Der freund­li­che Bus­fah­rer

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Geld & Le­ben - VON MAR­CEL RO­THER mar­cel.ro­ther@augs­bur­ger all­ge­mei­ne.de

Neu­lich an der Bus­hal­te­stel­le. In die Ja­cken­ta­sche ge­grif­fen und fest­ge­stellt: Mist, Geld­beu­tel ver­ges­sen! Dar­in nicht nur Aus­weis, Geld und Chip­kar­te, son­dern auch die ÖPNV-Mo­nats­kar­te. Blick auf die An­zei­ge­ta­fel: In fünf Mi­nu­ten kommt der Bus – ei­ner mit Vor­de­r­ein­stieg. Was tun, zu­rück nach Hau­se? Zu weit, schon zur Bus­hal­te­stel­le bin ich mit der Stra­ßen­bahn ge­fah­ren – schwarz, wenn ich es mir ge­nau über­le­ge.

Na­ja, zu­min­dest halb, im­mer­hin liegt zu Hau­se mein Porte­mon­naie samt Mo­nats­kar­te. Wo ei­gent­lich? Ach ja, in der Som­mer­ja­cke. Gut zu wis­sen – bringt mich jetzt aber nicht wei­ter. Bleibt nur eins: Flucht nach vorn! Der Bus kommt, die Tür geht auf, ich stel­le mich dem Fah­rer. In­ner­lich auf das Schlimms­te ge­fasst – der Ruf der Augs­bur­ger Bus­fah­rer ist le­gen­där – re­agiert der Mann am Steu­er auf mein Ge­ständ­nis mit ei­ner Fra­ge: „Ken­nen Sie den Vor­na­men von De­menz?“Et­was ir­ri­tiert ver­nei­ne ich. Er: „Se­hen Sie, so fängt´s an!“

Im Ernst, ein Witz, von ei­nem Bus­fah­rer? Und das war noch nicht al­les. Mit ei­nem Fin­ger­zeig deu­tet er auf den Platz ganz vor­ne, da sol­le ich mich hin­set­zen. Kommt ein Kon­trol­leur, wol­le er ihm sa­gen, er ken­ne mich. Da­bei ha­be ich den Mann noch nie ge­se­hen – in Augs­burg gibt es ge­fühlt tau­send Bus­fah­rer. Ich hät­te al­les er­war­tet: ei­ne Moral­pre­digt, un­ver­ständ­li­che Be­schimp­fun­gen, ei­nen Fuß­marsch zur Ar­beit.

Statt­des­sen sit­ze ich ne­ben dem Bus­fah­rer und über­den­ke mein Welt­bild. Der be­ginnt zu er­zäh­len. Da­von, dass Feh­ler mensch­lich sei­en, ihm auch schon wel­che pas­siert wä­ren, et­wa als er ganz in Ge­dan­ken an war­ten­den Fahr­gäs­ten vor­bei­ge­fah­ren sei. Und so wei­ter. Beim Aus­stei­gen drückt er mir noch ei­nen Ein­zel­fahr­schein in die Hand – schließ­lich sol­le ich auf dem Heim­weg nicht lau­fen müs­sen. Un­glaub­lich. Lag es am Föhn, dem Mond, der Vor­weih­nachts­zeit? Egal: Das Le­ben schlägt je­des Vor­ur­teil!

Fo­to: Kzenon, Fotolia

Auf ei­ner Bus­fahrt hat un­ser Au­tor sein Welt­bild über­dacht.

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