kys Sicht da­für vor al­lem ei­ne jun­ge Frau, Li­lia­na Pa­niz­za, ver­ant­wort­lich war, die ei­ne Lie­bes­be­zie­hung zum Staats­kom­mis­sar für jü­di­sche An­ge­le­gen­hei­ten un­ter­hielt, dem schlimms­ten Ju­den­ver­fol­ger Bul­ga­ri­ens. Gleich­zei­tig hin­ter­trieb sie als sei­ne Se­kre­tä­rin sei­ne An­ord­nun­gen. Sie starb mit 31 Jah­ren an den Haft-Fol­gen.

In die Hal­le der Ge­rech­ten der is­rae­li­schen Ge­denk­stät­te Yad Vas­hem wur­de sie nicht auf­ge­nom­men, weil sie nicht im Na­men ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on tä­tig war und ihr Lie­bes­ver­hält­nis sie ins Zwie­licht rückt. Aber „je­der Mensch hat An­tei­le von Gut und Bö­se“, stell­te Da­novs­ky fest.

Sei­ne Be­geg­nun­gen mit jun­gen Men­schen hät­ten ge­zeigt, dass ih­nen die Ge­schich­te un­be­kannt war, aber ihr In­ter­es­se weck­te. Ei­ne sol­che Hal­tung, so füg­te er hin­zu, wür­de er sich für „man­che post­kom­mu­nis­ti­schen Län­der“wün­schen.

Er dank­te den Augs­bur­gern, die sein Pro­jekt fi­nan­zi­ell un­ter­stützt hät­ten: „Es ist ein be­son­de­res Ge­fühl, in Augs­burg ge­ehrt zu wer­den, und ei­ne Eh­re, die­sen Preis zu be­kom­men.“

Ge­fehlt hat­te an dem Abend Eh­ren­bür­ger Walt­her Seinsch. Wie Sohn Jörn Seinsch ver­riet, hät­ten sich Ter­mi­ne über­schnit­ten. „Walt­her Seinsch hat­te erst im Ok­to­ber sei­nen 75. Ge­burts­tag ge­fei­ert.

Der Ma­ri­on-Sa­mu­el-Preis wird seit dem Jahr 1999 ver­lie­hen. Er geht an Per­so­nen be­zie­hungs­wei­se In­sti­tu­tio­nen, die sich ge­gen das Ver­ges­sen der Ver­bre­chen des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus wen­den oder die wis­sen­schaft­li­che Au­f­ar­bei­tung die­ser Zeit vor­an­brin­gen. Ma­ri­on Sa­mu­el war ein jü­di­sches Mäd­chen, das mit zwölf Jah­ren nach Au­schwitz de­por­tiert und dort er­mor­det wur­de. Im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te den Preis der Lie­der­ma­cher Wolf Bier­mann er­hal­ten.

Fo­to: An­net­te Zo­epf

In­grid Seinsch (Zwei­te von links) zeich­ne­te Vla­di­mir Da­novs­ky (Zwei­ter von rechts) im Bei­sein von Ober­bür­ger­meis­ter Kurt Gribl mit dem Ma­ri­on Sa­mu­el Preis aus. Alt stadt­rä­tin Ro­se Ma­rie Kranz­fel­der Poth hielt die Lau­da­tio.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.