Augs­bur­ger Po­li­zis­ten le­ben ge­fähr­lich

Mein Augs­burg Die Stadt liegt bei kör­per­li­chen An­grif­fen auf Strei­fen­be­am­te weit vorn. Es gibt kei­ne schlüs­si­ge Er­klä­rung da­für, aber seit kur­zem ein Pi­lot­pro­jekt im In­nen­stadt­re­vier

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Augsburg - VON AL­F­RED SCHMIDT als@augs­bur­ger all­ge­mei­ne.de

War­um ge­ra­de Augs­burg? Hier le­ben Po­li­zis­ten weit­aus ge­fähr­li­cher als ih­re Kol­le­gen in an­de­ren baye­ri­schen Städ­ten. Bei Ein­sät­zen gibt es die meis­ten Über­grif­fe ge­gen Strei­fen­be­am­te. 160 Be­am­te wur­den vo­ri­ges Jahr im Di­enst durch Ge­walt­tä­ter ver­letzt. 55 von ih­nen ar­bei­ten im In­nen­stadt­re­vier, das für nächt­li­che Ex­zes­se in den Par­ty­zo­nen in der Ci­ty zu­stän­dig ist. Man muss sich das vor Au­gen füh­ren: Im Durch­schnitt er­lei­det ein Po­li­zist des In­nen­stadt­re­viers al­le zwei Jah­re durch ei­nen An­grei­fer kör­per­li­che Bles­su­ren.

Was läuft schief in der selbst er­nann­ten Frie­dens­stadt Augs­burg? Wie kommt es, dass aus­ge­rech­net die dritt­größ­te baye­ri­sche Stadt un­ter den Spit­zen­rei­tern bei der deutsch­land­weit zu­neh­men­den Ge­walt ge­gen Po­li­zis­ten ist?

Es ist schwie­rig, die Fra­ge zu be­ant­wor­ten. Die meis­ten Über­grif­fe auf Strei­fen­be­am­te fin­den im Dro­gen­rausch statt. Das ist aber über­all so, nicht nur in Augs­burg. Die An­grei­fer sind schwer al­ko­ho­li­siert oder ha­ben künst­li­che Dro­gen wie Ba­de­sal­ze kon­su­miert, die sie völ­lig aus­ras­ten las­sen. Ei­ne Er­klä­rung, die für das ge­fähr­li­che Le­ben Augs­bur­ger Po­li­zis­ten nicht aus­reicht. Ob es dar­an liegt, dass ih­nen hier wo­mög­lich we­ni­ger Re­spekt ent­ge­gen­ge­bracht wird als im Rest der Re­pu­blik?

In der De­bat­te um das The­ma wird im­mer wie­der die Ver­mu­tung ge­äu­ßert, es könn­te ekla­tant mit dem ho­hen Mi­gran­ten­an­teil zu tun ha­ben und be­stimm­ten männ­li­chen Grup­pen, die für die deut­sche Po­li­zei nur Ver­ach­tung üb­rig hät­ten. Für die­se An­nah­me gibt es aber kei­ne si­gni­fi­kan­ten Be­le­ge aus der Kri­mi­nal­sta­tis­tik. Gleich­wohl be­rich­ten Strei­fen­po­li­zis­tin­nen in Ein­lieus zel­fäl­len von Schwie­rig­kei­ten, in be­stimm­ten Mi­lieus als weib­li­cher Ver­tre­ter der Staats­ge­walt ak­zep­tiert zu wer­den.

Der Au­to­ri­täts­ver­lust von Re­prä­sen­tan­ten des Staa­tes ist ein all­ge­mei­nes ge­sell­schaft­li­ches Phä­no­men, das nicht nur die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen aus be­stimm­ten Mi- be­trifft. Mit zu­neh­men­der Ag­gres­si­on sind ja nicht nur Po­li­zei­be­am­te kon­fron­tiert, die bei Um­fra­gen zur Po­pu­la­ri­tät von Be­ru­fen stets höchs­te Sym­pa­thie­wer­te er­hal­ten, was die Sa­che noch wi­der­sprüch­li­cher macht. Auch Ret­tungs­sa­ni­tä­ter und Feu­er­wehr­leu­te müs­sen sich bei Ein­sät­zen dar­auf ein­stel­len, von Be­trof­fe­nen und Pas­san­ten übel an­ge­macht und schlimms­ten­falls kör­per­lich at­ta­ckiert zu wer­den.

Fra­gen Sie mal ei­nen Feu­er­wehr­mann oder Sa­ni­tä­ter nach sei­nen Er­leb­nis­sen, wenn er un­be­tei­lig­te Um­ste­hen­de auf­for­dert, wei­ter­zu­ge­hen und den Un­fall samt Ver­letz­ten nicht mit dem Han­dy zu fil­men! Es ist gar nicht so sel­ten, dass ihm Schlä­ge an­ge­droht wer­den von so­ge­nann­ten nor­ma­len Bür­gern, die glau­ben, sich von Uni­form­trä­gern im Ein­satz nichts, aber auch gar nichts, sa­gen las­sen zu müs­sen.

Ob wir es hier mit ei­ner per­ver­tier­ten Ver­dre­hung des per­sön­li­chen Frei­heits­be­grif­fes zu tun ha­ben? Auf je­den Fall mit ei­nem Ver­lust an Mit­ge­fühl und An­stand. Wel­cher der Fil­men­den möch­te in ei­ner ei­ge­nen Not­la­ge von an­de­ren ge­filmt wer­den?

Die mit Ge­walt kon­fron­tier­ten Strei­fen­po­li­zis­ten des In­nen­stadt­re­viers sind jetzt Teil ei­nes Pi­lot­pro­jekts ge­wor­den. Sie wer­den mit Uni­form­ka­me­ras aus­ge­stat­tet, die sie in Kon­flikt­si­tua­tio­nen ein­schal­ten kön­nen. Wer ge­filmt wird, kommt viel­leicht eher zur Rä­son, so die An­nah­me. Auf je­den Fall hat die Po­li­zei dann Be­weis­mit­tel. Wo­bei zu hof­fen ist, dass der Ge­walt­tä­ter vom Ge­richt ei­ne Stra­fe be­kommt, die wirk­lich weh­tut. Über­grif­fe auf Po­li­zis­ten und Ret­tungs­kräf­te ha­ben kei­ne mil­den Ur­tei­le ver­dient.

Denn: Wenn so­gar die ver­häng­ten Stra­fen nicht mehr ab­schre­cken, darf man sich nicht wun­dern, wenn der Au­to­ri­täts­ver­lust mit sei­nen häss­li­chen Fol­gen wei­ter um sich greift.

Sym­bol­fo­to: Alex­an­der Ka­ya

Strei­fen­be­am­te müs­sen bei Ein­sät­zen in Augs­burg stär­ker mit kör­per­li­chen An grif­fen rech­nen als in an­de­ren deut­schen Städ­ten.

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