Nicht mit Här­te, son­dern mit Lie­be er­reicht man Men­schen

In­ter­view Iris Ber­ben liest Ge­dich­te von Sel­ma Meer­baum-Ei­sin­ger in Gerst­ho­fen. Sie er­klärt, war­um ge­ra­de jetzt En­ga­ge­ment ge­gen Hass und Het­ze er­for­der­lich ist

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Kultur Im Augsburger Land - VON GE­RALD LIND­NER

Gerst­ho­fen „Ich bin in Sehn­sucht ein­ge­hüllt“– Ge­dich­te von Sel­ma Meer­baum-Ei­sin­ger, die mit 18 Jah­ren im KZ Mich­ailow­ka an Ty­phus starb, liest die Schau­spie­le­rin Iris Ber­ben am Sams­tag, 3. De­zem­ber, ab 19.30 Uhr in der Stadt­hal­le Gerst­ho­fen. Der in­ter­na­tio­nal ge­frag­te Pia­nist Martin Stadt­feld schafft da­zu den mu­si­ka­li­schen Rah­men. Im In­ter­view mit un­se­rer Zei­tung äu­ßert sich Iris Ber­ben zu die­ser Le­sung und zu den po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen der letz­ten Mo­na­te.

Wie sind Sie auf die Ge­dich­te von Sel­ma Meer­baum-Ei­sin­ger ge­sto­ßen?

Iris Ber­ben: Den ers­ten Zu­gang setz­te der Stern-Jour­na­list Jür­gen Ser­ke, der sich mit den ja erst in den 1960er-Jah­ren an die Öf­fent­lich­keit ge­brach­ten Ge­dich­ten aus­ein­an­der­ge­setzt hat­te. Er hat mir die Ge­dich­te der Sel­ma für Le­sun­gen und das Ein­spre­chen auf ei­ner CD an­ge­bo­ten. Mein ers­ter Ge­dan­ke war da­mals: Das kann ich nicht le­sen. Da schreibt ei­ne ganz jun­ge Frau über ih­re Ge­füh­le, und die soll­ten doch auch von ei­ner sehr viel jün­ge­ren Frau ge­spro­chen wer­den. Aber ich ha­be dann über den Bo­gen der Lie­be, der Sehn­sucht und Trau­rig­keit, auch des zor­ni­gen Mu­tes die­ser wun­der­vol­len Zei­len re­la­tiv schnell zu ihr ge­fun­den. Ich freue mich sehr, die mir in­zwi­schen so na­he­ge­kom­me­nen Tex­te nun auch auf der Büh­ne an­de­ren wei­ter­zu­ge­ben. Sel­ma Meer­baum-Ei­sin­ger wird ja üb­ri­gens oft mit An­ne Frank ver­g­li­chen. Es ist, glau­be ich, zwölf Jah­re her, dass ich mit de­ren Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen auf Le­se­tour ging. Ein Er­folg, den we­der ich noch Pro­du­zent Chris­ti­an Rei­nisch da­mals an­ge­sichts der doch „un­be­que­men“The­ma­tik er­war­tet hat­ten. Als ich 2011 dann – nach­dem der Bun­des­ver­band jun­ger Au­to­ren und Au­to­rin­nen, die Ar­min-T.-Weg­ner-Ge­sell­schaft und die Köl­ner Au­to­ren­grup­pe Faust En­de 2010 den Sel­maMeer­baum-Ei­sin­ger-Li­te­ra­tur­preis ins Le­ben ge­ru­fen hat­ten – in Sel­mas Hei­mat­stadt Czer­no­witz die Ge­dich­te vor­ge­tra­gen ha­be, emp­fand ich, auch wenn das jetzt viel­leicht ein we­nig ab­ge­ho­ben klingt, dass Sel­mas Ge­füh­le hier ge­bor­gen wa­ren. So wie ich mei­ne, dass sie, eben weil sie so per­sön­lich sind, in je­dem von uns ge­schützt sind. Ob der Ein­zel­ne nun den Mut hat, sich mit dem Grau­en der Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­zu­set­zen – un­be­rührt las­sen Sel­mas Ge­dich­te kei­nen.

Was fas­zi­niert Sie an die­sen Ge­dich­ten? Ber­ben: Zum ei­nen ist es die Bot­schaft: Trotz al­lem Grau­en je­ner Zeit nicht in Zy­nis­mus zu er­star­ren. ‚Das wei­che Was­ser bricht den St­ein – es reißt die stärks­ten Mau­ern ein …‘ - ein Kult­song der nie­der­län­di­schen Grup­pe Bots in den ‚frie­dens­be­weg­ten‘ 70ern. Und ich glau­be noch im­mer – was eben auch Sel­mas Ge­dich­te so ein­dring­lich sa­gen: Nicht mit Här­te, son­dern Lie­be er­reicht man Men­schen. Oder frei nach Gandhi: Wenn wir beim Prin­zip Au­ge um Au­ge blei­ben, sind wir bald al­le blind. Hin­zu­kommt, dass Sel­ma ne­ben der in­ne­ren Stär­ke auch ein ganz sel­te­nes ly­ri­sches Ta­lent be­saß – er­staun­lich für ein so jun­ges Mäd­chen (die ers­ten Ein­tra­gun­gen in ihr Ta­ge­buch mach­te sie 1939, mit ge­ra­de mal 15 Jah­ren). Und – auch Teil mei­ner Fas­zi­na­ti­on: Ich ha­be mehr denn je ei­ne un­be­schreib­li­che Ach­tung vor Men­schen, die Leid, Un­ge­rech­tig­keit, selbst der na­hen­de Tod in­ner­lich wach­sen las­sen. Ich ma­che die­se wie die vor­an­ge­hen­den Le­sun­gen wi­der den „Un­geist“zu­nächst für mich selbst und als Schau­spie­le­rin in dem Glau­ben, dass Kunst ei­ne selbst Krie­ge und Ter­ror über­dau­ern­de Brü­cke in die Zu­kunft ist.

Wie kam es zu dem ge­mein­sa­men Pro­jekt mit Martin Stadt­feld?

Ber­ben: Auch hier bin ich dem Pro­du­zen­ten Chris­ti­an Rei­nisch dank­bar, wel­cher mich mit Martin Stadt­feld zu­sam­men­ge­führt hat­te. Nach un­se­ren Er­fah­run­gen der ge­mein­sa­men wich­ti­gen Pro­jek­te wie „Das Ta­ge­buch der An­ne Frank“, „Ta­ge­bü­cher von Jo­seph Go­eb­bels“, „Hit- lers Tisch­ge­sprä­chen aus dem Füh­rer­haupt­quar­tier“so­wie „Ver­brann­te Bü­cher – Ver­fem­te Mu­sik“ist es mir, Chris­ti­an Rei­nisch und Martin Stadt­feld wich­tig, un­se­re Bot­schaft wei­ter­zu­ge­ben.

Wel­che Mu­sik wird er an dem Abend spie­len?

Ber­ben: Mu­sik kann an die­sem Abend zu ei­ner „Start­ram­pe“wer­den ... um die Ge­dan­ken flie­gen zu las­sen und den Kopf zu fül­len! In Zu­sam­men­hang mit die­sen Ge­dich­ten kann das sehr viel be­wir­ken. Wie Martin Stadt­feld Mu­sik ver­mit­telt, ze­le­briert und lebt, das hat et­was Welt­um­span­nen­des – ei­ne Grö­ße, in die ich mich fal­len las­sen konn­te. Bachs Mu­sik bei­spiels­wei­se hat­te für mich im­mer auch et­was sehr Sprö­des, aber in Stadt­felds In­ter­pre­ta­ti­on war nur noch mein Ge­fühl an­ge­spro­chen. Er kann los­las­sen – er ist im bes­ten Sin­ne ver­lo­ren in der Mu­sik. In un­se­rer Zu­sam­men­ar­beit konn­ten wir in der Mu­sik und in den Tex­ten ge­mein­sam nach Mo­men­ten der Sehn­sucht su­chen, nach Zu­stands­be­schrei­bun­gen die­ser Emp­fin­dungs­welt. Martin Stadt­feld hat über die­ses Pro­gramm sehr lan­ge nach­ge­dacht – ins­be­son­de­re, weil auch ei­ne Ge­fahr be­steht, dass man das ge­spro­che­ne Wort zu sehr ver­stärkt. Nach ei­nem sen­si­blen Ge­dicht, wel­ches sehr be­rührt, kann man kei­nen Trau­er­marsch spie­len. Das wä­re ei­ne zu ge­woll­te Emo­ti­on. Herr Stadt­feld möch­te den Men­schen Raum las­sen. Er hat be­wusst Wer­ke aus­ge­wählt, die man auf sehr

viel­schich­ti­ge Wei­se emo­tio­nal er­le­ben kann.

Ist solch ei­ne Le­sung für Sie ei­ne will­kom­me­ne Ab­wechs­lung zur Ih­rer um­fang­rei­chen Ar­beit für Film und Fern­se­hen? Ber­ben: Ich wür­de es nicht so for­mu­lie­ren wol­len – es ist mir wich­tig, ei­ne Mes­sa­ge zu ver­sen­den, die hof­fent­lich zum Den­ken an­regt.

Pla­nen Sie wei­te­re Le­se­pro­jek­te?

Ber­ben: Ich, oder sa­gen wir es so, wir sind al­le froh, dass In­ten­dan­ten und Kul­tur­pla­ner den Mut ha­ben, uns mit die­sem Pro­jekt ein­zu­la­den, weil auch sie hof­fent­lich das Be­dürf­nis ha­ben, ei­ne Mes­sa­ge dem Pu­bli­kum ver­mit­teln zu wol­len. So wie der der­zei­ti­ge Plan aus­sieht, sind wir erst ein­mal bis 2019 mit die­sem Pro­jekt „ge­fragt“.

Im Vor­feld zu Ih­rer Le­sung „Hit­lers Tisch­ge­sprä­che“vor ei­ni­gen Jah­ren sag­ten Sie mir im In­ter­view, dass Sie für Ihr En­ga­ge­ment ge­gen das Ver­ges­sen des Ho­lo­caust an­ge­fein­det, ja so­gar be­droht wur­den. Hat sich das in letz­ter Zeit, da die Rech­ten in Deutsch­land und Eu­ro­pa im­mer mi­li­tan­ter und of­fe­ner auf­tre­ten, ver­schlim­mert? Füh­len Sie sich we­ni­ger si­cher?

Ber­ben: Es gibt da schon mal die­se ein­sa­men Aben­de in ei­nem Ho­tel­zim­mer – zwi­schen zwei Kon­zer­ten – aber ich will nicht sa­gen, dass ich mich we­ni­ger si­cher füh­le: Nach dem Ap­plaus, der mir doch ei­gent­lich Mut macht, plötz­lich die Stil­le. Und die Fra­ge: Was än­de­re ich denn schon mit mei­nen Le­sun­gen, Fil­men, mei­nem öf­fent­li­chen En­ga­ge­ment? Klat­schen die Leu­te, weil ich nun mal zu den all­ge­mein be­kann­ten Schau­spie­le­rin­nen ge­hö­re – oder ha­ben sie auch be­grif­fen, was ich da vor­ge­tra­gen ha­be, war­um ich für 90 Mi­nu­ten vor ih­nen stand? Aber die­se Ein­brü­che sind zum Glück eher sel­ten. Im Grun­de glau­be ich, dass mein Ein­satz ge­gen rechts ge­ra­de wie­der sehr wohl Sinn macht. Es ist bis­lang noch ei­ne – wenn auch un­heim­lich er­schre­cken­de – Min­der­heit, die ins Ex­tre­me ab­rutscht. Wenn wir ge­ra­de jetzt den Hass­ti­ra­den von Pe­gi­da und Co. das Feld über­las­sen und uns ent­täuscht zu­rück­zie­hen wür­den – dann ge­rie­te all un­ser bis­he­ri­ges En­ga­ge­ment zur Far­ce. Wenn Men­schen zu­neh­mend und quer durch al­le ge­sell­schaft­li­chen, in­tel­lek­tu­el­len und po­li­ti­schen Zu­ge­hö­rig­kei­ten wie­der den dif­fa­mie­ren­den Ar­ti­kel ‚DIE‘: die Flücht­lin­ge, die Mus­li­me, die An­de­ren … – be­nut­zen; wenn ei­ne kei­nes­wegs nur schlich­te Wäh­ler­mas­se glaubt, das Kreuz auf dem Wahl­zet­tel der AfD wä­re ei­ne an­ge­mes­se­ne Rü­ge für die re­gie­ren­den Par­tei­en; wenn ei­ner die­ser un­ser Land len­ken­den Her­ren öf­fent­lich Herrn von Hin­den­burgs Irr­tum wie­der­holt, ei­ne par­la­men­ta­risch ein­ge­bun­de­ne AfD hät­te man im Griff; wenn wir ver­korks­ten, ori­en­tie­rungs­lo­sen Ju­gend­li­chen of­fen­sicht­lich das Vor­bild ge­ben, Frust und Angst auf bru­tals­te Wei­se an hilf­lo­sen Kin­dern aus­zu­las­sen – dann mei­ne ich doch, dies ist mehr als wich­tig.

Was soll­te man Ih­rer An­sicht nach tun, um die­se Ent­wick­lun­gen auf­zu­hal­ten? Ber­ben: Darf ich hier ei­ne Aus­sa­ge von Nietz­sche zi­tie­ren: „Un­se­re Pflich­ten – das sind die Rech­te auf uns selbst.“In die­sem Sin­ne ist mir der Kampf ge­gen rechts ei­ne Pflicht. Und ich fürch­te, wir wer­den in Zu­kunft die Auf­for­de­rung zum ei­gen­stän­di­gen Den­ken und Han­deln vor al­lem in uns selbst fin­den müs­sen – Vor­bil­der sind lei­der rar ge­wor­den. Ich ver­ste­he – nicht nur ra­tio­nal – na­tür­lich, dass Men­schen zu­neh­mend Angst ha­ben. Al­le­mal in den wirt­schaft­lich am Bo­den lie­gen­den neu­en Bun­des­län­dern. Wir al­le wis­sen auch, wie leicht Angst sich in Ag­gres­si­on ein Ven­til sucht. Aber ver­ste­hen heißt nicht ak­zep­tie­ren. Ich kann die Aus­wüch­se von Hass und Ge­walt nicht ent­schul­di­gen – sonst wür­de ich ein Teil die­ses Ab­grun­des. Wün­schen wür­de ich mir, wir wür­den al­le of­fe­ner uns Neu­em, viel­leicht auch uns nicht so be­kann­tem Ter­rain ent­ge­gen­tre­ten, auch zu ver­ste­hen, dass sich un­se­re Welt je­den Tag än­dert – wir nicht ste­hen­blei­ben dür­fen, uns zu ent­wi­ckeln.

Fo­to: Mal­te Chris­ti­an, dpa

Die Schau­spie­le­rin Iris Ber­ben kommt zu ei­ner Le­sung in die Stadt­hal­le Gerst­ho­fen.

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