Thea­ter der Miss­ver­ständ­nis­se

Pre­mie­re Auf der Augs­bur­ger Brecht­büh­ne läuft Clau­de Ma­gniers „Os­car“mit gren­zen­lo­sem Hu­mor wie ge­schmiert

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Feuilleton - VON RÜDIGER HEINZE

Augs­burg

Ei­ne we­ni­ger klamm­heim­li­che als viel­mehr un­ver­hoh­le­ne Scha­den­freu­de über den­je­ni­gen, der zu die­ser Pre­mie­re die Kri­tik wür­de schrei­ben müs­sen, war schon in der Pau­se zu er­ken­nen: Die Bli­cke und Re­den wa­ren all­seits so her­aus­for­dernd-deut­lich, dass der ar­me Re­por­ter sich schließ­lich selbst nicht mehr be­nei­de­te.

Da­bei war die gan­ze Cho­se im in­tel­lek­tu­el­len An­spruch so über­mä­ßig hoch ja nicht, dass ei­ne Ei­n­ord­nung vol­ler ver­steck­ter Fall­stri­cke wä­re. Wir er­leb­ten un­ter dem Ti­tel „Os­car“je­den­falls kei­nen Abend des de­zen­ten Un­der­state­ments, kei­nen Abend, der sich von Ernst­haf­tig­keit an­ge­krän­kelt zeig­te, und kei­nen Abend voll der Angst, sich dem Lä­cher­li­chen preis­ge­ben zu müs­sen. Nein, hier war vom Re­gis­seur Alex­an­der Ma­rusch bis zum Mas­seur Du­bo­is kei­ner ver­klemmt; hier ver­kniff sich nie­mand ei­nen Gag.

Ei­ne na­he­zu sor­ten­rei­ne Pro­duk­ti­on wur­de auf­ge­tischt für die Pu­ris­ten un­ter den An­hän­gern der Slap­sti­ckund Si­tua­ti­ons­ko­mik: na­he­zu 100 Pro­zent Kla­mauk.

In sol­cher Rein­heit darf der Ein­stu­die­rung so­gar un­er­hört küh­ne Sub­ver­siv­kraft at­tes­tiert wer­den: Es gibt der­zeit ja wie­der ein­mal po­li­ti­sche Be­stre­bun­gen, das Thea­ter Augs­burg zum Staats­thea­ter er­he­ben zu las­sen. „Os­car“po­kert in die­ser Sa­che im­mens hoch.

Glanz­voll in der Dreis­tig­keit star­tet das Stück auch selbst. Al­bert Le­roi (Rai­mund Wi­dra) er­öff­net sei­nem Chef, dem Sei­fen­fa­bri­kan­ten Pier­re Bar­nier (Klaus Mül­ler), dass er ers­tens ei­ne mehr­hun­dert­pro­zen­ti­ge Ge­halts­er­hö­hung er­war­tet, zwei­tens ge­denkt, des­sen Toch­ter zu ehe­li­chen, drit­tens ei­nen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag ver­un­treut hat, vier­tens den Voll­zug der avi­sier­ten Ehe vor­ver­legt hat – an­schei­nend mit Fol­gen. Den Nach­druck, den er sei­nen An­trä­gen ver­leiht, muss man schon als Er­pres­sung be­zeich­nen.

Und al­so hebt die all­ge­mei­ne Hatz an, die sein Ur­he­ber Clau­de Ma­gnier (†1983) nicht Sei­fen­ko­mö­die ge­nannt hat, son­dern „ein Miss­ver­ständ­nis in drei Ak­ten“. Das aber ist denn doch stark un­ter­trie­ben: Der ei­ner­seits ge­zim­mer­te, an­de­rer­seits ge­schus­ter­te Text fällt von ei­nem Miss­ver­ständ­nis ins nächs­te. Und da­mit von ei­nem Cha­os ins nächs­te Wirr­warr. Dem Stück ge­hen die Zu­schau­er-Über­ra­schun­gen nicht aus – und auch nicht dem Augs­bur­ger Aus­stat­ter Gre­gor Sturm, bis hin zu je­nem Tam­pon, der ein­mal in der Na­se von Bar­niers nicht all­zu hel­ler, nicht all­zu scharf bli­cken­der Toch­ter Co­let­te (Mar­le­ne Hoff­mann) steckt. Es herrscht ein gren­zen- und fas­sungs­lo­ser Hu­mor.

Ei­ner­seits ha­ben sich Le­roi und Bar­nier nicht oh­ne Raf­fi­ne­ment per­ma­nent ge­gen­sei­tig übers Ohr zu hau­en, an­de­rer­seits ha­ben sie in Lou­is-de-Fun­ès-Nach­fol­ge per­ma­nent trot­te­lig zu wir­ken – was so­zu­sa­gen ein schwar­zer Schi­zo-Schim­mel ist. Wie auch im­mer. In den Haupt­rol­len agie­ren drei Kof­fer, sechs Klipp­klapp­türen und ne­ben den be­reits Ge­nann­ten auch Ute Fied­ler als Ma­rie-Loui­se so­wie Jes­si­ca Higg­ins als Stu­ben­mäd­chen Ber­na­det­te. Sie al­le funk­tio­nie­ren in ih­ren Ge­len­ken pro­fes­sio­nell ge­schmiert. Bleibt noch zu klä­ren: Wie­so nur na­he­zu 100 Pro­zent Kla­mauk? Nun, in sei­ner Spät­pha­se ent­wi­ckelt der Abend noch ei­ne poin­tier­te ge­dank­li­che Re­gie-Bre­chung. Er ver­lässt das Pop-Zeit­al­ter der 1970er Jah­re und nis­tet sich im Ba­rock-Zeit­al­ter ein – dort, wo die Prot­ago­nis­ten mit ih­rem Den­ken im Prin­zip ver­haf­tet sind. Ge­nau­er: im Ab­so­lu­tis­mus. Aber aus dem Stück wird den­noch kein Mo­liè­re. ● Wie­der auf der Brecht­büh­ne am 2., 21., 25., 30., 31. De­zem­ber

Fo­to: Kai Wi­do Mey­er

Knal­lig: Rai­mund Wi­dra (Le­roi) und Klaus Mül­ler (Bar­nier).

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