Jä­hes Er­wa­chen aus dem Traum­job

Aus­land Lei­la Ka­r­i­mi ist mit ei­ner Blue Card als In­ge­nieu­rin aus dem Iran nach Deutsch­land ge­kom­men. Trotz gu­ter Qua­li­fi­ka­ti­on fin­det sie in Augs­burg kei­ne Ar­beit und ha­dert mit der Un­ter­stüt­zung durch die Be­hör­den

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wirtschaftsraum Augsburg - VON FRIDTJOF ATTERDAL

Mit­ar­bei­ter im Tech­no­lo­gie­sek­tor sind rar. Die Wirt­schaft wirbt um gut aus­ge­bil­de­te Kräf­te – auch im Aus­land. Mit der Blue Card, ei­ner Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung nach dem Vor­bild der ame­ri­ka­ni­schen Gre­en Card, sol­len Aka­de­mi­ker aus be­son­de­ren „Man­gel­be­ru­fen“, in de­nen es zu we­nig deut­sche Be­wer­ber gibt, nach Deutsch­land ge­lockt wer­den. Doch für man­chen gibt es aus dem deut­schen Traum­job ein jä­hes Er­wa­chen.

Lei­la Ka­r­i­mi ist Ma­schi­nen­bau­in­ge­nieu­rin, gut aus­ge­bil­det, im Iran hat sie acht Jah­re als Kon­struk­teu­rin in der Pe­tro­che­mie ge­ar­bei­tet. Doch jetzt sitzt sie in Augs­burg – oh­ne Job und mit we­nig Per­spek­ti­ve auf ei­ne neue An­stel­lung. Im März läuft ih­re Auf­ent­halts­er­laub­nis ab – dann wä­re das Deutsch­land­aben­teu­er für sie zu En­de.

Vor neun Mo­na­ten wag­te sie den Schritt, ih­re gut be­zahl­te Stel­le in ih­rer Hei­mat­stadt Schi­ras auf­zu­ge­ben und mit ei­ner „Blue Card“nach Augs­burg zu ge­hen – ge­lockt von den Ver­spre­chun­gen auf ei­ne Zu­kunft in ei­nem deut­schen High­tech­Un­ter­neh­men. „Deutsch­land hat im Iran den bes­ten Ruf, des­halb ha­be ich mich dort be­wor­ben“, sagt sie. Als Kon­struk­ti­ons-In­ge­nieu­rin fiel Ka­r­i­mi per­fekt in das Sche­ma der Blue Card. Mit ei­nem Ar­beits­ver­trag und ei­ner an den Job ge­knüpf­ten Auf­ent­halts­er­laub­nis in der Ta­sche setz­te sich die 36-Jäh­ri­ge in den Flie­ger. Sechs Mo­na­te spä­ter war der Traum vor­bei – das Un­ter­neh­men trenn­te sich von der Ira­ne­rin.

Ver­mut­lich wa­ren ih­re feh­len­den Deutsch­kennt­nis­se und Schwie­rig­kei­ten mit ei­ner neu­en Soft­ware aus­schlag­ge­bend, ver­mu­tet Ka­r­i­mi selbst. Dass es in Deutsch­land oh­ne gu­te Deutsch­kennt­nis­se nicht geht, hat­te ihr vor der Abrei­se nie­mand ge­sagt. „Ich dach­te, in mei­nem Be­ruf kä­me ich in Deutsch­land mit Eng­lisch zu­recht“, so Ka­r­i­mi. Doch die feh­len­den Sprach­kennt­nis­se stel­len sich jetzt als das größ­te Hin­der­nis her­aus. Ob Be­wer­bung, Ar­beits­agen­tur oder Aus­län­der­be­hör­de – mit Eng­lisch steht man hier auf ver­lo­re­nem Pos­ten, hat sie er­fah­ren. „Auf dem Ar­beits­amt und auch in der Aus­län­der­be­hör­de woll­te nie­mand mit mir Eng­lisch spre­chen – man hat ver­langt, dass ich mit ei­nem Dol­met­scher kom­me, aber wie soll ich das denn be­zah­len?“wun­dert sich die In­ge­nieu­rin.

Weg zu­rück in ein Ar­beits­ver­hält­nis in Deutsch­land hät­te sie sich we­sent­lich leich­ter vor­ge­stellt, so die Ira­ne­rin. Ob­wohl ihr ira­ni­sches In­ge­nieur­stu­di­um in Deutsch­land voll an­er­kannt ist, ist sie bei Un­ter­neh­men in der Re­gi­on bis­lang nur auf Ab­leh­nung ge­sto­ßen. Die Spra­che ist da­bei of­fen­bar nicht das ein­zi­ge Hin­der­nis, sagt der Me­rin­ger Per­so­nal­be­ra­ter Klaus Dan­ha-

der Ka­r­i­mi un­ter­stützt. „Wir ha­ben un­zäh­li­ge Be­wer­bun­gen ge­schrie­ben – aber mit ih­rer ira­ni­schen Aus­bil­dung passt sie nie ganz ge­nau auf die Stel­le – und da­mit kommt sie für die Fir­men nicht in­fra­ge“hat er fest­ge­stellt.

Die­se Er­fah­rung hat auch die In­dus­trie und Han­dels­kam­mer Schwa­ben (IHK) ge­macht, sagt der für in­ter­na­tio­na­le Ge­schäf­te zu­stän­Den

di­ge Axel Sir. „Die Zah­len, wo wie vie­le Ar­beits­kräf­te feh­len, die­nen nur der Lob­by­po­li­tik“, ist er sich si­cher. Wenn ech­te Not herrsch­te, wä­ren die Un­ter­neh­men we­ni­ger wäh­le­risch. Die IHK ha­be vor ei­ni­gen Jah­ren die­se Er­fah­rung mit Spa­ni­ern ge­macht – im Ge­gen­satz zu der Ira­ne­rin mit gu­ten Deutsch­kennt­nis­sen, ei­ner in­ter­kul­tu­rel­len Aus­bil­dung und der Rü­cken­de­mer, ckung durch die IHK. Doch selbst in die­sem Fall fan­den die Un­ter­neh­men an je­dem et­was aus­zu­set­zen. „Wenn die Qua­li­fi­ka­ti­on nicht zu min­des­tens 90 Pro­zent passt, kön­nen sich die Fir­men of­fen­bar im­mer noch leis­ten, auch gu­te Leu­te ab­zu­leh­nen“, so Sir.

Lei­la Ka­r­i­mi fühlt sich von den deut­schen Be­hör­den schlecht un­ter­stützt. „Über­all heißt es, wenn ich Flücht­ling wä­re, könn­te man mir hel­fen“, so die jun­ge Frau. Weil die Blue Card nur zur Ar­beit in ih­rem In­ge­nieurs­be­ruf be­rech­tigt, kann sie sich nichts zum Le­bens­un­ter­halt da­zu­ver­die­nen. Ei­nen Deutsch­kurs oder an­de­re Wei­ter­bil­dun­gen aus ei­ge­ner Ta­sche zu be­zah­len, kommt für sie des­halb nicht in­fra­ge.

Of­fen­bar weiß man bei den zu­stän­di­gen Stel­len aber auch nicht so ge­nau, was man mit den Blue-Card­Aus­län­dern an­fan­gen soll, be­rich­tet Be­ra­ter Dan­ha­mer. Beim Job­cen­ter ha­be er die Aus­kunft er­hal­ten, Blue­Card-In­ha­ber hät­ten kein An­recht auf Un­ter­stüt­zung bei der Job­su­che.

Das be­stä­tigt Dirk Br­ö­ker, stell­ver­tre­ten­der Lei­ter des Job­cen­ters Augs­burg Stadt. „Da­mit wir tä­tig wer­den kön­nen, ist ei­ne Hilfs­be­dürf­tig­keit Vor­aus­set­zung – und die ist bei Blue-Card-In­ha­bern ge­ra­de aus­ge­schlos­sen“, er­klärt er. Ei­ne Be­din­gung für die Blue Card ist, dass die hoch qua­li­fi­zier­ten Ar­beit­neh­mer un­ter­schrei­ben, kei­ne So­zi­al­leis­tung im Zi­el­land zu be­an­tra­gen. Das Eng­lisch-Pro­blem kann er al­ler­dings nicht nach­voll­zie­hen. „Al­le un­se­re Mit­ar­bei­ter spre­chen Eng­lisch“, sagt er.

Im­mer­hin: Ganz oh­ne Un­ter­stüt­zung muss die Ira­ne­rin al­ler­dings nicht auf Ar­beits­su­che ge­hen, sagt der Chef der Augs­bur­ger Agen­tur für Ar­beit, Rein­hold De­mel. „Wir sind na­tür­lich auch für Nicht­leis­tungs­emp­fän­ger zu­stän­dig“, sagt er. Auch wer kein Ar­beits­lo­sen­geld be­kommt, ha­be An­spruch auf Hil­fe bei der Job­su­che. Die In­ge­nieu­rin könn­te als Ar­beits­su­chen­de ganz nor­mal in den Ver­mitt­lungs­pro­zess auf­ge­nom­men wer­den – wenn nö­tig so­gar mit Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­men.

Lei­la Ka­r­i­mi möch­te al­les tun, um in Deutsch­land ar­bei­ten zu kön­nen. Der­zeit macht sie ei­nen kos­ten­lo­sen Deutsch­kurs bei ei­nem Hilfs­pro­jekt. „Viel­leicht gibt es ja ein Un­ter­neh­men, in dem ich mit mei­nem Wis­sen über den Iran und mei­nen Per­sisch­kennt­nis­sen hel­fen kann, hofft die In­ge­nieu­rin.“

Fo­to: An­net­te Zo­epf

Lei­la Ka­r­i­mi aus dem Iran hat ei­ne Ar­beits­er­laub­nis, ei­ne so­ge­nann­te Blue Card für Deutsch­land. Doch nach­dem sie ih­ren ers­ten Job ver­lo­ren hat, ge­stal­tet sich die Su­che nach ei­nem neu­en schwie­rig.

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