Ge­fan­gen im in­di­schen Geld­cha­os

Rei­se In­di­en hat sei­ne größ­ten Geld­schei­ne von ei­nem Tag auf den an­de­ren ent­wer­tet. Das Land ist in ei­ner Art Aus­nah­me­zu­stand. Der Fried­ber­ger Pe­ter Brülls steckt mit­ten­drin

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Region Augsburg -

Herr Brülls, nach Ih­rer Pen­sio­nie­rung mach­ten Sie sich auf ei­ne sechs­wö­chi­ge Rei­se durch In­di­en. Dort wur­den Sie von der Ent­wer­tung der 500- und 1000-Ru­pi­en-Schei­ne über­rascht. Wie ha­ben Sie das er­lebt?

Ich dach­te, mein Ho­tel­ma­na­ger macht ei­nen Witz, als er mir von der Ent­wer­tung er­zählt hat. War aber kei­ner. Ich war zu dem Zeit­punkt in Bun­di. Der Ort hat kei­ne Bank, die Bar­geld tauscht. Ich hat­te noch 300 Eu­ro in Ru­pi­en, aber bis auf 600 Ru­pi­en (we­ni­ger als zehn Eu­ro) nur Fünf­hun­der­ter und Tau­sen­der. Au­ßer­dem wa­ren zwei Ta­ge lang Ban­ken und Geld­au­to­ma­ten dicht, kei­ner woll­te Geld tau­schen.

Pe­ter Brülls:

Wie sind Sie klar­ge­kom­men?

Mein Glück war, dass ich im Ho­tel mit Kre­dit­kar­te zah­len und dort es­sen konn­te – not­falls bis Weih­nach­ten, dach­te ich. Am zwei­ten Tag ha­be ich mir nur für fünf Ru­pi­en (we­ni­ger als zehn Cent) ei­nen Tee ge­kauft. Nach ei­ni­gen Ta­gen ließ man mich an ei­ner Schlan­ge vor­bei in ei­ne Bank. So schaff­te ich es, in die Stadt Udaipur zu kom­men, wo die In­fra­struk­tur bes­ser ist.

Brülls:

Wie ka­men Sie an Geld?

Mei­ne Tak­tik war, sta­tio­när in ei­nem Ho­tel zu blei­ben, das Kre­dit­kar­ten an­nimmt. Von dort ha­be ich Drei-Ta­ges-Ta­xi­fahr­ten ge­bucht, um mein Ba­res zu scho­nen. Au­ßer­dem ha­be ich nach und nach

Brülls:

gro­ßen Schei­ne in klei­ne wech­seln kön­nen. Ein­mal be­kam ich meh­re­re Zen­ti­me­ter Hun­der­ter. Aber egal.

Es heißt, Leu­te ha­ben kein Geld mehr zum Ein­kau­fen. Ge­schäf­te, die Kre­dit­kar­te neh­men, ge­hen an­geb­lich die Wa­ren aus. Wie er­le­ben Sie die Si­tua­ti­on im Land?

An der Ober­flä­che funk­tio­niert In­di­en, aber es kla­gen im­mer mehr Leu­te. Heute ha­be ich nur ei­nen ein­zi­gen of­fe­nen Geld­au­to­ma­ten ge­se­hen. Ich war in der Sta­te Bank of In­dia in Ah­me­da­bad und konn­te Eu­ros tau­schen. Das geht nur in den ganz gro­ßen Städ­ten und hat ein­ein­halb St­un­den ge­dau­ert. Dem Schal­ter sind die Hun­der­ter aus­ge­gan­gen. Ei­nen Ge­schäfts­mann hat man mit ei­ner Ein­kaufs­ta­sche vol­ler ab­ge­speck­ter Zeh­ner und Zwan­zi­ger be­dient. Kla­maukar­tig, aber wahr. Ich ha­be ge­war­tet, bis es wie­der Hun­der­ter gab.

Brülls:

Was sa­gen die In­der?

Das Ziel der Maß­nah­me ist es, Schwarz­geld aus­zu­lö­schen. Die meis­ten be­grü­ßen die Maß­nah­me. Sie hof­fen auf Ge­rech­tig­keit, En­de der Kor­rup­ti­on und Um­ver­tei­lung. Au­ßer­dem heißt es, dass Pa­kis­tan mit ge­fälsch­ten Fünf­hun­der­tern den Markt de­sta­bi­li­siert. Ob das Pro­pa­gan­da ist, kann ich nicht be­ur­tei­len. Pre­mier Mo­di steht hoch im Kurs. Die Maut­stel­len an den Au­to­bah­nen

Brülls:

ver­lan­gen ge­ra­de kein Geld, weil sie nicht wech­seln kön­nen. Auch das kommt bei den Leu­ten gut an.

Ob Smog, Müll oder Sl­ums: In­der neh­men viel hin. Schimpft kei­ner?

Heute ha­be ich beim Es­sen ei­nen In­der ge­trof­fen, der ge­schimpft hat. Das sind nur we­ni­ge. Er är­gert sich über die In­ef­fi­zi­enz der Bü­ro­kra­tie. Aber auch er war nicht prin­zi­pi­ell ge­gen die Maß­nah­me.

Brülls:

Was sa­gen Sie sel­ber?

Ich ver­ste­he die Maß­nah­me und hof­fe, sie bringt ein po­si­ti­ves Er­geb­nis. Es heißt, Pre­mier Mo­di wol­le als Nächs­tes il­le­ga­len Grund­be­sitz über­prü­fen und kon­fis­zie­ren.

Brülls:

Ha­ben Sie über­legt, Ih­re Rei­se ab­zu­bre­chen?

Klar, im ers­ten Mo­ment ha­be ich al­le Op­tio­nen in­klu­si­ve Ab­bre­chen in Be­tracht ge­zo­gen. Ich bin jetzt in Städ­ten, von de­nen aus ich nach De­lhi flie­gen könn­te.

Brülls:

Was pla­nen Sie jetzt?

Ich will noch drei Wo­chen blei­ben. Im Mo­ment bin ich in Ah­me­da­bad, dann möch­te ich nach Jod­phur.

Brülls:

Wie geht es denn den an­de­ren Tou­ris­ten?

Brülls:

In der Ti­mes of In­dia steht, Tou­ris­ten ver­su­chen, bei der Ein­rei­mei­ne se am Flug­ha­fen den Ma­xi­mal­be­trag zu tau­schen, doch geht den Geld­wechs­lern – in der Re­gel Tho­mas Cook – im Lauf des Ta­ges das Bar­geld aus. Dann ste­hen die Tou­ris­ten da ... Oh­ne Witz, das ist die of­fi­zi­el­le Ver­laut­ba­rung! Au­ßer­dem ver­langt Tho­mas Cook Wucher­ge­büh­ren.

In­di­en hat als Rei­se­land oh­ne­hin kei­nen gu­ten Ruf, und jetzt auch noch die­ses Cha­os. Kann man da noch hin­fah­ren?

Brülls:

Im Mo­ment ein kla­res Nein. Bleibt 2016 zu Hau­se, ist mein Rat. Kann sein, dass die Fra­ge bis zum En­de des Win­ters wie­der be­jaht wer­den kann.

Zei­gen sich be­reits Fol­gen für den Tou­ris­mus?

Die Tou­ris­ten­zahl in Udaipur war für den No­vem­ber sehr ge­ring, wie ich hör­te.

Brülls:

Sie wa­ren in Ih­rem Le­ben schon viel un­ter­wegs. Wie emp­fin­den Sie die Si­tua­ti­on?

Ich bin ge­spannt. Ein gro­ßes Ex­pe­ri­ment, echt et­was Neu­es.

Brülls:

In­ter­view: Ute Kro­gull

Fo­to: Ma­ri­on Brülls

Der Fried­ber­ger Pe­ter Brülls er­lebt das Geld­cha­os in In­di­en.

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